Lehrergesundheit : Gesundheitsförderung findet an Schulen kaum statt

In der Pandemie sind deutlich mehr Lehrkräfte aufgrund von Erkrankungen langfristig ausgefallen. Außerdem sind die Belastungen im Lehrerberuf in den vergangenen zwei Jahren noch einmal deutlich gestiegen. Wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung zeigt, findet das Thema Gesundheitsförderung an Schulen aber kaum statt. Schulleitungen fühlen sich bei dem Thema von der Verwaltung offenbar alleingelassen. Das Schulportal hat die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage zusammengefasst.

Annette Kuhn 31. Januar 2022
Gesundheitsförderung Lehrerin in Klassenraum vor Laptop
In der Corona-Pandemie haben die Belastungen für Lehrkräfte noch einmal deutlich zugenommen.
©Emilio Morenatti/AP/dpa

Fast zwei Jahre Corona-Pandemie bedeutet auch fast zwei Jahre zusätzliche Belastung für Lehrerinnen und Lehrer. Dabei ist die Lage nicht erst seit der Pandemie durch den wachsenden Lehrermangel sehr angespannt. In der Corona-Pandemie hätten sich die Anforderungen nun noch einmal gesteigert, sagen fast alle Schulleitungen. Das belegt eine Umfrage im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zur Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsförderung, die jetzt als Ergänzung zur Schulleiterbefragung 2021 erschienen ist. Von Mitte September bis Ende Oktober hat Forsa dafür bundesweit 1.300 Schulleitungen allgemeinbildender Schulen befragt.

In der jetzt veröffentlichten ergänzenden Auswertung geht es um die Gesundheit von Lehrkräften nach zwei Jahren Pandemie. Ein Teil der Fragen wurde Schulleitungen auch schon 2019 gestellt, so dass sich hier Entwicklungen ablesen lassen.

Welche Relevanz das Thema Gesundheitsförderung gerade jetzt hat, zeigt sich schon daran, dass die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer, die aufgrund von physischen oder psychischen Erkrankungen langfristig ausfallen, während der Pandemie offenbar deutlich zugenommen hat. Verzeichnete 2019 gut ein Drittel der Schulleitungen mehr krankheitsbedingte langfristige Ausfälle, war es zwei Jahre später sogar die Hälfte der Schulleitungen. Am größten ist das Problem demnach an Gesamt-, Haupt- und Realschulen.

Dabei ist die Zunahme von psychischen und physischen Erkrankungen etwa gleich groß. Laut Umfrage beobachten die befragten Schulleitungen 14 Prozent mehr physische und 13 Prozent mehr psychische Erkrankungen bei den Lehrkräften. Die anhaltende Überlastung bereits vor Corona und der enorme Mehraufwand in der Pandemie machen die Lehrkräfte zunehmend krank, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse.

Schulleitungen sehen zu wenig Möglichkeiten für Gesundheitsförderung

Nach Einschätzung der befragten Schulleitungen würde aber trotz der angespannten Personalsituation von Seiten der Kultusministerien bislang nur wenig in Form von gesundheitsfördernden Maßnahmen und Fortbildungen zur Gesundheitsvorsorge gegengesteuert. 60 Prozent der Schulleitungen sehen hier ein Defizit. Auch durch die Corona-bezogenen Schutzmaßnahmen fühlen sich viele Lehrerinnen und Lehrer nicht ausreichend geschützt, wie schon die Befragungen für das Deutsche Schulbarometer gezeigt haben.

Die Schulleitungen sehen sich oft nicht in der Lage, selbst einen Beitrag dafür zu leisten, dass Lehrkräfte an ihrer Schule gesund bleiben. 2019 sagten immerhin noch 40 Prozent der befragen Schulleitungen, sie hätten ausreichende Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung des Kollegiums, 2021 waren es nur noch 24 Prozent. Beckmann betonte, dass das Thema Gesundheitsförderung auch nicht auf die Schulleitungen abgewälzt werden dürfe, sie würden schon „seit Jahren alles Erdenkliche machen, um die Mängel des Systems abzufedern“. Und in der Corona-Pandemie seien ohnehin noch mehr Belastungen dazugekommen.

