Dieser Artikel erschien am 05.07.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Arne Ulbricht

Sommerurlaub : Warum sechs Wochen Ferien für Lehrer fair sind

Doofe Sprüche hört man als Lehrer ständig. Aber an einen erinnere ich mich besonders gut, weil er mir vor einigen Jahren während einer Jugend­herbergs­familien­freizeit noch während der Vorstellungs­runde entgegen­geschleudert wurde:

„Du bist Lehrer? Na toll. Wenn ich wieder arbeiten muss, dann hast du noch vier Wochen Ferien!“

Ich stockte und dachte: So ein Scheiß... wie soll ich denn nun reagieren?

An einer Tafel steht vielfach das Wort "Ferien"
Lehrer haben lange Ferien. Aber haben sie auch frei?
©dpa

Zunächst unterdrückte ich den Impuls, mich zu rechtfertigen. Ich hätte von meinem Kollegen erzählen können, der für knapp 40 Prüfungen ein Dutzend Themen hatte stellen und die Prüfungen auch alle abnehmen müssen. Oder davon, dass Anfang des Schul­jahres ein Schüler in meiner Klasse einen tödlichen Verkehrs­unfall gehabt hatte und ich deshalb nicht nur als Lehrer, sondern auch durch­gehend als Seelsorger gefragt war.

Im Lehrerberuf passiert ständig Unvorhersehbares. Allein die Erkrankung eines Kollegen kann dazu führen, dass man einen Kurs übernehmen muss und sich die wöchentliche Arbeitszeit von einem Tag auf den anderen erheblich verlängert.

Aber hätte ich dergleichen erzählt, hätte es nicht nur wie eine Recht­fertigung geklungen, es wäre auch als Beleidigtes-Leber­wurst-Verhalten rüber­gekommen mit dem Subtext: Die Sommer­ferien reichen in meinem megaharten Stress­beruf nicht mal, um die tausend Über­stunden abzubummeln, also lass mich in Ruhe!

Für die einen ist es der Jahresurlaub, für uns sind es die Sommerferien

Dann fragte ich mich: Sind die Sommerferien nicht wirklich ungewöhnlich lang? Und war ich nicht deshalb ohne meine Frau in der Jugend­herberge, weil sie nur 30 Urlaubstage im Jahr hat? Ihr Jahres­urlaub entspricht exakt der Länge unserer Sommer­ferien.

Noch ein anderer Vater der Runde war allein mit seinen Kindern unterwegs. Er habe die ersten drei Wochen der Sommerferien Urlaub genommen, seine Frau die zweiten drei Wochen, sagte er. Das fand und finde ich: krass! Von solchen Betreuungs­dramen werden Lehrer mit schul­pflichtigen Kindern verschont.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr verstand ich den zornigen Neidanfall meines Gegen­übers. Der Vater guckte mich noch immer grimmig an. Er wartete auf eine Reaktion. Also antwortete ich: „Weißt du, die Sommer­ferien sind der Wahnsinn. Sie sind unser Bonus, denn Bonus­zahlungen für gute Arbeit bekommen wir ja nicht. Ich freue mich jedes Jahr wieder auf diese sechs Wochen, und ich genieße sie in vollen Zügen.“

Nachdem ich das gesagt hatte, lachte er und sagte: „Wow. Endlich mal einer, der dazu steht. Kann halt nicht jeder Lehrer sein.“

Genau! Aber ich bin es. Und ich lasse mir durch nichts und niemanden meine Sommer­ferien vermiesen. Und das empfehle ich auch meinen vielen Tausend Kolleg­innen und Kollegen. In diesem Sinne wünsche ich uns: Schöne, lange Ferien!

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