Tragfähige Netzwerke knüpfen : „Viele Herausforderungen lassen sich in einer Partnerschaft besser bewältigen“

Die Corona-Krise ist eine enorme Herausforderung für die vielfältigen Kooperationsbeziehungen, die Schulen pflegen: Die persönliche Begegnung fällt weg, Schulen sind gezwungen, im digitalen Raum mit Partnern zusammenzuarbeiten. Die Bewerberschulen des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial zeigen mit ihren Konzepten, wie Netzwerkarbeit auch in der Pandemie gelingen kann. Im Interview erklären die Bildungsexpertinnen Franziska Carl und Dagmar Killus, was gute Partnerschaften und Netzwerke gemeinsam haben, welche Chancen und Risiken die Digitalisierung mit sich bringt und was Schulen brauchen, um tragfähige Netzwerke knüpfen zu können.

Antje Tiefenthal 05. April 2021 Aktualisiert am 10. Mai 2021
©Orbon Alija/iStock

Deutsches Schulportal: Die Corona-Krise war ein Katalysator für die Schulentwicklung. Viele Schulen sind in den vergangenen Monaten innovative Wege gegangen, waren mutig, Lernen und Lehren neu zu denken. Wie ist es den Schulen gelungen, in der Pandemie tragfähige Netzwerke zu knüpfen?
Franziska Carl: Ich glaube, der Innovationsdruck war so groß, dass sich viele Schule gesagt haben: Wir nutzen den Schwung – wir arbeiten schon so lange an diesem oder jenem Thema, jetzt schieben wir es weiter an. Je nachdem, welche Erfahrungen Schulen vorab schon mit Kooperationen und Netzwerken gemacht haben, war es für Schulen mehr oder weniger herausfordernd, Netzwerke zu knüpfen oder auch zu halten. Zunächst ist da immer die Frage: Für die Erreichung welcher Ziele lohnt es sich, neue Partnerschaften einzugehen und Netzwerke zu knüpfen, und in welchen Bereichen kann an Bestehendes angeknüpft werden? Viele Bewerberschulen zeigen, dass sie hier nicht bei null angefangen haben.
Dagmar Killus: Die Erwartungshaltung an Netzwerke war auch schon vor Corona groß: Sie sollen Neues an die Schule bringen und Schule besser machen. Unter Pandemiebedingungen haben es Netzwerke unheimlich schwer. Das gilt vor allem für Netzwerke, die noch ganz am Anfang stehen. Doch viele Herausforderungen lassen sich in einer Partnerschaft besser bewältigen. Das zeigen auch die Konzepte der Bewerberschulen, die in der Corona-Krise diese große Aufgabe gemeistert und Außerordentliches geleistet haben.

Wenn die Grundlage für die gemeinsame Arbeit schon da war, hat die Digitalisierung der Netzwerkarbeit das Potenzial, Ressourcen zu schonen und das gemeinsame Arbeiten zu vereinfachen und zu flexibilisieren.
Franziska Carl

Ob Barcamps, schulübergreifende Fortbildungen im digitalen Raum, virtuelle Besuche bei Partnern oder Pflege des internationalen Netzwerks mit digitalen Tools: Die Konzepte der Bewerberschulen zeigen, dass sich die Netzwerkarbeit im Zuge der Pandemie digitalisiert hat. Wie bewerten Sie das Potenzial digitaler Anwendungen?
Killus: Es war vielleicht ein Segen, dass es die Möglichkeit gab, über Videokonferenztools miteinander in Kontakt zu treten. Es ist aber sehr schwierig, Kontakte auf diese Art und Weise aufzubauen. Angenommen, ein Netzwerk besteht schon länger, dann kann man sicherlich eine Zeit lang so kommunizieren und zusammenarbeiten. Wenn es aber noch keine vertrauensvolle Beziehung gibt oder die Ziele und die Form der Zusammenarbeit erst ausgehandelt werden müssen, ist es mühsam, sich allein auf diese technischen Möglichkeiten zu verlassen.
Carl: Wenn die Grundlage für die gemeinsame Arbeit schon da war, hat die Digitalisierung der Netzwerkarbeit das Potenzial, Ressourcen zu schonen und das gemeinsame Arbeiten zu vereinfachen und zu flexibilisieren. Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten, die nach der Krise beibehalten werden können. Zum Beispiel beim Stichwort Wissensmanagement: Die Dokumentation der Arbeit ist im Digitalen deutlich einfacher. Auch können in einem kurzen Video-Call unkompliziert Arbeitsergebnisse ausgetauscht werden, ohne dass gleich die große Pinnwand aufgebaut werden muss.

