Argentinien : Warum Gendern an Schulen in Buenos Aires verboten ist

Im Spanischen gibt es elegante Lösungen fürs Gendern, inklusive Sprache ist Teil der argentinischen Jugendkultur – doch nun gibt es Streit und Buhrufe in den Schulen.

Dieser Artikel erschien am 10.08.2022 in der Süddeutschen Zeitung
Christoph Gurk
Die feministische Bewegung in Argentinien hat bewirkt, dass inklusive Sprache heute ein Bestandteil der Jugendkultur ist.
Die feministische Bewegung in Argentinien hat bewirkt, dass inklusive Sprache heute ein Bestandteil der Jugendkultur ist.
©unsplash

Der Schwur auf die Fahne ist im Leben argentinischer Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse ein feierlicher Moment. Eltern und Verwandte kommen an diesem wichtigen Tag im Juni in die Schule, um dabei zuzusehen, wie die Kinder einen Eid ablegen auf die blau-weiße National­flagge und die mit ihr verbundenen Werte: Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit. In Berisso aber, einer kleinen Stadt in der Provinz Buenos Aires, gab es dieses Jahr Buhrufe statt Applaus. Der Grund: Eine lokale Politikerin hatte den Text des Schwurs etwas abgewandelt, dort, wo normaler­weise der Buchstabe O steht, war bei manchen Wörtern nun ein E, aus argentinos wurde so auf einmal argentines.

Grammatikalisch ist das nicht korrekt, politisch aber in gewissen Kreisen durchaus. Denn das E ist im Spanischen eine Form der geschlechter­gerechten Sprache. Über sie wird auch in Deutschland gerade heftig gestritten: Arbeit­nehmer*innen, Auto­fahrende, Sozial­hilfe beziehende Person – muss das wirklich sein? Behörden, Ministerien und viele Unternehmen meinen: auf jeden Fall. Sie erlassen Leitfäden, um alle Geschlechts­identitäten anzusprechen. Die Bild-Zeitung dagegen fordert: „Schluss mit dem Gender-Unfug!“, und das Landgericht Ingolstadt musste sich zuletzt sogar mit einer Klage eines VW-Angestellten befassen, der seine Persönlichkeits­rechte verletzt sah, weil Kollegen von der Tochterfirma Audi in Mails von „Mitarbeiter_innen“ schrieben.

Kurz: Die Stimmung ist gereizt, in Argentinien aber längst in offenen Streit umgeschlagen. Eltern buhen Lokal­politiker aus, wenn diese es wagen, den Text des Fahneneids auf Inklusion zu trimmen. Und in der Stadt Buenos Aires ist es Lehrerinnen und Lehrern seit ein paar Wochen sogar bei Androhung von Strafe untersagt, geschlechter­gerechte Sprache zu verwenden, wenn diese der Grammatik wider­spricht.

„Vollkommener Quatsch“

Die Maßnahme hat durchaus Lob und Beifall ausgelöst. Der Bürgermeister der Stadt, Horacio Rodríguez Larreta, begründete sie damit, dass viele Schülerinnen und Schüler nach der Pandemie Lernprobleme hätten: „Diese zeigen sich vor allem im Spracherwerb.“ Darum, glaubt der konservative Politiker, sei es wichtig, die Kinder und Jugendlichen nicht zu verwirren mit Konstruktionen wie les argentines, argentinxs oder argentin@s.

