Schulstart nach den Sommerferien : „Von außen wirkt es ziemlich normal”

Das neue Schuljahr solle trotz Corona so normal wie möglich werden, hatten die Kultusminister vor den Sommerferien verkündet. Jetzt geht der Unterricht mancherorts wieder los – und in die Freude mischt sich Frust.

Dieser Artikel erschien am 09.08.2020 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
Begrüßung durch den Schulleiter an der Hamburger Stadtteilschule Alter Teichweg: „Ich bin richtig froh, dass ihr alle da seid"
©Silke Fokken / DER SPIEGEL

Serkan* war sechs Wochen lang „fast immer im Garten”, die Reise zur Familie in den Libanon ist wegen Corona ausgefallen. Merle war mit den Pfadfindern unterwegs, Dilan beim Angeln, Yasmin beim Swing-Golf. Danach sei nun ihr Knie blau, weil sie einen Schläger dagegen bekommen habe, erzählt sie. Mitfühlendes Gemurmel in der 7d an der Hamburger Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg, wo sich die 25 Schüler am ersten Schultag im Klassenraum austauschen. So wie immer nach den großen Ferien.

Geht die Schule nach dem verkorksten Corona-Halbjahr, nach der „krassen Zeit, die wir hinter uns haben”, wie Klassenlehrerin Mirjam Kaune sagt, also endlich wieder normal los?

Genau diese Hoffnung hatten die deutschen Kultusminister geschürt, bevor sich die ersten Länder in die Ferien verabschiedeten. So normal wie möglich solle das neue Schuljahr laufen, wenn das Infektionsgeschehen dies zulasse. Kein Lernen mehr in Kleingruppen, sondern im Klassenverband, und zwar mit voller Stundentafel, nicht nur tage- oder wochenweise. Nach diesem groben Modell starten kommende Woche Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein wieder mit der Schule. In Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg wird es schon umgesetzt.

Maskenpflicht, aber kein Mindestabstand

„Von außen wirkt der Schulalltag damit ziemlich normal, aber das ist er leider nicht”, sagt Schulleiter Björn Lengwenus. Auf dem gesamten Schulgelände, drinnen wie draußen, herrscht Maskenpflicht. Nur nicht im Unterricht. Schüler müssen im Klassenraum auch keinen Mindestabstand halten, aber es gilt das Prinzip fester Gruppen. Jahrgänge bilden Kohorten. Die Siebtklässler etwa dürfen sich mischen, aber nicht mit Schülern aus anderen Stufen.

Das sind die Vorgaben von Kultusminister Ties Rabe, der einerseits Ängsten Rechnung tragen, das Infektionsrisiko reduzieren und im Falle des Falles ermöglichen muss, Ansteckungsketten zurückzuverfolgen. Andererseits will er „das Recht auf Bildung und eine unbeschwerte Kindheit” gewähren. In diesem Dilemma stecken zwar alle 16 Kultusminister, sie einigten sich jedoch nicht auf eine einheitliche Lösung. Jeder schnürt ein eigenes Regelpaket.

Rabe stellte seins am Montag vor, am Dienstag besprach Lengwenus mit rund 250 Kollegen die Umsetzung. Eine Konferenz auf dem Schulhof mit Mindestabstand, Mikrofon und Lautsprecher. „Wir haben den ganzen Stadtteil beschallt”, sagt Lengwenus, der während der Schulschließung mit einer Late-Night-Show für seine Schüler auf YouTube Furore machte. Rabes Regeln muss er für 1600 Schüler von Jahrgang 1 bis 13 erfüllen. Eine logistische Mammutaufgabe.

Das Ergebnis: Damit sich die Kohorten zum Unterrichtsbeginn nicht in Fluren drängen, beginnen sie leicht zeitversetzt und nutzen unterschiedliche Eingänge und Toiletten. Farbige Schilder markieren, wer wohin darf. Noch aus der Zeit vor den Sommerferien stammen kreativ gestaltete Aufkleber auf Treppen und in Gängen: „Immer einen Viertklässler Abstand halten.” Viele Viertklässler sind ungefähr 1, 50 Meter groß.

Im neuen Schuljahr ist der Schulhof zudem in Zonen für Jahrgänge unterteilt. Schüler dürfen sich nicht frei bewegen, sondern werden von Lehrkräften zu „ihrer Zone” gebracht. Die Pausenhalle ist tabu. „Weil das Wetter schön ist, geht das”, sagt Lengwenus. Und halb im Scherz: „Wenn es regnet, müssen wir neu überlegen.”

Regeln über Regeln

Als Klassenlehrerin Kaune der 7d alle Regeln erklärt, wirkt die Normalität wie weggefegt. Die meisten Vorgaben nimmt die Klasse gelassen hin. Entsetzen jedoch, als es heißt, dass sie in der Pause nicht wie sonst auf den Fußballplatz darf.

