Beziehungsgestaltung : Warum Schulgemeinschaften auch Familien sind

Homeschooling, Distanzlernen, Videokonferenzen: Die Coronapandemie stellt die Beziehungsarbeit an den Schulen auf die Probe. Das Camp des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial hat gezeigt, dass viele von ihnen in den vergangenen Monaten mit viel Engagement und Ideenreichtum bewiesen haben, wie pädagogische Beziehungen auch in Distanz wirksam gestaltet werden können. Der Bildungsforscher Stefan Markus vom Institut für Bildungsforschung der School of Education der Bergischen Universität Wuppertal erklärt im Interview, was der Kern gelingender Beziehungsarbeit ist und welche Komponenten wichtig sind, um Schülerinnen und Schülern eine emotionale Heimat zu bieten. Er beleuchtet zudem, welches Potenzial digitale Medien für die Gestaltung pädagogischer Beziehungen haben und welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, damit Schulen ihre innovativen Konzepte weiterverfolgen können.

Katrin Weiden / 21. März 2021 / 1 Kommentar
Homeschooling
©dpa

Die Coronapandemie wirkt als Innovationsbeschleunigung an den Schulen. Viele haben sich in kürzester Zeit auf die neue Situation eingestellt und eine große Veränderungsbereitschaft gezeigt. Wie haben die Schulen es geschafft, trotz Distanzunterricht Nähe herzustellen und Beziehungen zu stärken?
Ein wichtiger Punkt ist die Veränderungsbereitschaft. Die Reaktion auf Schulschließungen kann entweder Verweigerung und Resignation sein, oder man nimmt die veränderten Bedingungen zum Anlass, Schule an sich, aber vor allem die Beziehungsgestaltung neu zu denken. Das haben viele der Bewerberschulen gemacht. Beziehungen sind nicht unbedingt abhängig von räumlicher Nähe. Es kommt darauf an, wie die verschiedenen Möglichkeiten, miteinander in Beziehung zu treten, genutzt werden. Egal ob das vor Ort oder zu Hause ist. Der Kern gelingender Beziehungsarbeit bleibt derselbe – nämlich gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Vertrauen. Das sind die immanenten Bestandteile gelingender Beziehungen auf allen Ebenen. Das gilt für die Lehrkraft-Schulkind-Beziehung, die Peer-Beziehungen zwischen den Schülerinnen und Schülern, aber auch für die Beziehungen zwischen Schulleitungen, Lehrkräften, Eltern und Schulsozialarbeit, eigentlich allen Akteuren der Schulfamilie. Wie in jeder Familie fühlt man sich dann besonders wohl, wenn man spürt, dass da jemand ist, auf den ich mich verlassen kann, der für mich da ist, der sich für meine Gefühle und Gedanken interessiert, der sich um mich sorgt.

Wie in jeder Familie fühlt man sich dann besonders wohl, wenn man spürt, dass da jemand ist, auf den ich mich verlassen kann, der sich um mich sorgt.

