Dieser Artikel erschien am 07.03.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Valentin Tischer

Von der Schule in die Arbeitswelt : Türöffner für die Zukunft

Mentoren begleiten Schüler im Landkreis beim Einstieg in das Berufsleben. Das kann sehr aufwendig und zeitintensiv sein. Nun soll das Angebot auch auf die Realschule Vaterstetten ausgeweitet werden.

Schüler und Lehrer besprechen sich
©Getty Images

Seit elf Jahren begleitet eine Gruppe von Mentoren in Vater­stetten – eine von insgesamt drei im Land­kreis Ebers­berg – Schüler bei ihrem Einstieg in das Berufs­leben. Über 90 Schüler der Mittel­schule Vater­stetten und der Förder­schule in Poing haben das Programm zumeist erfolg­reich durch­laufen. Elf ehren­amtliche Mentoren kümmern sich um Praktika, Hilfe bei der Berufs­findung und geben Tipps zum Bewerbungs­prozess. Jetzt soll das Mentoring erweitert und auch an der Staatlichen Real­schule Vater­stetten angeboten werden.

Heinz Gerrits ist 78 Jahre alt und Rentner. Früher hat er als Ingenieur in der Milch­wirt­schaft gearbeitet, heute engagiert er sich ehrenamtlich als Mentor und hat die Leitung des Mentoring-Programms inne. Die Mentorings, erklärt Gerrits, sind eine auf­wendige Sache. Die Schüler werden von ihren Lehrern für das Programm vor­geschlagen, können aber auch selbst auf die Mentoren zu kommen. Das Angebot richtet sich speziell an Schüler der Mittel­schule. „Unser Fokus liegt auf der Lehre“, erläutert Gerrits. Das Mentoring beginne immer mit einer Vertrauens­phase. Nach Absprache mit den Eltern, die ihre Zustimmung geben müssen, solle eine Beziehung zwischen Mentor und Schüler, sowie gegen­seitiges Vertrauen aufgebaut werden. Bei einigen Schülern brauche diese Phase sehr viel Zeit. So erzählt Gerrits, dass er mit einem Schüler und seinem Mentor erst zum Flieger­horst nach Fürsten­feld­bruck fahren musste, damit sich der Schüler geöffnet hat.

Im nächsten Schritt des Programms soll heraus­gefunden werden in welches Berufs­feld die Schüler passen würden. „Sehr viele Mädchen bei uns wollen Tier­pflegerin werden“, erzählt Gerrits, aber nicht alle seien dazu geeignet. Mit Hilfe seines persönlichen Profils, das die Schüler selbst erstellen, ihrer hervor­tretenden Stärken und Schwächen und ihrer Interessen, suchen die Schüler und ihre Mentoren zusammen interessante Praktika, in einem Berufsfeld oder gehen gemeinsam ins Berufs­informations­zentrum. Meist ergebe sich dann schon ein passender Ausbildungs­beruf.

Die Mentoren begleiten die Schüler bis zu ihrer möglichen Einstellung durch einen Betrieb und auch darüber hinaus. Im Vorfeld erarbeiten sie mit den Schülern deren Bewerbungs­unter­lagen. So über­prüfen sie die Anschreiben, den Lebens­lauf, die Praktikums­zeugnisse und alle weiteren Unter­lagen, die wichtig sind. Auch üben sie mit den Schülern den Ablauf eines Bewerbungs­gespräches und auf welche Kleinig­keiten sie achten müssen.

Wie ein erfolgreiches Mentoring aussehen soll, zeigt die Geschichte von Uysal Tutal, einem von Heinz Gerrits Schülern. In der achten Klasse hatte er Gerrits und sein Mentoring durch eine Bekannte kennen­gelernt. „Er hat mit mir viele Ausflüge gemacht, mal in ein Museum oder zum Arbeits­amt“, beschreibt er die Vertrauens­phase zwischen ihm und Gerrits. Danach ging es ans Eingemachte, die Weichen für seine berufliche Zukunft mussten gestellt werden. Tutal sagt über seinen Mentor, dass er sehr aktiv gewesen sei: „Er hat sehr viel recherchiert und war immer für mich da.“ Gemeinsam übten die beiden, wie man sich richtig bewirbt. Zusammen erarbeiteten sie auch eine Bewerbungs­mappe: Tutal schrieb sein Anschreiben und seinen Lebens­lauf und Gerrits korrigierte die Fehler mit Rot­stift. Er sagt, es sei für ihn ein Erfolgs­erlebnis gewesen, als er bemerkt habe, dass je mehr er übte, umso weniger Rotstift auf seinen Unter­lagen zu sehen war.