Noch ein Dämpfer: Ob die Skireise im Winter stattfinden kann, ist fraglich. Wer sich in der Schule krank fühlt, muss sofort gehen. Erst wer 48 Stunden weder Fieber noch Kopfweh hatte, darf zurück. Regeln über Regeln. „Wann ist Pause?”, fragt Elias. Kaune geht noch den neuen Stundenplan durch, in dem die sonst beliebten jahrgangsübergreifenden Neigungskurse wie Trickfilm oder Judo fehlen, dann ist es so weit.

Maskiert stehen oder sitzen die Siebtklässler in Grüppchen zusammen. Die Fußballfreunde wirken bedrückt. „Fußball ist für viele in der Klasse das Allerwichtigste”, sagt Kaune voller Verständnis. „Die Kinder genießen das Spiel mit Freunden, die Bewegung, und sie lernen dabei viel: soziales Miteinander, Regeln einhalten. Wenn wir über Konflikte sprechen, geht es zu 80 Prozent um Fußball.” Die Lehrerin fürchtet, dass sich die vielen Corona-Regeln bei den Kindern anfangs in Gereiztheit niederschlagen könnten. „Das wird etwas ruckeln.”

Ob sich alle an die Vorgaben halten? Kaune hofft es. „Aber ich verstehe auch, dass die Maske nervig ist.” Auf dem Schulhof hängt sie einigen älteren Schülern unter der Nase, direkt vor dem Gebäude tragen Gruppen aus dem 13. Jahrgang gar keine: „Hier müssen wir ja nicht.” Dass die Corona-Regeln in der Schule strenger sind als draußen, finden sie nicht logisch.

Einer älteren Schulbegleiterin geht der Gesundheitsschutz nicht weit genug. Die Schulen seien „schlecht vorbereitet”. Zufrieden dagegen ist ein Vater aus China, der seine Tochter zur Schule bringt. In seiner Heimat habe zeitweise die ganze Familie vor dem Unterricht Fieber messen müssen. „In Hamburg ist es gut.” Auch eine Mutter meint: „Mehr kann man nicht machen, außer sich zu Hause einschließen. Es muss ja irgendwie weitergehen.”

Dazu gehört auch, das verkorkste Corona-Halbjahr aufzuarbeiten. Nach dem Willen der Behörde soll in den kommenden Wochen getestet werden, wie groß die Lernrückstände in Deutsch, Mathe und Englisch sind. Lengwenus findet: „Kann man machen, aber Schule ist so viel mehr als das.” Der Pädagoge bedauert, dass kulturelle Projekte auf Eis liegen und das Lernen an seiner Schule wegen der Regeln nicht so frei und progressiv laufen kann wie sonst. „Ich fühle mich pädagogisch in die Steinzeit zurückversetzt.”

Was Lengwenus ärgert: Dass der Senat Familien, die in Risikogebiete gereist sind, so unter Druck gesetzt hat. Wer kein negatives Testergebnis vorlegen kann, muss sein Kind 14 Tage in Quarantäne behalten. Fällt das in die Schulzeit, spricht Rabe von Schwänzen. In drastischen Fällen sollten sogar Bußgelder verhängt werden.

„Das hat für viel Verunsicherung gesorgt”, sagt Lengwenus. Viele Familien könnten nur einmal im Jahr ihre Verwandten besuchen und hätten die Reisen lange vor Corona geplant. Etliche hätten nun auf die Reisen verzichtet. „Ich habe Angst, dass diese nun ihren Urlaub verschweigen und trotzdem in die Schule kommen, um Bußgelder zu vermeiden.” Von einigen Hamburger Schulen ist zu hören, dass Eltern erst nach Schulstart über die Regeln informiert wurden.

Lengwenus sagt, seine Kollegen hätten Eltern in den Ferien teils im Ausland angerufen und beraten. Er ist dankbar, dass sie so engagiert sind. Von den zehn Kollegen, die zur Risikogruppe gehören, werde nur eine Pädagogin im Homeoffice bleiben. „Ich brauche die Leute hier, und wir haben dafür Lösungen gefunden.” Ein Lehrer etwa wird gleichzeitig je eine halbe Klasse in zwei Räumen unterrichten – mithilfe eines Monitors.

Trotz aller Widrigkeiten: „Ich bin kein Meckerer”, sagt Lengwenus. Er ist vielmehr froh, dass endlich alle Schüler wieder da sind, dass er sich nicht mehr sorgen muss, ob ein Kind wegrutscht. „Das”, findet der Schulleiter, „ist ein Geschenk”.

*Die Namen der Kinder sind aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen geändert.