Besondere Schülerfahrt : Von Kronberg nach Kreisau

Es geht nicht um eine Elitetruppe, aber eine Auszeichnung ist es schon: Die Altkönigschule schickt Jugendliche auf eine Reise nach Polen. Urlaub wird das nicht.

Dieser Artikel erschien am 20.11.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florentine Fritzen
Gesprächsrunde: Schüler, die Projektleiter Daniel Keiser und Martin Fichert sowie Schulleiter Martin Peppler (re.)
Gesprächsrunde: Schüler, die Projektleiter Daniel Keiser und Martin Fichert sowie Schulleiter Martin Peppler (re.)
©Wonge Bergmann

Als das Wort „Auszeichnung“ zum ersten Mal fällt, hat der Gong, der im Klassenzimmer ans regelmäßige Lüften erinnert, schon mehrmals geläutet, und die Jugendlichen haben etliche Gründe aufgezählt, warum sie beim Kreisau-Projekt der Altkönigschule mitmachen. Von der Auszeichnung, die das bedeutet, hat niemand gesprochen, das übernehmen später die Lehrer Martin Fichert und Daniel Keiser. Mit nach Kreisau darf nur ein gutes Dutzend fahren, nominiert von den Geschichts- und Powi-Kollegen der kooperativen Gesamtschule mit mehr als 1400 Kindern und Jugendlichen in Kronberg.

Die Jugendlichen reden stattdessen von Vorfreude – vor allem auf den Austausch mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern über die Zeit des Nationalsozialismus. Fünfzig Schülerinnen und Schüler aus fünf Nationen werden sich im nächsten September in einer Begegnungsstätte auf dem Gut der Familie Moltke bei Breslau treffen. Zusammen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern werden sie sich in die Geschichte des „Kreisauer Kreises“ vertiefen, jener bürgerlich-zivilen Widerstandsgruppe, die auf dem niederschlesischen Gut Pläne schmiedete, Deutschland nach dem Sturz der NS-Herrschaft neu zu gestalten, staatlich, wirtschaftlich und sozial. Es gibt viel Programm. Und wenige Pausen.

Hanna meldet sich als Erste. Sie ist neugierig auf den Blick der Polen, Spanier, Tschechen und, wenn alles klappt, auch der Belarussen auf den Nationalsozialismus. Besonders die Perspektive der osteuropäischen Staaten interessiert sie. Jean ist wie einige im Raum im Geschichts-Leistungskurs, sie erhofft sich besondere Eindrücke am Ort des historischen Geschehens. So hat sie es schon auf einer Klassenfahrt erlebt, als sie im Konzentrationslager Buchenwald war. Die internationale Jugendbegegnungsstätte im polnischen Dorf Krzyzowa ist auf dem Familiensitz Helmuth James Graf von Moltkes, auf dem sich der „Kreisauer Kreis“ seit 1940 traf. Margret reizt besonders das historische Forschen, „der leicht detektivische Aspekt“.

Nur zwei waren schon in Polen

Bei anderen ist Geschichte nicht das „Allerlieblingsfach“, aber sie beschäftigen sich außerhalb der Schule damit, in Gesprächen mit der Familie, mit Büchern, Dokumentationen und Romanverfilmungen wie „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Mehrere sprechen auch noch vom jüngsten Projekt der Kreisau-AG im Oktober, einer Lesung mit Jennifer Teege aus „Mein Großvater hätte mich erschossen“. Die Autorin ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers – und Enkelin eines KZ-Kommandanten.

Das Kreisau-Projekt gibt es seit 1994, Martin Fichert ist seit zehn Jahren dabei. Bei der Auswahl gehe es um außergewöhnliches Interesse an den Fächern Geschichte und Powi, aber nicht darum, eine „Elitetruppe“ zu re­krutieren, sagt der Geschichts- und Sportlehrer, der die Fahrt zusammen mit seinem Deutsch- und Powi-Kollegen Keiser organisiert. „Die müssen keine 1 oder 2 haben.“ Aber der Ansatz sei eben auch nicht, zu sagen: „Wer hat mal Lust, nach Polen zu fahren, kommt bitte dann und dann vorbei.“ Die Woche mit Vorträgen der Lehrer aus den fünf Ländern sei „sehr arbeitsintensiv“. An den Abenden stellen die Gruppen ihr Land und ihre Schule vor.

Nur zwei Schülerinnen waren schon einmal in Polen, eine im Familienurlaub an der Ostsee. Bei der anderen ist es lange her. „Ich glaube, es war in Warschau.“ In der Kreisau-Woche werden sie hauptsächlich auf dem Gut sein, mit Glück ist dann auch Helmuth Caspar von Moltke dort, der Sohn des Widerständlers. Auf dem ehemaligen deutschen Friedhof aus schlesischer Zeit werden sie mit Gartenhandschuhen und Scheren Gräber pflegen, die ohne den Besuch der Jugendlichen verwildern würden. Sie werden im Tante-Emma-Laden des 200-Einwohner-Dorfs Kleinigkeiten kaufen und mitbekommen, dass etwa ein Drittel der Leute für das Gut arbeitet. Einmal geht es nach Breslau, einmal ins Konzentrationslager Groß-Rosen.

Schule hofft auf Spenden

Sehr gutes Sozialverhalten ist eine weitere Voraussetzung. Danach gefragt, schnellen die Finger der Jugendlichen noch einmal hoch. Fast alle sagen, wo sie sich einbringen. Patrick im Kronberger Jugendrat und bei der Feuerwehr, Jiwon in einer deutsch-südkoreanischen Geschichtsgruppe zum Zweiten Weltkrieg, Hanna als Messdienerleiterin, Hannah als Jugendwart im Reitklub und Schulsanitäterin, Margret als stellvertretende Schulsprecherin.

Schulleiter Martin Peppler nennt das Projekt ein wichtiges Standbein der UNESCO-Projektschule. Trotz der Unterstützung der Stadt und des Lions Clubs hofft die Schule noch auf Spenden, denn allein der Bus kostet 2500 Euro.

In der Corona-Zeit sind die Fahrten ausgefallen. Diese Erfahrung der nur ein Jahr Älteren fehlte jetzt, berichtet Geschichtslehrer Fichert: wie die Spanier aus Gran Canaria schon vorher anreisen und zusammen mit den Kronbergern im Bus nach Krzyzowa reisen. Dass die Fahrt zehn bis 13 Stunden dauert. Dass die Nationen auf den Zimmern gemischt sind, aber niemand ohne Vertrauten aufs Zimmer muss. Dass die Arbeitssprache Deutsch ist. Dass es vielleicht einen Polnisch-Crashkurs gibt.

Die Schülerinnen im Raum können sich vieles nicht so konkret vorstellen wie Vorgänger-Generationen – und wie Lea und Annika. Die beiden sind in der AG, obwohl sie nicht mehr mitfahren können: Sie machen ihr Abitur, bevor die Fahrt stattfindet – für die Jüngeren wie immer am Beginn der Qualifikationsphase der Oberstufe. Annika hat damals noch von Leuten aus der Stufe über ihr gehört, Kreisau sei „die beste Fahrt von allen“. Zu gerne würden sie und Lea das auch erleben – und in der Schülerzeitung darüber berichten.