Videokonferenzen, Coaching, Telefonseelsorge, Buchprojekte: Die Schulen, die am Camp des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial teilgenommen haben, zeigen, dass die Coronapandemie die Beziehungsarbeit an den Schulen verändert. Welche Kommunikationsstrukturen und -wege sind aus Ihrer Sicht geeignet, damit die pädagogische Beziehung zu jeder Schülerin, jedem Schüler aufrechterhalten werden kann? Kommt es auf das Medium der Kommunikation an?
Es kommt weniger auf das Medium an als auf die wertschätzende Haltung, die Lehrkräfte über das jeweilige Medium vermitteln und mit der sie Anerkennung und Vertrauen ausdrücken, zum Beispiel durch Freundlichkeit. Es geht um Anteilnahme und Empathie. In der realen Begegnung geschieht ja ganz viel auf der nonverbalen Ebene, durch Gestik, Mimik, ein Schulterklopfen – diese Möglichkeiten sind beim Distanzlernen natürlich stark eingeschränkt. Deswegen kommt es hier noch mehr auf einen wertschätzenden Schriftverkehr an, zum Beispiel auf individuelle Rückmeldungen für Schülerinnen und Schüler. Sich bei ihnen zu erkundigen, wie es ihnen geht, aber auch Eltern für ihren Einsatz zu danken, die Situation mit einzubeziehen, in der sie sich gerade befinden. Das funktioniert an der einen Schule gut durch Videokonferenzen, Telefonangebote oder digitale Austauschmöglichkeiten. Und bei der anderen Schule gehen Lehrkräfte wenn nötig auch mal zu jedem Kind nach Hause und machen Unterricht am Küchenfenster. Die Ideen, die die Bewerberschulen präsentiert haben, sind hier unglaublich vielfältig und kreativ. Da kann man nicht ein Medium hervorheben, weil jede Schule ihren eigenen Weg finden muss, um ihren Schülerinnen und Schülern individuell gerecht zu werden und ihnen zu zeigen: Du bist mir wichtig.

Jede Schule muss ihren eigenen Weg finden, um ihren Schülerinnen und Schülern individuell gerecht zu werden und ihnen zu zeigen: Du bist mir wichtig.

Während der Pandemie wurde deutlich, dass Schule mehr ist als ein Lernraum, nämlich vor allem auch ein Lebens- und Begegnungsraum, in dem das Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl im Mittelpunkt steht. Die Schulen waren hier sehr ideenreich, stärkten zum Beispiel durch Challenges oder Podcasts das Miteinander, schufen durch YouTube-Shows einen digitalen Pausenhof oder führten virtuelle Projekttage durch. Welcher Komponenten bedarf es, um den Schülerinnen und Schülern eine emotionale Heimat bieten zu können?
Einen Erklärungsansatz bietet die Selbstbestimmungstheorie, die besagt, dass Menschen drei Basisbedürfnisse aufweisen. Das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit: Menschen wollen sich in engen Beziehungen befinden, sie wollen respektiert und umsorgt werden. Das Bedürfnis nach Kompetenzempfinden: Wir wollen uns als wirksam erleben und von unseren Fähigkeiten überzeugt sein. Und das Bedürfnis nach Autonomie: Wir wollen uns selbst als Verursacher und als motivational und kognitiv selbstbestimmt erleben. Pädagogische Beziehungen an Schulen sollten darauf ausgerichtet sein, diese drei psychologischen Basisbedürfnisse zu befriedigen, damit alle Beteiligten sich wohlfühlen. Das verdeutlichen viele der Bewerberschulen. Ein Beispiel ist etwa die YouTube-Show, die zu Beginn der Pandemie von einem Schulleiter gestaltet wurde. Nach und nach wurden immer mehr Beiträge von Schülerinnen und Schülern in die Show aufgenommen. Sie konnten mitgestalten, mitbestimmen und haben sich auf diese Weise kompetent gefühlt, weil ihre Meinung gefragt war. Dadurch ist die Show zu einem Gemeinschaftsprojekt geworden. Inzwischen wird die Show komplett von den Jugendlichen gestaltet, es sind neue Formate in Kooperation zwischen Schülerschaft und Lehrkräften entstanden. Das ist genau dieses Dreieck aus sozialer Eingebundenheit, Kompetenz und Autonomie, das ich beschrieben habe. In der englischsprachigen Literatur wird von „Caring“ gesprochen, im Sinne einer demokratischen Beziehung voller Wertschätzung, Respekt und Fürsorge. Das sind die zentralen Komponenten der Beziehungsgestaltung, damit alle Akteure sich wohlfühlen.

