Dieser Artikel erschien am 06.11.2019 in DIE ZEIT
Autor: Martin Spiewak

Digitale Bildung : Um Klassen smarter

Wieder zeigt ein internationaler Vergleich: Deutschlands Schulen sind kaum digital und holen nur langsam auf. Wie es anders geht, lässt sich beim Spitzenreiter Dänemark besichtigen.

Schülerinnen und Schüler nutzen ein Smartphone im Unterricht.
Schülerinnen und Schüler nutzen ein Smartphone im Unterricht.
©dpa

Es ist die dritte Stunde im Gymnasium von Åbenrå, Thema Klimawandel. Andreas – in Dänemark duzt man den Lehrer – hat seinen Schülern einen Link geschickt. Mithilfe eines Simulationsprogramms sollen sie die Auswirkungen der Erderwärmung auf die Natur ermitteln. Wie verändert sich die Kartoffelernte, wenn die Temperatur um drei Grad steigt? Ab wann lohnt sich in Nordeuropa Weinanbau? Welche Inseln sind vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht? 24 Elftklässler sitzen vor 24 Laptops, recherchieren und rechnen.

Kabel spannen sich durch den Raum, auf den Tischen liegen Ladegeräte und Handys. Einige Schüler machen sich ihre Notizen noch per Hand, die meisten hauen sie direkt in die Tasten. An den alten analogen Unterricht erinnern in dem Naturwissenschaftsraum noch die Knochenmodelle hinter Glas und ein ausgestopfter Seeadler. „Die haben wir schon lange nicht mehr benutzt“, sagt Andreas.

Vor sechs Jahren kam Andreas Damerau aus Nordrhein-Westfalen an das Gymnasium von Åbenrå, die Oberstufenschule für die deutschsprachige Minderheit im Süden Dänemarks. Seitdem habe es kaum eine Stunde gegeben, in der nicht Laptop, Smartphone oder eine digitale Tafel zum Einsatz kamen, sagt er. „In Deutschland müsste ich für so einen Unterricht vermutlich immer noch in den Computerraum gehen“, sagt Damerau, „und die Programme würden ständig abstürzen.“

Die neue internationale Vergleichsstudie Icils, die am vergangenen Dienstag erschien, gibt dem Lehrer recht. In Dänemark gaben 91 Prozent der Schülerinnen und Schüler an, sie nutzten jeden Tag digitale Medien im Unterricht, in Deutschland waren es vier Prozent. Buchstäblich jede dänische Schule verfügt laut Icils über ein stabiles WLAN-Netz, in Deutschland liegt der Wert bei einem Viertel. Und während in deutschen Schulen sich 17 Prozent der Schüler und Lehrer über eine gemeinsame Lernplattform austauschen, sind es jenseits der Grenze 97 Prozent.

Da wundert es fast, dass deutsche Schüler, was die „computerbezogenen Kompetenzen“ betrifft, im internationalen Vergleich zwar weit hinter dem Digitalsieger Dänemark liegen – aber immerhin noch im Mittelfeld. Birgit Eickelmann, Leiterin des deutschen Teils der Icils-Studie, erklärt sich das so: Einen großen Teil ihrer Digitalfähigkeiten würden die deutschen Jugendlichen „wohl weiterhin außerhalb der Schule erwerben“. Denn was Ausstattung und pädagogische Nutzung des Computers in der Schule angehe, hinke Deutschland Dänemark „um Jahre hinterher“.

Vielleicht sind es auch eher Jahrzehnte. Diesen Eindruck jedenfalls gewinnt, wer sich ein paar Tage lang in Schulen beim Nachbarn im Norden umschaut. Am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig, so heißt es offiziell, verfügt jeder Schüler bereits seit 2001 über einen eigenen Laptop. Viele Jahre lang spendierte die Schule (mit einer geringen Eigenbeteiligung der Eltern) die Geräte – und war damit bei der IT-Technik „eine Art Vorreiter in der Region“, wie Rektor Jens Mittag sagt. Heute bekommen nur noch die Lehrer regelmäßig einen neuen Laptop gestellt. Die Schüler dagegen arbeiten mit ihrem privaten Gerät. Nur wenn ein Rechner fehlt, springt die Schule ein.

„Bring your own device“ heißt das Prinzip (Bring dein eigenes Gerät mit). In Deutschland ist es hoch umstritten, in Dänemark hat es sich in den oberen Klassenstufen weitgehend durchgesetzt. Welche Schule man im Land auch besucht, welche Stunde gerade läuft: Fast immer sieht man Jugendliche hinter einem aufgeklappten Bildschirm und vorn ein Smartboard.