„Vollkommener Quatsch“, sagt dagegen Victoria Liascovich. „Das Bildungs­system in Argentinien hat Hunderte Probleme, geschlechter­gerechte Sprache aber ist ganz sicher keines.“ 17 Jahre alt ist Liascovich, sie besucht das Colegio Nacional de Buenos Aires, eine der renommiertesten öffentlichen Schulen ganz Argentiniens, an der sie auch die Schüler­sprecherin ist. Natürlich gebe es auch bei ihr Klassen­kameraden und Mitschülerinnen, die sich an gegenderten Wörtern stören, ebenso wie Lehrkräfte. Niemand aber würde ja dazu gezwungen, sie zu benutzen, im Gegenteil: „Die meisten machen das freiwillig.“

Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied von Argentinien zu Deutschland: Während geschlechter­gerechte Sprache hierzulande oft etwas Steifes, Behörden­haftes hat, ist es in Argentinien unter Jugendlichen in den großen Städten selbst­verständlich bis cool, von les amigues zu sprechen, statt los amigos zu sagen. Hipsterläden verkaufen T-Shirts, auf denen die Personal­pronomen inklusiv durch­dekliniert werden, und Influencer begrüßen im Netz ihr Millionen­publikum fröhlich mit „hola todXs“.

Dass inklusive Sprache in Argentinien heute auch Bestandteil der Jugendkultur ist, hat vor allem mit der riesigen feministischen Bewegung zu tun, die es seit ein paar Jahren in dem Land gibt. Nach einer Reihe von brutalen Frauen­morden gingen von 2015 an Hundert­tausende junge Argentinierinnen unter dem Motto „Ni una menos“ auf die Straße, auf Deutsch in etwa „Nicht ein Opfer mehr“. Aus den Protesten gegen Gewalt gegen Frauen entwickelte sich die Forderung nach Legalisierung von Abtreibung und mehr Gleich­berechtigung, im Job, im Alltag, aber auch in der Sprache. Wieso, fragten viele, heißt es las chicas, wenn drei Mädchen zusammen­stehen, aber los chicos, sobald ein Junge dazukommt?

Viele Fortschritte in einem eigentlich sehr konservativen Land

Unterstützung kam von Argentiniens links-peronistischer Regierung. Ihre Partei, die Frente de Todos, benutzt in ihrem Logo plakativ eine Sonne statt des letzten (und damit maskulinen) O. Argentinien hat feste Quoten für trans Menschen in öffentlichen Ämtern eingeführt, 2020 die Abtreibung legalisiert, und wer möchte, kann sich heute in seinem Personal­ausweis ein non-binäres Geschlecht eintragen lassen.

Doch bei aller inklusiven und feministischen Politik ist Argentinien in weiten Teilen auch immer noch ein sehr konservatives Land, das zu allem Überfluss politisch auch noch tief gespalten ist. Das Verbot der geschlechter­gerechten Sprache in der Stadt Buenos Aires habe darum auch weniger mit der Sorge um die Lernerfolge von Kindern und Jugendlichen zu tun, glaubt Victoria Liascovich, als vielmehr mit einem politischen Manöver. „Bürgermeister Larreta ist auf Stimmenfang“, sagt die Schülersprecherin. Nächstes Jahr sind in Argentinien Wahlen, und es ist ein offenes Geheimnis, dass das Stadt­ober­haupt von Buenos Aires gerne als Kandidat antreten würde.

Bei vielen jungen Argentinierinnen und Argentiniern habe er mit dem Verbot der geschlechter­gerechten Sprache für Lehrkräfte aber eher Unverständnis ausgelöst, glaubt Liascovich. Ihre Schule ist als eine der wenigen nicht von dem Verbot betroffen, weil sie vom Staat abhängig ist, nicht von der Stadt. In den Gängen und Fluren hängen also weiter Plakate, auf denen die Vokale an den Wortendungen durch inklusive @, E oder X ersetzt wurden.

Ihr und den meisten ihrer Freunde, sagt Liascovich, sei es aber ohnehin egal, was die Politik sagt, die Grammatik oder auch die alt­ehrwürdige Real Academia Española, die vom fernen Spanien aus über den Sprachgebrauch in der hispanofonen Welt wacht. „Sprache ist doch etwas, das sich immer verändert“, sagt sie. Und oft hinkt dann eben nicht nur die Grammatik hinterher, sondern auch Teile der Gesellschaft.