Hans Wocken : „Das eigentliche Ziel der Inklusion ist verfehlt“

Zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behinderten­rechtskonvention zieht der Bildungs­forscher und Sonderpädagoge Hans Wocken eine ernüchternde Bilanz. Die Ergebnisse der Inklusions­reform im Schul­system seien bundesweit blamabel, sagt Hans Wocken im Interview mit dem Deutschen Schul­portal. Gleichzeitig fordert er einen Kassen­sturz und eine Über­arbeitung des Inklusions­konzepts.

Florentine Anders / 21. April 2018 / 4 Kommentare
Vor zehn Jahren ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Bildungsforscher Hans Wocken zieht eine ernüchternde Bilanz.
Vor zehn Jahren ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Bildungsforscher Hans Wocken zieht eine ernüchternde Bilanz.
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Deutsches Schulportal: Herr Wocken, Sie beobachten den Inklusionsprozess in Deutschland seit Inkrafttreten der UN-Konvention. Wo stehen die Schulen in Deutschland heute?
Hans Wocken: Das Ergebnis der Reform ist zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-Konvention blamabel. In den vergangenen zehn Jahren gab es so gut wie keinen Fortschritt, was die Abschaffung der Separation von behinderten Schülern in Sonderschulen betrifft. Damit ist das eigentliche Ziel der Inklusion, nämlich die Minimierung der Separation, verfehlt. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler an Sonderschulen liegt heute noch bei 4,5 Prozent und ist damit nur um 0,5 Prozentpunkte zurückgegangen. In Bayern ist die Zahl der behinderten Schüler an Sonderschulen sogar gestiegen.

Aber der Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an den Regelschulen ist doch deutlich gestiegen. Wie erklären Sie sich das?
Das ist nur mit einem Etikettenschwindel zu erklären. Alle Bundesländer haben tatsächlich die sogenannte Inklusionsquote an den Regelschulen erhöht, während der Anteil der Schüler an den Förderschulen sich kaum verändert hat. Das bedeutet, dass Schüler, die früher allenfalls als Risikoschüler galten, nun mit dem Etikett des sonderpädagogischen Förderbedarfs versehen werden. Die Inklusionsquote ist daher kein verlässlicher Indikator für den Erfolg der Reform, wenn man nicht gleichzeitig auch die Exklusionsquote mitbetrachtet.

„Spitzenreiter sind die Bundesländer Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein“

Bildungsforscher Hans Wocken beobachtet seit Jahren die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an deutschen Schulen.
Bildungsforscher Hans Wocken beobachtet seit Jahren die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an deutschen Schulen.
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Dennoch gibt es Bundesländer, die auf dem Weg zur Inklusion weiter sind als andere. Welche Bundesländer sind denn aus Ihrer Sicht besonders erfolgreich?
Spitzenreiter sind die Bundesländer Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Diese Länder haben die Inklusion an den Schulen gesteigert und gleichzeitig die Separation verringert. Bemerkenswert ist auch die Entwicklung in Thüringen, wo nicht nur die Inklusionsquote gestiegen ist, sondern auch der Anteil der Schüler an Förderschulen gesunken ist. Damit ist Thüringen das einzige ostdeutsche Bundesland, wo auch die Exklusionsquote deutlich gesunken ist. Insgesamt ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die an Förderschulen lernen, in den ostdeutschen Bundesländern traditionell höher.

Auch die Schulgesetze unterscheiden sich in den Bundesländern. Ein einklagbares Recht auf einen Platz in der Regelschule gibt es für behinderte Kinder bisher nur in Hamburg. Auch der sogenannte Ressourcenvorbehalt wurde in Hamburg abgeschafft. In den anderen Bundesländern gilt das Recht auf das gemeinsame Lernen nur, soweit auch die Ressourcen vorhanden sind.

„Die Inklusion ist die größte Reform in der Geschichte der Pädagogik“

Trotzdem fordern viele Experten, den Reformprozess zu bremsen. Viele Schulen fühlen sich offenbar schon jetzt überfordert mit der Inklusion. Was ist da schiefgelaufen?
Es ist eine schmerzliche Erkenntnis, dass offenbar gerade am Anfang der Reformprozess zu schnell vorangetrieben wurde. Die Inklusion ist die größte Reform in der Geschichte der Pädagogik. Der Wechsel zur Inklusion ist ein noch größeres Vorhaben als die Deutsche Einheit oder die Energiewende. Dieser Paradigmenwechsel benötigt mehr Zeit, als wir vermutet haben. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt ein Moratorium im Sinne von Stillstand brauchen, wie es der Philologenverband gefordert hat. Ich bin der Meinung, dass jetzt alle Probleme auf den Tisch gehören. Wir müssen evaluieren, was nicht stimmt, und eine Neukonzipierung vornehmen.