„Wir können doch keinen Unterricht mehr wie vor 20 Jahren machen“

Kaum ein Land in Europa hat sich und seine Schulen so früh der neuen Technik verschrieben wie Dänemark. Zur ersten Computerschulung mussten Dänemarks Lehrer schon 2001 antreten: 60 Pflichtstunden Word, PowerPoint und Tabellenkalkulation für alle. In Deutschland fließen nach langen Querelen um die Zuständigkeit nun endlich die Milliarden aus dem Digitalpakt. Dänemark startete das erste nationale Investitionsprogramm knapp zwei Jahrzehnte vorher, weitere folgten. Stück für Stück verlegen nun auch deutsche Schulen ihre Klassenbücher, Terminkalender sowie die Stecktafel für die Stundenverteilung der Lehrer ins Internet. In Dänemark läuft die gesamte Organisation und Kommunikation der Schulen – Noten, Fehlzeiten, Hausaufgaben – seit Langem digital.

Fehlende Hardware? Veraltete Technik? Wacklige Netzverbindungen? „Ehrlich gesagt, kennen wir diese Probleme hier kaum noch“, sagt Jens Mittag. Und bittet man den Rektor um das aktuellste Digitalkonzept seiner Schule, muss er länger überlegen – und schickt dann ein Papier von 2005. „Wir machen uns keine grundsätzlichen Gedanken mehr über den Einsatz von Computern“, sagt Mittag, „sie gehören einfach zum Unterricht dazu.“

Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften. Im Kunstunterricht fotografieren die Schüler ihre gemalten Bilder mit dem Handy und diskutieren sie am Smartboard. In Englisch spielen sie Reden von Martin Luther King auf ihren Laptops ab und analysieren Sprachbilder, in Deutsch hören sie, wie Heinrich Böll selbst aus seinen Ansichten eines Clowns liest.

Natürlich lernen sie am Gymnasium in Åbenrå noch mit Büchern. Und im Matheunterricht haben die Kalkulationsprogramme nicht das Rechnen ohne elektronische Hilfe ersetzt. Doch fragt man die Lehrer, wo die digitalen den analogen Medien überlegen sind, fallen stets zwei Stichworte: Anschaulichkeit und Lebensnähe.

Mara Nottelmann unterrichtet in Åbenrå Altertumskunde. Im dänischen Oberstufen-Lehrplan gehört das Fach, das den Schülern die Welt der Antike nahebringt, zum Pflichtstoff. Kürzlich wollte ein Junge spontan wissen, wie der Helm des Odysseus denn nun genau aussah. „Es dauerte keine zwei Minuten, da konnte ich die Frage mit einem Bild beantworten“, erzählt Nottelmann. Früher habe sie die Schüler immer auf die nächste Stunde vertrösten müssen. „Doch da war das Interesse oft schon erloschen.“

 

Nicht einmal Mittelmaß

Wie deutsche Schulen bei der Digitalisierung abschneiden.

 

Quelle: ICILS-Studie © ZEIT-Grafik

Immer wieder streut die Lehrerin in ihren Unterricht kleine Filmsequenzen ein. Oder sie unternimmt einen kurzen digitalen Rundgang durch die Skulpturensammlung des berühmten Thorvaldsen-Museums in Kopenhagen. Und da die historischen Kulissen von Computerspielen immer genauer werden, dürfen die Gamer in der Klasse auch mal das antike Alexandria aus der Spiele-Welt mit den Stadtporträts aus der klassischen Literatur vergleichen. Manchmal aber mache die Technik „es dem Lehrer auch zu leicht“, sagt Nottelmann. Der Brand von Rom ist eben bildstärker als eine Rede Ciceros. Mehr Schüler als früher hätten Probleme damit, längere Texte zu lesen. Und natürlich merkt man sich Inhalte besser, wenn man sie von der Tafel abschreibt, als wenn man sie abfotografiert oder einscannt. Aber deshalb auf die Vorteile der Technik verzichten, das will sie keinesfalls. „Wir können doch keinen Unterricht mehr wie vor zwanzig Jahren machen“, sagt Nottelmann.

Die digitalen Medien bestimmen die Welt, insbesondere jene der Schüler. Sie sehen anders, kommunizieren anders, lernen anders als die Generationen vor ihnen. Wenn die Schule das ignoriert, wird sie irgendwann bedeutungslos: Das ist seit Langem Konsens in Dänemark.