Gleichzeitig haben mehrere Schulen Konzepte eingereicht, die auch und gerade in der Pandemie auf den persönlichen Kontakt setzen. Wie wichtig ist der persönliche Kontakt, um gelingende Netzwerke aufzubauen und zu pflegen?
Carl: Netzwerke leiden darunter, dass die persönlichen Kontakte fehlen. Beispielsweise Peer-Reviews, ein Kernelement der Vernetzung im Schulverbund „Blick über den Zaun“, einem der ältesten deutschen Schulnetzwerke, können im Moment faktisch nicht stattfinden – das ist ein großer Verlust für Netzwerke, die auf diese Art zusammenarbeiten.
Killus: Der persönliche Austausch ist in Netzwerken sehr wichtig. Die digitalen Werkzeuge allein sind nicht tragfähig für den Aufbau und den Erhalt von Netzwerken. Wenn sich eine Schule jetzt vornimmt, beispielsweise ein Netzwerk zur individuellen Förderung neu zu gründen und dafür mehrere, völlig fremde Schulen anfragt, dann ist das viel mühsamer und auch risikoreicher, als wenn man auf bestehende Beziehungen aufsetzt.

Welche Themen sind in den vergangenen Monaten vermehrt zum Gegenstand von schulischen und außerschulischen Partnerschaften geworden?
Carl: Wir haben gesehen, dass eine Bewerberschule gemeinsam mit der Nachbarschule kooperiert, um in den Sommerferien Schülerinnen und Schüler mit höherem Unterstützungsbedarf gezielt zu fördern. Das ist etwas, das wir auch in anderen Kontexten beobachten: Das Stichwort „individuelle Förderung“ ist im Bereich Netzwerkarbeit inhaltlich stärker relevant geworden – auch mit Blick darauf, das Aufgehen der Bildungsschere zu vermeiden. Daneben ist das selbstständige Lernen auf der Agenda nach vorne gerückt. Schulen beschäftigen sich in der Netzwerkarbeit jetzt verstärkt mit Fragen wie: Wie kann man Schülerinnen und Schülern helfen, selbstorganisiert zu lernen? Wie können Schulen sich hier gegenseitig unterstützen und gemeinsam daran arbeiten?

Erfolgreiche Netzwerkarbeit braucht gemeinsame Ziele, gute Beziehungen, produktive Formen der Kommunikation und Kooperation, eine Schulleitung mit Visionen sowie die Bereitschaft, über die eigene Praxis zu reflektieren und dazuzulernen.
Dagmar Killus

Wie können Netzwerke ganz konkret dazu beitragen, dass sich das Lernen und damit auch die Leistungen der Schülerinnen und Schüler verbessern?
Carl: Wir wissen aus der Forschung, dass je näher das Ziel und der Fokus der Netzwerkarbeit am Lernen oder an der Unterrichtsentwicklung ausgerichtet ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Netzwerk positive Wirkungen auf diesen Ebenen zeigt. Wie bei dem Beispiel der Bewerberschule, die mit der Nachbarschule zusammenarbeitet, um Kinder zu unterstützen: Es ist sehr konkret auf Lernen ausgerichtet. Wenn aber ein Netzwerk gebildet wird, um beispielsweise die Kooperationsfähigkeit von Lehrkräften zu stärken, kann auch das im Entwicklungsprozess der Schule sinnvoll sein. Der Netzwerkimpuls liegt dann aber etwas weiter vom Lernen der Schülerinnen und Schüler entfernt. Auswirkungen auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler zeigen sich in dem Fall eventuell nicht unmittelbar und direkt.
Killus: Der Forschungsstand zu den Wirkungen auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler ist insgesamt sehr uneinheitlich. Es gibt einerseits positive Effekte, andererseits gibt es manchmal aber auch gar keine Zusammenhänge. Was wir relativ sicher wissen: Die gemeinsame Netzwerkarbeit stärkt die Professionalität von Lehrkräften. Wenn sich eine Schule vornimmt, mithilfe von Netzwerkarbeit den Unterricht und die Schülerleistungen zu verbessern, empfehle ich ein ganz klares und konkretes Konzept: Was genau soll gefördert werden? Wer ist die Zielgruppe? Dann ist die Chance groß, dass sich auf den Ebenen Unterricht, Lernen und Schülerleistungen positive Wirkungen zeigen.