Tutal bewarb sich bei der Firma Gienger aus Markt Schwaben um eine Aus­bildungs­stelle als Lagerist. Er wurde zum Vor­stellungs­gespräch eingeladen, bei dem auch sein Mentor dabei war. Bei der Führung durch den Betrieb wurde klar, dass sich der Personaler und der Mentor gut verstehen. Das Gespräch verlief unaufgeregt – und erfolg­reich. Nachdem Tutal und sein Mentor durch die Tür gehen wollten, rief ihnen der Chef noch einmal hinter­her, dass er etwas vergessen habe und dass er doch bitte eine Mail mit fünf Gründen schreiben solle, warum er der Richtige für die Ausbildungs­stelle sei. Tutal sagt selbst, dass er das wahr­scheinlich im Laufe der Woche gemacht hätte, aber sein Mentor war anderer Meinung: „Der will deine Schnellig­keit testen, also machen wir das gleich. Und wir nennen nicht nur fünf, sondern sieben Gründe.“

Von seinem Mentoring hat Tutal sehr viel mitgenommen: „Ich habe sehr viel über Bewerbungen gelernt, zum Beispiel, dass eine Bewerbung mehr ist als nur ein Anschreiben. Man muss sich auch gut präsentierten. Wir haben sehr viel geübt.“ Uysal Tutal ist jetzt Fach­lagerist bei der Firma Gienger. Nach einem Berufs­vorbereitungs­jahr hat er seine Ausbildung aufgenommen und sie im vergangenen Jahr abgeschlossen. Auch jetzt noch ist er seinem Mentor sehr dankbar: „Er hat mir Türen für die Zukunft geöffnet.“

Ganz so reibungslos laufen die Mentorings freilich nicht immer ab. Die Vater­stettener Gruppe um Gerrits besteht aus zwölf Ehren­amtlichen, die keine sozial­pädagogische oder ähnliche Ausbildung haben. Einige Fälle über­fordern die Mentoren schlicht. Die Familien der Jugendlichen würden dabei oft eine große Rolle spielen. So kann Gerrits Geschichten erzählen von Eltern, die das Mentoring ständig überwachen und kontrollieren wollen, was die Zusammen­arbeit mit dem Schüler verhindert. Aber auch die Jugendlichen selbst müssten manchmal eigentlich eher zum Sozial­pädagogen, als zum Mentor, meint Gerrits.

Ein Problem, welches sich erst in letzter Zeit äußert, klingt überraschend: Es gibt zur Zeit zu viele Mentoren, für zu wenige Schüler. Laut Gerrits würden die Schulen behaupten, dass es keine geeigneten Kandidaten mehr gebe, weil vor allem die Eltern sich mehr um die berufliche Ausbildung der Kinder kümmern würden. Dem will Gerrits nicht voll­ständig zustimmen. Um das Programm am Laufen zu halten, will er auch in der Real­schule tätig werden. Bisher waren Mentorings nur auf die Mittel­schule Vater­stetten und die Förder­schule in Poing beschränkt. Sie waren sehr aufwendig und dauerten teils über zwei Jahre. Für die Vater­stettener Real­schule will Gerrits nun Kurz­mentorings anbieten, die nur einige Monate dauern. „Dass da bei über 1000 Schülern kein Bedarf herrscht, kann nicht sein“, sagt er. Den Schülern soll vor allem bei der Suche von Praktika, der Wahl ihrer Berufs­richtung und dem Bewerbungs­prozess geholfen werden. Gerrits hat auch schon einige Plakate in der Schule auf­gehängt – und der erste Schüler hat bereits Interesse angemeldet.