Der Digitalindex der EU führt das Land auf Platz eins. Die Bürger reichen rund 90 Prozent aller Schreiben bei den Behörden online ein, egal ob es um den Reisepass, die Steuererklärung oder eine Scheidung geht (in Deutschland sind es 43 Prozent). Wer auf Papier besteht, muss in Dänemark einen Grund nennen. Umgekehrt müssen die Behörden Mails innerhalb von 24 Stunden beantworten. Das Vertrauen der Bürger in den Staat ist groß in Dänemark, die Furcht vor Datenmissbrauch minimal. Bei der Geburt erhält jeder Bürger eine Nummer, fast alle Dänen nutzen ihren digitalen Zahlencode ebenso regelmäßig wie den offiziellen E-Mail-Dienst E-Boks. Kaum noch jemand zahlt mit Bargeld.

Selbst die Zeugnisse gibt es an vielen Schulen nur noch online

Die Schulen sind Teil dieser technikaffinen und pragmatischen Kultur. Viele Fragen, die man in Deutschland für immens wichtig hält, sind in Dänemark kaum ein Thema. So nutzen viele Schulen Instrumente wie Googledocs. Dass die Daten der Schüler und Lehrer auf irgendwelchen Servern in den USA lagern, stört niemand. Schon heute machen die meisten dänischen Schüler ihre Abschlussprüfungen am Computer. Ab 2020 sollen es alle sein. Schummelgefahr? Die existiert, wird aber mit Plagiatssoftware oder digitalen Kontrollen minimiert.

Selbst die Zeugnisse gibt an vielen Schulen nur noch online. Die meisten Eltern finden es gut, das spart schließlich Papier. Als das Gymnasium in Åbenrå vor zwanzig Jahren sein Laptop-Programm einführte, gingen die Anmeldungen nach oben. Und dass die Digitalisierungsstrategie der Regierung in der Kita beginnt, provoziert kaum Kritik. Die meisten Eltern würden eher fragen: Ja, wo denn sonst?

Jens Mittag, der Schulleiter der Deutschen Schulen in Åbenrå, nennt noch einen Grund für den Vorsprung: „In Deutschland braucht ihr immer ein Gesamtkonzept, bevor man etwas Neues macht“, sagt er, „wir Dänen fangen erst einmal an.“ Sie holten sich die Computer einfach in die Schule – ohne lange zu sinnieren, was man sich damit sonst noch einhandelt. Heute kann das größte Problem jeder benennen: Ablenkung. Weil YouTube, Facebook und Instagram während der Schulzeit keine Pause machen und die Schüler permanent online sind, gerät für die Lehrer jede Stunde zu einem fortwährenden Kampf um Aufmerksamkeit.

„Ich schaue mir Nasa-Daten an, wenn mich der Unterricht nicht interessiert“, sagt Jacob, ein Schüler aus der Elften. Typischer dürfte sein Klassenkamerad Finn sein, der bei Langeweile lieber eine Runde Clash Royale spielt. Nähert sich der Lehrer, wechselt er schnell die Bildschirmansicht.

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, dessen Regeln oft nicht klar definiert sind. Der eine Lehrer akzeptiert, wenn Schüler im Unterricht kurz eine WhatsApp-Nachricht beantworten, der andere nicht. Die eine Kollegin schaut weg, wenn die Smartphones im Unterricht – gegen die offiziellen Regeln – offen auf dem Tisch liegen. Die andere ahndet jeden Verstoß (der Ertappte muss in der nächste Stunde Süßes für alle mitbringen).

Die Strategien gegen die digitale Konkurrenz von außen sind vielfältig: Strafen, Internetfilter, Programme, die den Bildschirm regelmäßig fotografieren. Die definitive Lösung ist noch nicht gefunden. Am Ende bleiben den Lehrern nur ständige Ermahnungen („Pack das ein!“, „Schalt das aus!“, „Mach die Seite zu!“). Das kennen Eltern in Deutschland.

