Hans Anand Pant im Interview : Warum die Martinschule die Schule des Jahres ist

Der Deutsche Schulpreis 2018 geht an die Martinschule in Greifswald. Was sie zum Vorbild macht, erklärt Hans Anand Pant, Geschäfts­führer der Deutschen Schulakademie, im Interview.

Antje Tiefenthal / 14. Mai 2018
Portrait von Hans Anand Pant
©Die Deutsche Schulakademie/David Weyand

Deutsches Schulportal: Warum geht der Hauptpreis an die Martinschule?
Hans Anand Pant: Inklusion ist anstrengend – diese Auffassung teilen in Deutschland viele Eltern, Lehr­kräfte und Bildungs­politiker. Die Martinschule in Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern, ist den Weg der „umgekehrten“ Inklusion gegangen, und das sehr erfolg­reich. Nach einem Besuch der Martinschule Greifswald fühlt man sich bestätigt: Ja, Inklusion ist anstrengend – und sie gelingt nicht zum Null­tarif! Aber Inklusion lohnt sich. Die Martinschule steht modellhaft für eine inklusivere Gesellschaft.

Nach einem Besuch der Martinschule Greifswald fühlt man sich bestätigt: Ja, Inklusion ist anstrengend – und sie gelingt nicht zum Nulltarif!
Hans Anand Pant, Erziehungswissenschaftler

Wie wirkt sich die „umgekehrte“ Inklusion an der Martinschule auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus?
Die Idee des gemeinsamen Lernens von gehandicapten und nicht­gehandicapten Kindern wird in der Martinschule konsequent ausgereizt. Ungefähr die Hälfte der Kinder hat hier einen sonder­pädagogischen Förder­bedarf diagnostiziert bekommen. Jedes Kind erlebt hier sowohl binnen­differenziertes Lernen in stabilen Stamm­gruppen als auch äußere Differenzierung, die die Förderung individueller Begabungen und Neigungen in flexiblen Lern­gruppen ermöglicht. Die Leistungen der „normalen“ Schüler­innen und Schüler an der Martinschule leiden darunter nicht. Im Gegen­teil: Sie schneiden regel­mäßig in landes­weiten Lern­stands­erhebungen und zentralen Abschluss­prüfungen über dem Landes­durch­schnitt ab. Und das, obwohl – oder gerade, weil – auf Ziffern­noten bis zur neunten Klasse verzichtet wird.

In guten Schulen sind Lehrkräfte Teamplayer und keine Einzelkämpfer

Was können andere Schulen, die auf dem Weg zur Inklusion sind, von der Martinschule lernen?
Die Martinschule zeichnet sich durch eine starke Eltern- und Schüler­partizipation, besondere förder-diagnostische Kompetenz des Lehr­personals sowie ausgeprägte Kooperation in multi­professionellen Team­strukturen aus. Gehandicapte Jugendliche können systematisch Selbst­wirksamkeits­erfahrungen machen. Hinter den professionell reflektierten Alltags­routinen lebt in der Martinschule aber vor allem eines: der unbedingte Wille, das „Anderssein“ der Kinder und Jugendlichen radikal zu akzeptieren und wert­zuschätzen. Das ist vorbildlich!

Gute Schulen zeichnen sich heute durch eine ausgeprägte Feedbackkultur auf allen Ebenen aus.
Hans Anand Pant, Erziehungswissenschaftler

Wie sieht gute Schule 2018 aus?
Gute Schulen zeichnen sich heute durch eine ausgeprägte Feed­back­kultur auf allen Ebenen aus. Ihre Lehr­kräfte verstehen sich eher als Team­player und weniger als Einzel­kämpfer. Gute Schulen suchen außerdem nach Netz­werken im sozialen Umfeld. Vor allem aber haben sie eine Leistungs­kultur mit einem weit gefächerten, positiven Leistungs­begriff entwickelt.

Veränderungsbereite Schulen profitieren vom Erfahrungsschatz der Preisträgerschulen

Die Robert Bosch Stiftung hat insgesamt sechs Schulen ausgezeichnet. Wie geht es jetzt weiter?
Nach über zehn Jahren ist aus dem Deutschen Schulpreis jetzt erheblich mehr geworden als der Wett­bewerb selbst: Es ist ein bundes­weites Netz­werk guter Schulen entstanden, das heute das Herz­stück der Deutschen Schulakademie bildet. Die Akademie arbeitet mit den erfolg­reichen Konzepten der Preis­träger weiter. Auch die neuen Preis­träger werden Teil dieses Netz­werks sein. Die exzellente Praxis der Preis­träger­schulen ist ein Erfahrungs­schatz, den die Akademie unter Einbezug von aktuellen wissen­schaftlichen Erkenntnissen so weiter­entwickelt, dass veränderungs­bereite Schulen davon lernen und profitieren können. Dazu bieten wir Fortbildungen, Veranstaltungen und Hospitationen an den Preis­träger­schulen an. Die Preis­träger­schulen treffen sich einmal jährlich zur Konferenz der Preis­träger. Sie wählen vier Sprecher­innen und Sprecher und entsenden Vertreterinnen und Vertreter aus ihrem Kreise in das Programm­team, das für die inhaltliche Ausrichtung der Deutschen Schulakademie zuständig ist. Darüber hinaus sind sie von der Entwicklung bis zur Durch­führung in die Programme der Deutschen Schulakademie eingebunden. Im Forschungs­programm „Wie geht gute Schule? – Forschen für die Praxis“ unter­suchen wir die exzellente Schul­praxis der Preis­träger­schulen, um die „Transfer“-Lücke zwischen Bildungs­forschung und Schul­praxis zu schließen.

Zur Person

  • Hans Anand Pant hat an der Philipps-Universität Marburg Psychologie und Soziologie studiert und an der Freien Universität (FU) Berlin in Psychologie promoviert.
  • Nach Forschungsaufenthalten an der University of Michigan in Ann Arbor und der Stanford University war er drei Jahre wissen­schaftlicher Leiter des Instituts für Schul­qualität der Länder Berlin und Brandenburg an der FU Berlin.
  • Seit 2010 ist er Professor für Erziehungs­wissenschaftliche Methoden­lehre an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Gemeinsam mit Petra Stanat leitete Hans Anand Pant bis Mitte 2015 das Institut zur Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen.
  • Seit 2011 ist er Mitglied in der Jury des Deutschen Schulpreises.
  • Seit 1. Juni 2015 verantwortet er als Geschäfts­führer das Programm der Deutschen Schulakademie.
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