Interview mit Titus Dittmann : Warum Skateboarden ADHS-Kindern hilft

Was hat ein Skateboard mit Ritalin und ADHS zu tun? Eine ganze Menge, wenn es nach Skateboard-Pionier Titus Dittmann geht. Er ist davon überzeugt, dass Skateboarden nicht nur das selbstbestimmte Lernen fördert, sondern auch Kindern mit ADHS-Symptomen hilft. Im Interview mit dem Schulportal spricht Titus Dittmann über die pädagogische Kraft des Skateboards.

Antje Tiefenthal / 12. Oktober 2018
Titus Dittmann zeigt einem Jungen das Skateboarden
Skateboard-Pionier Titus Dittmann engagiert sich nicht nur im Rahmen seines Projekts „Skaten statt Ritalin“ für Kinder mit ADHS-Symptomen, sondern unterstützt mit seiner Initiative skate-aid Kinder und Jugendliche in Krisen- und Kriegsgebieten auf der ganzen Welt.
©Maurice Ressel

Schulportal: Sie haben kürzlich Lehrerinnen und Lehrern in Münster Ihr Projekt „Skaten statt Ritalin“ vorgestellt. Wer im Netz dazu nach Informationen sucht, findet unterschiedliche Angaben darüber, seit wann das Projekt läuft.
Titus Dittmann: Wir waren schon lange Anlaufstelle für Kinder, die andere als Problemkinder bezeichnen. Wir kommen mit ihnen gut klar, weil wir nicht versuchen, sie zu normieren. Und dann gab es ein Team aus Ärztinnen und Ärzten, die sich auf ADHS spezialisiert haben. Das Team hatte die Idee, dass wir ADHS-Kinder auf das Skateboard bringen. Großartig! Seit inzwischen sechs Jahren lernen bei uns Kids mit viel Power das Skateboarden.

Glauben Sie wirklich, dass Skateboard fahren das Medikament Ritalin ersetzen kann?
Natürlich habe ich mit Absicht einen provokativen Titel gewählt – ich will ja, dass man mir zuhört. Mit dem Slogan meine ich nicht, dass Ritalin grundsätzlich schlecht ist oder das Skaten alle ADHS-Symptome verschwinden lässt. Das ist Schwachsinn. Trotzdem frage ich mich, wieso der Ritalin-Verbrauch in den vergangenen Jahren so stark angestiegen ist. Sind die Eltern und Lehrkräfte so überfordert oder liegt das am übersteigerten Druck in der Gesellschaft? Meine Botschaft ist: Menschen, beschäftigt euch mal mit euch selbst! Dann wisst ihr, was für unperfekte Typen ihr seid, und habt mehr Verständnis für Kinder, die nicht in eine Norm gepresst werden können.

Seit kurzem wird „Skaten statt Ritalin“ wissenschaftlich von der Uni Münster begleitet, um die positive Wirkung des Skateboardens nachzuweisen. Welche Erfolge haben Sie bisher beobachtet?
Ich sehe deutlich, wie sich bei den Kindern die Selbststeuerung und die Impulskontrolle verbessert. Ganz am Anfang kam ein Vater zu mir und meinte, sein Sohn will unbedingt teilnehmen, aber eigentlich sei das ja alles Schwachsinn. Zum Schluss des Kurses entschuldigte sich der Vater bei mir mit den Worten: ‚Ich muss Abbitte leisten. Mein Sohn kann auf einmal eine Treppe hochgehen, ohne zu stolpern. Außerdem setzt er sich jetzt von selber hin und macht Schulaufgaben. Das habe ich vorher noch nie bei ihm gesehen.‘

Titus Dittmann hockt mit einem Beim auf dem Skateboard
Titus Dittmann hat das Skateboard nach Deutschland gebracht: Ende der 70er Jahre entdeckte der Lehrer die Trendsportart, wenige Jahre später gab er seine Tätigkeit als Lehrer auf, um sich ganz dem Skateboard zu widmen.
©Privatarchiv Titus Dittmann
Titus Dittmann und seine Schüler posieren in Skater-Kleidung für ein Gruppenbild
Als Sportlehrer hat Titus Dittmann schon früh das Skateboard in die Schule geholt – lange bevor das Skateboard bundesweit bekannt wurde.
©Privatarchiv Titus Dittmann
Titus Dittmann hilft einem Kind beim Aufsetzen eines Helms
Heute engagiert sich der Skateboard-Pionier Titus Dittmann unter anderem für Kinder mit ADHS-Symptomen und zeigt ihnen das Skateboarden.
©Stefan Lehmann
Titus Dittmann lächelt in die Kamera
Titus Dittmann, Jahrgang 1948, ist nicht zu bremsen: Regelmäßig besucht er Kinder und Jugendliche in Krisen- und Kriegsgebieten auf der ganzen Welt oder hilft Kids mit ADHS-Symptomen.
©Rieke Penninger

