Dieser Artikel erschien am 14.11.2018 in DIE ZEIT
Autor: Harald Martenstein

Harald Martenstein : Über Schulnöte

Eine NGO ist eine private Hilfsorganisation. Eine NGO, die nicht jeder kennt, heißt „German Toilet Organization“, abgekürzt GTO. Diese Gruppe kämpft für das Menschen­recht, ein Klo besuchen zu dürfen, möglichst ein sauberes. In vielen Teilen der Welt ist dies nicht selbst­verständlich. Es war zu erwarten, dass, neben den verarmten Staaten in Afrika, früher oder später auch Berlin in den Fokus der GTO geraten würde.

eine Schultoilette
„Toiletten für alle“?
©dpa

Auf der GTO-Website sieht man Kinder, die Schilder mit Parolen wie „Toiletten für alle“ hoch­halten. „Toilette bedeutet Würde“, sagt die GTO, und sie hat damit zweifel­los recht, auch wenn ich Menschen kenne, die auf diesen Teil der Würde keinen großen Wert zu legen scheinen. Einige von ihnen betreiben sogar Restaurants oder die Deutsche Bahn. Auf der Website steht, dass in Berlin mittler­weile zwei Drittel der Schüler die Schul­klos nicht mehr besuchen, weil sie zu schmutzig seien. Dies hat eine Befragung unter Schülern ergeben. Wie die Berliner Schüler mit diesem Problem umgehen, das ja stets zeitnah und unbüro­kratisch gelöst werden muss, wurde nicht ermittelt. Hat mal jemand im Chemie­saal in die Reagenz­gläser geschaut? Womöglich ist die Plage des Hunde­kots auf Berliner Geh­wegen gar nicht so schwer­wiegend, wie man dachte. Vielleicht stecken Schul­kinder dahinter, zumindest in den licht­armen Winter­monaten.

Die GTO hat einen Wettbewerb „Toiletten machen Schule“ ausgeschrieben, gesucht werden Konzepte, mit deren Hilfe der wachsende Verdrängungs­wettbewerb zwischen Hunden, Wohn­sitz­losen und Schülern in den Berliner Grün­anlagen entschärft werden könnte. Den Preis­trägern winken insgesamt 50.000 Euro. Mancher­orts putzen die Eltern, anderswo Schüler, diese Konzepte existieren. In Potsdam haben Schüler sogar eine eigene Putz­firma namens „Putzdamer“ gegründet. So was könnte man in Kreuz­berg unter dem Namen „Kotberger“ machen, das Reinicken­dorfer Start-up „Reinigen­dorfer“ lässt dann sicher nicht lang auf sich warten.

Im Tagesspiegel las ich, dass manche Berliner Schulen schon vor einigen Jahren schriftlich begründen mussten, warum sie Toiletten­papier brauchten. Erklärt sich dieses Bedürfnis nicht von selbst? Als eine Kollegin vom Tages­spiegel damals eine Grund­schule im Wedding inspizierte, erfuhr sie von der Rektorin, dass ihr Antrag auf Toiletten­papier leider abgelehnt worden sei. Ihre Begründung war offenbar nicht über­zeugend genug gewesen. Die damals zuständige Bildungs­stadt­rätin sagte: „Eigentlich haben Toiletten bei mir Priorität.“ Sie war von der CDU, ich finde, sie hätte der Schule zumindest ein paar Stapel des Partei­programms unbüro­kratisch zur Verfügung stellen sollen. Aber das ist womöglich aus Hoch­glanz­papier und deshalb für Schul­toiletten ungeeignet. Was die Inklusion betrifft, so scheiterte sie im Wedding auch daran, dass die Behinderten­toilette über keine Dusche verfügte, deshalb konnten behinderte Kinder sich nicht reinigen, falls mal etwas danebenging.

Was mir nicht in den Kopf will: Wieso müssen staatliche Grund­aufgaben wie Schulklos neuer­dings von NGOs und Firmen erledigt werden? Der populistischen Frage, wofür man eigentlich Steuern zahlt, kann man sich da schwer erwehren. Aber falls die GTO in Berlin Erfolg hat, werden sicher als Nächstes die Berliner Kranken­häuser an Ärzte ohne Grenzen übergeben und die Berliner Kinder­gärten an terre des hommes. Die Regierung kann sich dann ungestört ihren internen Macht­kämpfen widmen. Vielleicht hilft ja auch ein Hashtag, „#wecannotpee“.