Schulleiter Mittag würde sich an seinem Gymnasium etwas mehr „Strenge“ wünschen, sagt er. Doch dänische Schulen sind konsensorientiert, autoritäre Lösungen verpönt. „Am Ende müssen die Schüler ohnehin selbst lernen, mit der Technik umzugehen, in der Schule wie im Leben“, sagt Mittag. Die Digitalisierung bremsen, die Geräte wegsperren? „Daran denkt hier in Dänemark wirklich niemand.“

Im Gegenteil, die offizielle Strategie zielt genau in die andere Richtung. Dänemark müsse IT-Spitzenreiter bleiben, es müsse noch mehr Nutzen ziehen aus den digitalen Segnungen. So die Botschaften der aktuellen Digitalisierungsstrategie der Regierung. „Die Bildung spielt dabei eine wichtige Rolle“, sagt Jeppe Bundsgaard, Pädagogik-Professor an der Universität Århus. Die Schulen sollen ihre Schüler intensiver mit der Technik vertraut machen, am besten von der ersten Klasse an. Damit sie die Technik nicht nur als Lernhilfe oder Bildermaschine nutzen, sondern als Werkzeug, um Probleme zu lösen.

Programmieren war an Dänemarks Schulen mal out

Wer meint, dass seien nur schöne Worte, sollte Jonas Kvist in Kopenhagen besuchen. Der 44-jährige ist IT-Coach an der Heibergskolen, einer „Volksschule“ im Stadtteil Østerbro. Wie überall in Dänemark besuchen dort alle Kinder in den ersten neun Jahren gemeinsam die Schule. Gleichzeitig leitet Kvist eine dritte Klasse. Die erste Pause ist gerade vorüber, die Jungen und Mädchen drängeln sich auf Strümpfen ins Klassenzimmer zurück. Ein Arsenal von Technik erwartet sie dort: ein Wagen mit Laptops, Kisten voller Platinen, dazu Verbindungen, Stecker, Kabelklemmen.

Immer wenn eigentlich Mathematik auf dem Stundenplan steht, heißt die Aufgabe seit ein paar Wochen: Wir basteln uns eine Computerkonsole. Mit Scratch, einer Programmiersprache für Kinder, haben die Schüler in den vergangenen Wochen ein kleines Videospiel produziert. Nun sollen sie – wohlgemerkt: Es handelt sich um Acht- und Neunjährige – mit der Platine und leitfähigen Materialien ein Steuergerät bauen, das sich an den Computer anschließen lässt, um das Spiel zu dirigieren.

Die einen nutzen Silberpapier und Schrauben als Steuerknöpfe, andere Konservendosen oder Büroklammern. – „Hier muss das Kabel ran“, „Nein, dort“, „Wieso leuchtet nichts?“, „Es bewegt sich!“ – Wenn die Schüler nicht weiterkommen, schauen sie zum Nebentisch. Ihr Lehrer Jonas lässt die Klasse machen. „Je jünger die Schüler sind, desto unbefangener gehen sie mit der Technik um“, sagt er. Mehrmals verlässt er sogar den Raum, obwohl auch Heißklebepistolen und Cuttermesser zum Einsatz kommen.

Eine Zeit lang war das Programmieren out an Dänemarks Schulen. Das machen die Inder für uns, sagte man. Inzwischen hat sich die Meinung gedreht. „Wir verstehen die moderne Technologie nur, wenn wir selbst mit ihr arbeiten“, sagt Jonas Kvist. „Computational Thinking“ heißt der Fachbegriff für diese praktische Anwendung von Algorithmen und Programmen. Die neue Icils-Studie hat die Fähigkeit zum digitalen Problemlösen jetzt erstmals getestet. Deutschland schneidet schwach ab – Dänemark gut.

In Zukunft soll es nun sogar das Fach „Technologie-Verständnis“ geben. Landesweit läuft dazu ein großer Schulversuch. An der Heibergskolen in Kopenhagen ist man darauf gut vorbereitet. Ein Digital-Curriculum verbindet hier alle Stufen: von ersten Programmierversuchen in der Klasse eins über das Basteln mit Microcomputern bis hin zu Robotik und 3-D-Druck in den höheren Klassen. Vor dem Bildschirm sitzen die Schüler gar nicht so häufig. Ebenso oft löten, schrauben oder zeichnen sie. Denn am Ende jedes Projektes steht immer etwas zum Anfassen.

Baut eine Metro, lautete einer der jüngsten Arbeitsaufträge für die achten Klassen. Natürlich fuhr am Ende keine U-Bahn durch die Schule. Doch immerhin kann man in der Werkstatt der Schule neben ausrangierten Computerteilen und einem Dutzend (funktionierenden!) 3-D-Druckern einen Schienenstrang sehen mit einem Wagen aus Legosteinen. Die Schüler haben das Gefährt nicht nur gebaut, sondern auch so programmiert, dass es nach einer bestimmten Strecke immer wieder anhält, einen Ton von sich gibt und am Ende umdreht – wie eine U-Bahn eben.