Die Schulleitungen, die Maßnahmen ergreifen, sehen den wichtigsten Ansatzpunkt bei der Arbeitszeit. Das überrascht nicht, sehen viele Lehrkräfte gerade hier einen großen Belastungsfaktor. Dazu kommen auch immer mehr Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben, die viel Zeit schlucken würden. All das habe starke Auswirkungen auf die Lehrergesundheit, wie Bildungsforscherin Bärbel Wesselborg im Interview mit dem Schulportal dargestellt hat.

Ganz oben auf der Wunschliste: Reduzierung der Stundenzahl

Wie die VBE-Umfrage zeigt, bemühen sich daher 38 Prozent der Schulleitungen darum, Aufgaben und Mehrarbeit gleichmäßig zu verteilen. 30 Prozent der Schulleitungen arbeiten mit einem flexiblen Stundenplan und variablen Einsatzzeiten. Im Umkehrschluss heißt das allerdings, dass fast zwei Drittel der befragten Schulleitungen das Thema Arbeitszeit nicht angehen oder nicht angehen können, weil sie aufgrund der engen Personaldecke hier keinen Spielraum haben.

37 Prozent der Schulleitungen sind laut der Umfrage von 2021 mit dem Kollegium in regelmäßigem Austausch über Belastungen und Probleme, und 23 Prozent setzen auf Team-Building außerhalb der Schulzeiten. Ein gutes Arbeitsklima steht allerdings nur für 18 Prozent der Befragten auf der Agenda. 2019 hatten die befragten Schulleitungen diesem Thema deutlich mehr Gewicht gegeben.

Fort- und Weiterbildungen zum Thema Gesundheitsvorsorge oder Umgang mit Belastungen werden nur von 19 Prozent der Schulleitungen angeboten. Auch hier ist gegenüber 2019 ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Was hingegen im Laufe der Pandemie zugenommen hat, ist der Einsatz von Fachpersonal, zum Beispiel der Psychologie oder Supervision. Solche Fachleute kamen 2019 noch kaum zum Einsatz, 2021 nannten dies immerhin 14 Prozent der befragten Schulleitungen als Möglichkeit zur Gesunderhaltung der Lehrkräfte.

Gesundheitsförderung an der Schule ist für Bewerber ein wichtiges Kriterium

Die Schulleitungen sollten in der VBE-Umfrage auch Wünsche für die Gesundheitsprävention nennen. Demnach stehen für 31 Prozent der befragten Schulleitungen eine Reduzierung der Stundenzahlen für ihr Kollegium auf der Wunschliste. Am stärksten ist dieser Wunsch an Förderschulen. 24 Prozent der Schulleitungen hätten gern mehr Lehrkräfte – auch hier stehen die Förderschulen zusammen mit den Grundschulen ganz vorn. 13 Prozent halten den Einsatz von mehr nicht-pädagogischem Personal  für wichtig – dies wollen vor allem Schulleitungen an Grundschulen. Jeweils 15 Prozent wünschen sich mehr Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung und weniger Verwaltungsaufgaben.

Gesundheitsprävention ist für Schulleitungen aber nicht nur in der gegenwärtigen Corona-Pandemie ein wichtiges Thema. Die meisten Befragten sehen darin auch einen wesentlichen Punkt bei der Stellenbesetzung. Laut der VBE-Umfrage glauben nämlich 47 Prozent der Schulleitungen, dass es für Bewerberinnen und Bewerber bei der Wahl einer Schule heute wichtig ist, dass sich die Schule aktiv um die Gesundheitsförderung ihrer Lehrkräfte kümmert.

Gesundheitsförderung an Ihrer Schule?

Welche gesundheitsfördernden Maßnahmen und Weiterbildungen gibt es an Ihrer Schule? Wir freuen uns, wenn Sie uns einen Kommentar schreiben und mit uns teilen, was sich bewährt hat oder was sie sich zum Thema Gesundheitsvorsorge an Ihrer Schule wünschen.