Interview : Umgang mit Ramadan überfordert viele Lehrkräfte

Millionen Muslime begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Auch Schülerinnen und Schüler nehmen am Fastenritual teil. Für Lehrkräfte kann der Umgang mit fastenden Schülerinnen und Schülern eine besondere Herausforderung darstellen, denn viele Lehrkräfte kennen sich nicht mit dem muslimischen Fastenmonat aus. Sie fühlen sich in der Schule daher überfordert, wenn es um die Begleitung der Schülerinnen und Schüler geht, sagt Birgül Bayram, Vorsitzende des Verbandes muslimischer Lehrkräfte, im Schulportal-Interview. Lehrkräfte sollten sich daher informieren und besondere Sensibilität und Kompetenzen entwickeln.

Fabian Schindler / 13. Mai 2019
Fastenmonat Ramadan
Gläubige Moslems feiern zur Zeit den Fastenmonat Ramadan und dürfen daher nur vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang essen und trinken. Auch an Schulen ist der Ramadan ein Thema. Doch nur wenige Lehrkräfte in Deutschland sind gut über den Ramadan informiert und fühlen sich daher zuweilen überfordert im Umgang mit fastenden Jugendlichen.
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Frau Bayram, Festtage wie Weihnachten und Ostern sind weithin bekannt in Deutschland. Jom Kippur, Vesakh und Ramadan sind nach wie vor weniger geläufig. Wie bekannt ist der Ramadan an Schulen und wird dieser Fastenmonat an Schulen ausreichend thematisiert?
Birgül Bayram: An Schulen mit hohem muslimischem Schüleranteil ist der Fastenmonat Ramadan geläufiger und bekannter. Das zeigt sich zum Beispiel beim interreligiösen Fastenbrechen mit Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen und Lehrern.  Oder bei der Jahresterminplanung von Schulen an muslimischen oder auch jüdischen Festtagen. An denen wird dann vielleicht eher keine Lehrerfortbildung oder eine Klausur eingeplant. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Schulgemeinschaft aus Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern und Eltern über den Ramadan inhaltlich informiert ist und zum Beispiel grundsätzlich weiß, dass für Muslime eine schöne und besinnliche Zeit bevorsteht, ähnlich der Weihnachtszeit. Ansonsten können vorurteilsbehaftete Fragestellungen entstehen.

Fasten eigentlich viele muslimische Schülerinnen und Schüler in Deutschland oder ist das doch eher die Ausnahme?
Das ist schwer zu sagen. Wir erheben ja keine Statistik über die persönlichen Ausprägungen der Religiösität unserer Schülerinnen und Schüler egal welcher Religion. Viele muslimische Jugendliche fasten sicherlich bereits den ganzen Ramadan. Neben der religiösen Pflicht ab der Geschlechtsreife und der gesundheitlichen Fähigkeit zum rituellen Fasten, empfinden junge Muslime das Fasten als eine Herausforderung auf dem Weg ihres Erwachsenwerdens und als Verbundenheit mit den Geboten ihrer Religion. Neben dem Gebot des Fastens wird der Fastenmonat Ramadan als eine intensive Zeit der sozialen Gemeinschaft und der Mitmenschlichkeit gelebt.

Birgül Bayram
Birgül Bayram, Vorsitzende im Verband muslimischer Lehrkräfte, Rät zu sensiblem Umgang beim Thema Fasten an Schulen.
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Sollten fastende Schülerinnen und Schüler ihre Lehrkräfte eigentlich darüber in Kenntnis setzen, dass sie fasten?
Ich glaube eher nicht. Fasten ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Wenn Schülerinnen und Schüler sich outen sollen, dass sie fasten oder nicht fasten, könnten wiederum diskriminierende Haltungen in beide Richtungen hervorgerufen werden. Lehrerinnen und Lehrer sollten dahingehend sensibilisiert werden, Schülerinnen und Schülern während dieses Fastenmonats bestmöglich pädagogisch zu begleiten.

Welche Auswirkungen kann das Fasten auf die pädagogische Arbeit in einer Klasse haben und was sollten Lehrkräfte beachten?
Als Pädagogen haben wir generell das Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler im Blick. In Bezug auf das Fasten sollte man nicht generell besorgt sein. Wenn Lehrerinnen oder Lehrer merken, dass eine Schülerin oder ein Schüler während des Fastens gesundheitlich angeschlagen sind, sollte die Lehrkraft die Empfehlung aussprechen, das Fasten abzubrechen und es später nachzuholen. Dies entspricht auch dem eigenen Verständnis des Islam, denn die Gebote im Islam sind zum Wohle des Menschen, nicht zu seinem Schaden. Fastende sind zum Beispiel dazu angehalten, vor dem Morgengrauen gesund zu frühstücken und ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Und ausgenommen von der Pflicht zum Fasten sind beispielsweise chronisch Kranke, Kinder, Reisende, Menstruierende, Schwangere und Stillende.

An einigen Schulen, etwa in Hamburg, gibt es muslimische Schülerinnen und Schüler, die einen regelrechten Fasten-Wettbewerb bestreiten. Das geht dann soweit, dass Kinder im Unterricht umkippen. Das Fasten soll der Gesundheit aber, wie angedeutet, nicht schaden. Wann und wie sollten Lehrkräfte beziehungsweise Schulen also einschreiten?
Das ist eine falsche Herangehensweise an das Fasten. Mit allen seinen Sinnen fasten ist die Devise. Das heißt, das Ziel ist es, nicht nur einige Stunden auf Nahrung zu verzichten, sondern durch das Fasten eine positive Verhaltensänderung bei sich selbst zu erreichen, auch auf spiritueller Ebene. Genau das wird im Islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen den Schülerinnen und Schülern nähergebracht. In diesem Zusammenhang kommt den Islamischen Religionslehrerinnen und Religionslehrern eine wichtige Aufgabe zu. Nämlich die Schülerinnen und Schüler aufzuklären über den tieferen Sinn des Fastens, die Relevanz dieses Monats für das soziale Miteinander und die Verantwortung für die Schwächeren in der Gesellschaft. Erfreulich wäre es, wenn alle Lehrerinnen und Lehrer in dieser Hinsicht sensibel reagieren würden, also das Gespräch mit Schülerinnen, Schülern und Eltern suchen würden.

In Berlin ist eine Leitlinie für Schulen für den Umgang mit dem Thema Ramadan verfasst worden. Wie wichtig sind solche Hilfestellungen für Schulen und ist diese Leitlinie auch für Schulen in anderen Bundesländern eine gute Orientierungshilfe?
Schulen mit muslimischen Kindern benötigen dringend eine Handreichung von muslimischen Religionslehrerinnen und Religionslehrern im pädagogischen Umgang mit fastenden Schülerinnen und Schülern. Denn viele Lehrerinnen und Lehrer sind überfordert mit diesem Thema und wissen nicht, wie sie am besten auf die jeweilige Situation etwa im Sportunterricht, bei Klassenarbeiten und so weiter reagieren sollen. Der Verband muslimischer Lehrkräfte arbeitet an einer Orientierungshilfe für Schulen, die man an allen Schulformen und in ganz Deutschland einsetzen kann. Wichtig dabei sind folgende Grundsätze: Erstens, das Wohl der Schülerinnen und Schüler steht beim Fasten immer im Vordergrund! Zweitens, jeder entscheidet selbst, ob er sein religiöses Fasten mit seinen schulischen Pflichten vereinbaren kann. Lehrerinnen und Lehrer können beratend zur Seite stehen.