Mottos wie „We are family“, „Das betrifft uns alle gemeinsam“ oder „Wir sind ein starkes Team“ haben Schulen durch die Pandemie geleitet. Welche Haltung kommt für Sie hier zum Ausdruck?
In jedem Motto wird das Gemeinschaftsgefühl stark betont. Wenn ich auf die Selbstbestimmungstheorie zurückkomme, geht es um die soziale Eingebundenheit. Wichtig ist, dass es sich um ein Geben und Nehmen handelt. Deswegen gefallen mir die Mottos – mit ihnen sind alle Ebenen der Schulfamilie gemeint. Je mehr sich die Lehrkräfte in ihren eigenen Grundbedürfnissen nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit durch die Schulleitung unterstützt fühlen, desto eher können sie das auch an ihre Schülerinnen und Schüler weitergeben und deren Basisbedürfnisse unterstützen. Dasselbe gilt auch für Vertrauen: Sowohl Vertrauen zu geben als auch Vertrauen ausgesprochen zu bekommen, erhöht die Interaktionsqualität von Beziehungen in der gesamten Schule und damit auch die soziale Eingebundenheit aller Beteiligten. Das heißt, diese Orientierung an den Bedürfnissen aller Akteure und das gegenseitige Vertrauen spielen im Schulentwicklungsprozess eine ganz entscheidende Rolle. Nur mit Vertrauen innerhalb des Kollegiums gelingt es, die Bereitschaft für Innovationen und die Weiterentwicklung an Schulen zu fördern. Schulen mit solchen Mottos, die die Gemeinschaft und das Vertrauen betonen, haben im vergangenen Jahr viel Innovationsbereitschaft, Engagement und Kreativität gezeigt, um auch unter Pandemiebedingungen ihre Unterrichts- und Schulentwicklung bestmöglich voranzubringen. Je besser es einer Schule gelingt, Vertrauen zu schaffen und sich als Gemeinschaft auch im digitalen Raum zu erleben, desto positiver kann sie die sozialen Beziehungen gestalten.

Je besser es einer Schule gelingt, Vertrauen zu schaffen und sich als Gemeinschaft auch im digitalen Raum zu erleben, desto positiver kann sie die sozialen Beziehungen gestalten.

Während der Schulschließungen verlagerte sich das Schulleben in den virtuellen Raum. Viele Schulen mussten nun auf digitale Medien zurückgreifen, um die Beziehungen zu ihren Schülerinnen und Schülern aufrechtzuerhalten. Wie schätzen Sie das Potenzial digitaler Medien für die Beziehungsarbeit nach Corona ein?
Digitale Medien können eine wunderbare Unterstützung in der Kommunikation sein, das zeigt das vorige Jahr. Es gibt viele Möglichkeiten, um zum Beispiel online zusammen an einem Projekt zu arbeiten, sich auszutauschen, gemeinsam kreativ zu werden. Es kommt nicht so sehr auf die Art der Medien an als auf die Menschen, die sie einsetzen, ob digital oder analog. Medien können per se keine Garantie, aber auch kein Hinderungsgrund sein, dass pädagogische Beziehungen funktionieren. Wir alle haben in den vergangenen Monaten gemerkt, wie schwierig es ist, enge Beziehungen auf Distanz zu entwickeln. Wir haben aber auch gemerkt, dass es dank moderner Technologie möglich ist. Die Stärken sehe ich vor allem in der Flexibilität und Individualität, wie digitale Medien eingesetzt werden können. Viele Lehrkräfte sind in den vergangenen Monaten offener geworden, diese Möglichkeiten zur Differenzierung und Individualisierung von Lernprozessen oder zur Steigerung des selbstgesteuerten Lernens einzusetzen. Lehrkräfte sind auch im digitalen Raum durch ihr Verhalten immer Vorbild: Je wertschätzender ich mit meinen Schülerinnen und Schülern umgehe, desto wertschätzender werden sie sich auch untereinander und mir gegenüber verhalten. Ich hoffe, dass Lehrkräfte diese Aufgabe, digitale Kompetenzen zu vermitteln, was ja auch viel mit sozialen Kompetenzen zu tun hat, weiterverfolgen. Und ich hoffe, dass nach Corona nicht zum Status quo zurückgekehrt wird. Es muss aber auch klar sein, dass ein Messenger-Chat kein Face-to-Face-Einzelgespräch ersetzen kann, insbesondere mit Blick auf die Beziehungskomponente.