Wir definieren die Sonderschule als sogenannten Schonraum und reden uns die Schulform schön, damit wir behinderte Kinder mit gutem Gewissen weiter dorthin abschieben können.
Bildungsforscher und Sonderpädagoge Hans Wocken

Braucht Inklusion mehr Ressourcen?
Mehr Geld muss auf jeden Fall in die Inklusion fließen. Schließlich muss ein behindertes Kind an einer Regelschule laut Verfassung eigentlich die gleichen Ressourcen erhalten wie an einer Förderschule. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen gibt es an den Förderschulen mehr Personal, kleine Gruppen, spezielle Therapieangebote. Solange es diese Unterschiede gibt, werden viele Eltern es vorziehen, ihre behinderten Kinder lieber in die Förderschule zu geben. Wir definieren die Sonderschule als sogenannten Schonraum und reden uns die Schulform schön, damit wir behinderte Kinder mit gutem Gewissen weiter dorthin abschieben können.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Bedingung für das Gelingen der Inklusion?
Inklusion wird im Klassenzimmer entschieden! Noch sind viele Lehrkräfte nicht in der Lage, wirklich differenziert zu unterrichten. Viele Eltern und Lehrer haben ein sehr konventionelles Bild von der Schule, mit homogenen Klassen, die im Gleichschritt lernen. Allerdings ist da auch schon ein Bewusstseinswandel zu spüren. Heterogene Klassen gehören einfach immer mehr zur Realität, nicht nur durch die Inklusion, sondern beispielsweise auch durch Migranten. Andere Länder sind da allerdings viel weiter. In Deutschland ist eben das gegliederte Schulsystem im Bewusstsein noch fest verankert. In Skandinavien etwa ist das ganz anders.

Zur Person

  • Hans Wocken (geb. 1943) studierte Pädagogik an der Universität Vechta und Sonderpädagogik in Dortmund.
  • Von 1980 bis 2008 war er Professor für Lernbehindertenpädagogik an der Universität Hamburg.
  • In den 80er-Jahren hat Hans Wocken die Hamburger Schulversuche „Integrationsklassen“ und „Integrative Regelklassen“ mitinitiiert und wissenschaftlich begleitet.
  • Seit seiner Emeritierung 2008 ist Wocken deutschlandweit als „Botschafter der Inklusion“ unterwegs und wurde in die deutsche UNESCO-Kommission „Inklusion“ berufen.

4 Kommentare

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#4 – 15.01.2019 Natalie B.
„Sonderschulen werden als Schonraum schöngeredet“ - Förderschulen sind sowohl materiell als auch räumlich und personell sehr viel besser ausgestattet als Regelschulen! Diese abzuschaffen ist der absolut falsche Weg, denn sie sind die besseren Schulen!! Der richtige Weg wäre meiner Meinung nach genau diese Schulen für ALLE Kinder zu öffnen. In Hamburg gibt es glaube ich sogar ein oder zwei Schulen die das gemacht haben. Diese Schulen sollten Vorbild sein für alle! Statt dessen sind es die „ bösen“ Förderschulen, die abgeschafft werden müssen und keiner merkt, dass die Politiker z.B. In Hamburg damit nur Geld sparen wollten. Weil es natürlich viel billiger ist auch Kinder mit speziellen Bedürfnissen einfach in eine Regelklasse mit 30 Kindern zu packen und das dann Inklusion zu nennen. Abgesehen davon denke ich, dass alle Kinder Bedürfnisse haben, die in fast keiner Regelschule erfüllt werden. Förderschule für ALLE! Das wäre Inklusion meiner Meinung nach.
#3 – 03.01.2019 Florentine Anders
als Vorbilder in Sachen inklusive Schule werden häufig die skandinavischen Länder und Italien genannt. Wir werden das Thema auf dem Schulportal weiter verfolgen.
#2 – 03.01.2019 Reinhard L.

Deutschland im EU-Vergleich

Es wäre gut, wenn man vom besseren Beispiel lernen könnte, Gibt es Erkenntnisse oder eine Untersuchung darüber, wie die UN-Konvention in anderen EU-Ländern umgesetzt worden ist?
#1 – 14.05.2018 Helmut Manfred O.

Defizite selbst mit verursacht!

Die Analyse ist teils richtig. Aber: Zu der Misere als Folge der nicht durchdachten und überstürzten Einführung haben gerade auch Bildungsforscher*innen beigetragen. Einwände der Schulpraxis wurden als Gegnerschaft zur Inklusion abgetan, Arbeit von Sonderschulen teils diffamiert. In der "Entweder-Oder"-Debatte wurde die wichtige menschliche Erfahrung ignoriert, nicht alles über einen Kamm zu scheren. Inklusion wird nur zum Erfolg, wenn genügend ausgebildete Lehrkräfte und Unterstützungs-Personal bereitgestellt werden. Es lässt sich vieles praktisch organisieren, geeignete Differenzierungsräume und Ressourcen sind vor Ort durch Flexibilität alleine nicht zu schaffen. Für bestimmte Förderbedürfnisse sind auch künftig zentrale Einrichtungen nützlich. Diese Differenzierung ist zu Beginn leider unterblieben. Richtig ist eine Zwischenbilanz: Alles muss auf den Tisch, damit Kinder die ihnen zustehende individuelle Bildung zur Entfaltung ihrer persönlichen Fähigkeiten erhalten.
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