Es gibt vielfältige Funktionen und Formen von Schulnetzwerken – die Beispiele der Bewerberschulen zeigen die ganze Bandbreite. Was ist der gemeinsame Kern von guten Netzwerken zwischen Schulen und außerschulischen Partnern?
Killus: Die Bewerberschulen haben mit ganz unterschiedlichen Partnern zusammengearbeitet – mit Universitäten, Vereinen, Kitas, anderen Schulen oder Kirchen. Sie sind beim Schulpreis-Camp auf ähnliche Ergebnisse gekommen wie die aktuelle Forschung zu Netzwerken zwischen Schulen: Erfolgreiche Netzwerkarbeit braucht gemeinsame Ziele, gute Beziehungen, produktive Formen der Kommunikation und Kooperation, eine Schulleitung mit Visionen sowie die Bereitschaft, über die eigene Praxis zu reflektieren und dazuzulernen. Das spricht dafür, dass diese Schlüsselfaktoren, von denen wir aus der Forschung wissen, dass sie eine Vernetzung unter Schulen unterstützen und zu guten Ergebnissen führen, sich übertragen lassen auf die Vernetzung mit anderen Partnern.
Carl: Das wäre allerdings eine spannende Frage und ein Anknüpfungspunkt: Lassen sich die Gelingensbedingungen, die sich für schulübergreifende Netzwerke etabliert haben, auf andere Netzwerke übertragen? Hier kann die Forschung von den Ergebnissen des Camps lernen.

Schulen wünschen sich, dass auch die Administration näher an sie heranrückt. Mitarbeitende von Schulverwaltungen, Schulträger und Schulaufsichten beispielsweise könnten an Schulnetzwerken beteiligt sein. Das hat das Schulpreis-Camp gezeigt. Wie können Netzwerke unterstützt werden? Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Schulen auch in Zukunft und über die Corona-Krise hinaus tragfähige Netzwerke knüpfen und pflegen können?
Carl: Hier kann ich mich auf meine Erfahrung mit dem Schulverbund „Blick über den Zaun“ beziehen. Der Schulverbund hat Standards für eine gute Schule auf drei Ebenen formuliert: Standards für das individuelle Handeln der Lehrpersonen und pädagogischen Fachkräfte, für die schulischen Rahmenbedingungen, also zum Beispiel Schulleitung und Steuergruppen, sowie Standards für systemische Rahmenbedingungen. Bei Letzterem wird immer wieder deutlich, dass Schulen Freiräume brauchen. Da die Bundesrepublik föderal angelegt ist, sind die Freiräume in den Bundesländern unterschiedlich groß. Schulen benötigen aber diese Freiräume, um überregional zusammenarbeiten und um über Ressourcen oder Personal entscheiden zu können. Schulen brauchen zudem Vertrauen seitens der Schuladministrationen. Das zeigt auch der Wunsch der Bewerberschulen. Ich glaube, eine stärkere Einbeziehung kann helfen, dieses Vertrauen herzustellen.
Killus: Dem kann ich nur zustimmen. Ich möchte aber noch einen dritten Punkt ergänzen, der gerade unter den aktuellen Bedingungen unerlässlich ist. Schulen benötigen IT-Supportstrukturen und eine ausreichende, moderne Sachausstattung, wenn es um Digitalisierung geht. Das können Schulen aus eigener Kraft nicht schaffen. Selbst mit einem starken Netzwerk im Rücken brauchen Schulen besonders in diesem Punkt Entlastung und verlässliche Unterstützung.

Zur Person

Franziska Carl und Dagmar Killus forschen und lehren an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg.

Franziska Carl
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  • Zu Franziska Carls Schwerpunktthemen gehören Schulnetzwerke, Peer-Review als Verfahren der Schulentwicklung, Individualisierung und Umgang mit Heterogenität.
  • Franziska Carl leitet außerdem die Arbeitsstelle des Schulverbunds „Blick über den Zaun“.
Dagmar Kilius
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  • Die Forschungsschwerpunkte von Dagmar Killus sind unter anderem Unterrichts- und Schulentwicklung, Professionalisierung von Lehrkräften sowie Evaluation von Lehr- und Lernprozessen.

In der Broschüre zum Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial finden Sie die ausführlichen Laudationes der Jury und Porträts der Preisträgerschulen. Außerdem werden hier zentrale Erkenntnisse der Bewerberschulen im Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie zusammengefasst.

Die Gewinner stehen fest

Sehen Sie hier die Aufzeichnung der Preisverleihung.

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