Eine Erkenntnis aus dem vergangenen Jahr ist, dass Beziehungen Zeit und multiprofessionelle Teams brauchen. Wie können Schulverwaltungen und Schulaufsichten die Schulen hier unterstützen? Welche Rahmenbedingungen müssen für gute Beziehungsarbeit erfüllt sein?
Zeit ist wohl die wichtigste Ressource einer gelingenden Beziehung: Zeit, sich der einzelnen Schülerin, dem einzelnen Schüler widmen zu können, auf deren Meinung und Befinden wirklich einzugehen. Ich glaube, die Zeit-Ressource wird sehr unterschätzt, wenn es um die pädagogische Beziehung geht. Meiner Meinung nach bedarf es auch an jeder Schule, unabhängig von der Schulart, Sonderpädagoginnen und -pädagogen, Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter sowie Schulpsychologinnen und -psychologen. Und die Möglichkeit zu außerschulischen Kooperationen, um die Schulfamilie zu erweitern. Einige Schulen haben beim Schulpreis-Camp davon berichtet, dass sie während der Pandemie, losgelöst vom Curriculum und ohne Notendruck, neue Fächer entwickelt und soziale Aspekte des Miteinanders in den Mittelpunkt gestellt haben. Das sind faszinierende Ideen, wie man kreativ und offen mit der neuen Situation umgeht. Man sieht hier, dass Schulen die ihnen zugestandene Autonomie individuell sehr gut zu nutzen wissen, um für ihre Klientel passende Angebote zu schaffen. Die Schulaufsicht sollte das Vertrauen in ihre Schulen haben, dass sie ihre Handlungsmöglichkeiten kompetent einsetzen. Ein allgemeingültiges Patentrezept für gelingende pädagogische Beziehungen gibt es nicht. Die Schulen brauchen die Möglichkeiten und Ressourcen, sie individuell ausgestalten zu können, auch wenn das in keinem Lehrplan steht – zumindest noch nicht.

YouTube

Mit Klick auf „Video laden“ stimmen Sie zu, dass Youtube Cookies setzt und Daten (z.B. IP-Adresse) erhebt, die auch der Analyse des Nutzungsverhaltens, zum Ausspielen individualisierter Werbung im Google Werbenetzwerk oder der Verknüpfung mit einem Google-Konto dienen und in Drittländer (z.B. USA) übertragen werden können. Die Einwilligung ist freiwillig und jederzeit widerrufbar. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und bei Google.

Video laden

Vortrag von Stefan Markus beim Digitalen Impuls zum Thema „Beziehungen wirksam gestalten”

Zur Person

  • Dr. Stefan Markus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungsforschung in der School of Education der Bergischen Universität Wuppertal.
  • Der Bildungsforscher gehört zum Team der BASiS-Studie – Beziehungsgestaltung, Autonomie und Soziale Eingebundenheit in der Schule. Die Studie ist Teil des Programms „Wie geht gute Schule? – Forschen für die Praxis“, das von der Robert Bosch Stiftung und der Deutschen Schulakademie ins Leben gerufen wurde. Ziel ist es, die exzellente Schulpraxis der Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises systematisch zu erforschen.
  • Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Lern- und Leistungsemotionen und soziale Emotionen in Schule und Unterricht, die Autonomieunterstützung und Öffnung von Unterricht sowie die Lehrkraft-Schulkind-Interaktion.
Stefan Markus
©Stefan Markus/privat

In der Broschüre zum Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial finden Sie die ausführlichen Laudationes der Jury und Porträts der Preisträgerschulen. Außerdem werden hier zentrale Erkenntnisse der Bewerberschulen im Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie zusammengefasst.

Die Gewinner stehen fest

Sehen Sie hier die Aufzeichnung der Preisverleihung.

Zur Sendung