Buch-Tipp

Neue Lernformate : Ein Plädoyer für mehr Offenheit in der Schule

Vor lauter Fachunterricht, Organisation und Problemen geht im Schulalltag manchmal die Lust am Lehren und Lernen verloren. Das Buch „Offene Türen“ will hier gegensteuern und schafft einen Moment des Innehaltens. Der Autor Uli Marienfeld ist seit fast 40 Jahren begeisterter Pädagoge und seit zwei Jahren stellvertretender Schulleiter an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. In seinem Buch stellt er neue Lernformate und Arbeitsformen vor und zeigt anhand seiner eigenen Berufserfahrung, wie wichtig es ist, auch mal unkonventionelle Wege in der Schule zu gehen.

Annette Kuhn / 26. Oktober 2020

Schule hat für Uli Marienfeld viel mit Musik zu tun. Der Lehrer und langjährige Schulleiter spricht in seinem neuen Buch „Offene Türen. Vom gelingenden Leben im schulischen Alltag“ vom Resonanzraum Schule. Dass der Schulalltag gelingt, zeigt sich für ihn in diesem Widerhall, wenn das Lehren bei den Lernenden auf Aufmerksamkeit stößt und nicht ins Leere läuft.

Resonanzräume zu schaffen, heißt für den unkonventionellen Pädagogen, der zwei Schulen aufgebaut hat, bevor er zur Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) kam, vor allem auch Offenheit.

Lernwege durch neue Lernformate individualisieren

Es gebe keine allgemeingültigen Muster und Methoden im Unterricht, die einfach nur kopiert werden können. Seine Konsequenz: „Wenn uns bewusst ist, dass eine Methode ganz unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann, dann wäre es naheliegend, gar nicht erst zu versuchen, für alle Kinder das Gleiche in gleicher Weise zu vermitteln.“

Längst sei zwar klar, dass sich nicht alle Kinder gleichen Alters in allen Gebieten gleich entwickeln, aber das „Paradigma der Gleichheit der zu erlangenden Fertigkeiten und Ziele“ würde den Unterricht in der Praxis noch immer bestimmen. Mit seinem Buch will Marienfeld den Blick für neue Lehr- und Lernräume weiten.

Wenn uns bewusst ist, dass eine Methode ganz unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann, dann wäre es naheliegend, gar nicht erst zu versuchen, für alle Kinder das Gleiche in gleicher Weise zu vermitteln.
Uli Marienfeld, Autor des Buches „Offene Türen“

Konkret zeigt er viele solcher Räume und Wege auf, die er selbst in seiner fast 40-jährigen Berufstätigkeit als Lehrer entdeckt hat. Damit verfolgt er das Ziel, Lernwege zu individualisieren. Beim Drehtürmodell zum Beispiel verlassen Schülerinnen und Schüler, die im Stoff schon weit sind, für einzelne Unterrichtsstunden ihre Klasse, um sich anderen Projekten zu widmen. Er schildert seine Erfahrungen mit Projektkursen oder mit dem Lernen an einem anderen Ort, etwa beim Projekt „Herausforderung“. Hier suchen sich Jugendliche außerhalb der Schule und des Unterrichtsrahmens eine Aufgabe und setzen diese selbstständig um. Vorreiter dieses Projektes, das inzwischen an vielen Schulen in unterschiedlichen Ausprägungen praktiziert wird, war die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Und auch in der Gestaltung der Oberstufe hat die Schule, deren Oberstufenkoordinator Marienfeld heute ist, viele neue Formate entwickelt.

Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert Schulgeschichte

Neben den vielen Praxisbeispielen, die hier kurz und anschaulich dargestellt werden, ist das Buch auch eine Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert Schulgeschichte in Deutschland. Anhand von Episoden, die er selbst oder Weggefährten von ihm erlebt haben, stellt Marienfeld dar, was ihn und seine Arbeit geprägt hat.

Da ist sein erster Tadel – der Biologielehrer schrieb 1971 an seinen Vater: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ulrich wegen seines Verhaltens getadelt werden muss. Er schwatzte häufig und warf sogar mit Papier.“ Der Brief hing später in Marienfelds Schulleiterbüro. „Es sollte uns auch dazu ermahnen, pädagogische Konsequenzen nicht formal abzuarbeiten, sondern wirklich sinnvoll einzusetzen“, schreibt er.

Geprägt hat ihn auch der stellvertretende Schulleiter in seinem Referendariat in den 80er-Jahren. Dieser habe sich immer die Zeit genommen, alle Lehrkräfte im Lehrerzimmer zu begrüßen. Dabei seien viele Dinge auf den Tisch gekommen, bevor sie zum Problem werden konnten. Und viele Ideen nahmen Gestalt an, statt unausgesprochen zu versanden.

Offene Türen fördern die Beziehung zu Schülerinnen und Schülern

Neues als Bereicherung und nicht als Belastung zu empfinden, hat Marienfeld hier genauso mitgenommen wie eine gute Kommunikationskultur. Beides sei sehr wichtig im Kollegium, auch im Umgang mit angehenden Lehrkräften, betont er. Und natürlich seien die offenen Türen für die Beziehung zu Schülerinnen und Schülern entscheidend.

Gerade im Gymnasium würde der Blick für die Belange der Jugendlichen vor lauter Fachunterricht mitunter verloren gehen, so seine Erfahrung. Der ganzheitliche Blick gerate da schnell in den Hintergrund. Er schreibt: „Es geht in der Schule nicht nur um Instruktion. Es geht auch darum, dass Kinder und Jugendliche konstruieren, dass sie selbst etwas gestalten.“ Nach dem Titel des Buches also: dass sie selbst durch offene Türen gehen und neue Räume entdecken.

„Offene Türen“ ist kein Buch, das belehren will oder von oben herabschaut, sondern das durch einen sehr persönlichen Blick Mut machen will, neue Wege im Lehrberuf zu gehen. Geschrieben von einem Lehrer, der auch nach fast 40 Jahren noch immer begeistert seinen Beruf ausübt.

Auf einen Blick