Sie sprechen in Zusammenhang mit Ihren vielen Projekten immer wieder von der pädagogischen Kraft des Skateboards. Was ist damit gemeint?
Das bedeutet, dass Kinder, die Skateboard fahren, sich sehr gut entwickeln. Sie werden stark – auch und gerade mit Blick auf ihre Persönlichkeit. Sie fragen sich jetzt sicher: Wieso, weshalb, warum? Skateboard ist Selbstbestimmung pur! In meinen Augen ist selbstbestimmtes Lernen einer der wichtigsten Faktoren für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Bitte erklären Sie das genauer: Was hat Skateboard fahren mit Selbstbestimmung zu tun?
Die Erfolge mit dem Skateboard sind deshalb so extrem gut, weil die Kinder dabei die Möglichkeit haben, Freiräume zu finden, in denen sie sich selbstbestimmt Ziele setzen können, dabei Leidensfähigkeit entwickeln und dann das geile Gefühl erleben, selbst etwas geschafft zu haben. Man spricht in der Pädagogik auch von Selbstwirksamkeit. Ich beobachte immer wieder, wie das Skateboarden eine positive Spirale in Bewegung setzt: Die Kinder werden stark, sie trauen sich mehr zu, setzen sich deshalb höhere Ziele. So entwickelt sich das immer weiter. Das Skateboard gehört halt den Kids: Es gibt ihnen das Gefühl von ‚Hey, ich kann auch was rocken. Die Erwachsenen können nicht, was ich kann‘.

Wie haben Sie Ihre eigene Kindheit und Schulzeit erlebt?
Ich möchte nicht zu denen gehören, die rumjammern und sagen, ich bin ein Opfer und geschlagen worden. Trotzdem: Meine Schulzeit in den 50er-Jahren war Hardcore, aber ich bin damit klargekommen. Die Erwachsenenwelt hat mich immer für einen Volldeppen gehalten.

Können Sie sich noch an eine konkrete Situation erinnern?
Ja, natürlich. Mich hat zum Beispiel eines Tages der Lehrer nach vorn geholt und ich habe gedacht: Oh, jetzt habe ich endlich mal was richtig gemacht. Doch was macht der Lehrer? Er dreht mich zur Klasse und sagt: Liebe Kinder, passt gut auf, wenn aus euch im Leben nichts werden soll, dann müsst ihr nur so werden wie der Titus. Dann durfte ich mich wieder setzen. Ich war wirklich ein bisschen anders als die anderen – gehörte zu denen, die man Zappelphilipp nennt. Ich kannte von den Erwachsenen immer nur zwei Sätze: ‚Halte den Mund, wenn die Erwachsenen reden‘ oder ‚Werde doch erstmal groß‘. Wenn du das immer nur hörst, egal, was für gute Ideen du hast, dann fragst du dich: Wann werde ich endlich erwachsen, wann hört mir jemand zu? Dann habe ich das Skateboard entdeckt und das hat mich stark gemacht. Ich konnte endlich Gas geben – gegen alle Widerstände.

Sind Erfahrungen wie diese auch mit ein Grund dafür, warum Sie sich heute so intensiv für Kinder engagieren?
Ja, auf alle Fälle. Das ist ein Riesenriesenriesenantrieb, wenn ich merke, dass meine Ideen funktionieren und ich Kinder nicht nur stark, sondern sogar glücklich mache. Ich muss zugeben: Wenn ich in diese selbstbewussten, strahlenden Gesichter gucke, dann ist das so ein gutes Gefühl, dass ich egoistisch bin und immer mehr davon will.

Zur Person

  • Titus Dittmann (Jahrgang 1948) ist Skateboard-Pionier aus Münster und bezeichnet sich selbst als „Grenzgänger“, „Anstifter“, „Mutmacher“ und „Querdenker“.
  • 1977 schloss Titus Dittmann sein Lehramtsstudium ab. Zu diesem Zeitpunkt kam er das erste Mal mit dem Skateboarden in Kontakt. Sieben Jahre später beendete er seine Tätigkeit als Lehrer, um sich fortan ganz auf das Skateboarden konzentrieren zu können.
  •  Der „Anstifter“ Titus Dittmann hat die Initiative skate-aid gegründet. Skate-aid unterstützt unter anderem Kinder und Jugendliche in Krisen- und Kriegsgebieten auf der ganzen Welt.
  • Sein Projekt „Skaten statt Ritalin“ richtet sich an Kinder mit ADHS-Symptomen. Nachdem das Projekt bereits seit 2012 läuft, wird es seit März 2018 von der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster wissenschaftlich begleitet.
  • Titus Dittmann ist selbst Lehrbeauftragter für Skateboarding an der Uni Münster.
Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x