Dieser Artikel erschien am 20.02.2019 in DIE ZEIT
Autor: Felix Schröder

Sprachen : Türkisch statt Englisch in der Grundschule?

Der Integrationsrat in Nordrhein-Westfalen schlägt vor, Englisch an Grund­schulen abzuschaffen und stattdessen Türkisch, Polnisch oder Russisch zu unterrichten. Eine gute Idee? Vier Meinungen

Karten mit Vokabeln auf Englisch und Türkisch
©shutterstock

„Englisch ist die erste Wahl“

Die Frage ist nicht, ob Grund­schul­kinder lieber Türkisch oder Polnisch statt Englisch lernen. Die Frage ist, wie uns Integration besser gelingen kann – und wie Kinder mit Migrations­hinter­grund besser Deutsch lernen und so bessere Chancen in Schule und Beruf haben. Sprach­erwerb findet nicht nur im Unterricht statt, sondern auch zu Hause. Die Eltern können maßgeblich dazu beitragen, dass Kinder besser Deutsch lernen. Daher ist es nicht nur für die eigene Integration der Eltern wichtig, dass sie die deutsche Sprache beherrschen. Wenn es um Fremd­sprachen geht, ist Englisch die erste Wahl. In einer Berufs­welt, in der Kontakte ins Ausland so häufig sind, ist es wichtig, Englisch zu können. Die verschiedenen Herkunfts­sprachen sind ein Schatz. Sie zu pflegen kann ein gutes – aber freiwilliges – Zusatz­angebot sein.
Karin Prien, 53, ist Bildungs­ministerin in Schleswig-Holstein

„Türkisch wäre kaum eine Hilfe“

Englisch sollte in der Grundschule auf keinen Fall außen vor gelassen werden, weil es durch die inter­nationale Verbreitung so wichtig ist. In den meisten Ländern wäre Türkisch oder Polnisch kaum eine Hilfe. Auch die Umsetzung stelle ich mir schwierig vor – wo sollen so viele pädagogisch qualifizierte Türkisch- und Russisch­lehrer herkommen? Im Allgemeinen halte ich aber Mehr­sprachig­keit und das Erlernen der Mutter­sprache für die Entwicklung der Kinder äußerst förderlich. Hierzu leisten viele Schulen in Zusammen­arbeit mit den General­konsulaten einen Beitrag und bieten mutter­sprachlichen Unterricht an. Ich bin in Deutschland auf­gewachsen, in meinem Eltern­haus wurde über­wiegend Türkisch gesprochen. Deutsch habe ich erst im Kinder­garten, in der Schule und von Freunden gelernt.
Rabia Tolu, 36, unterrichtet Deutsch an einer Real­schule in Baden-Württemberg

„Mehrsprachigkeit fördern“

Englisch hat für die meisten Kinder in der Grund­schule wenig mit ihrer Sprach­praxis im Alltag zu tun. In den Englisch­unter­richt wird in einer auch wirtschaftlichen Verwertbar­keits­logik die Erwartung gesetzt, zukünftige poly­glotte Welt­bürger heranzu­ziehen. Ich will nicht falsch verstanden werden: Englisch­kenntnisse schon in den ersten Schul­jahren aufzubauen, halte ich grundsätzlich nicht für falsch. Aber Kinder nehmen aus dem Englisch­unterricht in der Grund­schule wenig mit. Das weiß ich aus eigener Anschauung meiner Kinder, und das belegen Studien. Die Frage ist auch: Warum wird die Förderung von Mehr­sprachig­keit als Bildungs­ziel der Grund­schule ausschließlich auf diese Sprache begrenzt? Sowohl die EU als auch die Kultus­minister­konferenz empfehlen ja, Migranten­sprachen mit zu berücksichtigen.
Yasemin Karakașoğlu, 53, ist Professorin für Inter­kulturelle Bildung an der Uni Bremen

„Sprachen gleichbehandeln“

Ich war überrascht, als ich von der Forderung hörte. Ist es nicht herrlich, in einer einzigen Sprache mit so vielen Menschen welt­weit sprechen zu können? Meiner Meinung nach kommt Englisch in unseren Schulen sogar etwas zu kurz, den Eindruck hatte ich zumindest während meines Aufenthalts in den USA. Ich bin froh, schon in der Grund­schule an Englisch heran­geführt worden zu sein. Aber ich erlebe häufig eine Art Sprach­arroganz. Spanisch und Französisch – her damit! Türkisch und Russisch werden dagegen gerne kritisch beäugt. Dabei müssten sie doch gleich­behandelt werden. Meine Eltern sind in der ehemaligen Sowjetunion auf­gewachsen. Es war ihnen wichtig, dass ich schnell Deutsch lerne. Mein Russisch ist noch immer ausbau­fähig. In Russland müsste ich wohl versuchen, mich mit Englisch zu verständigen.
Nikolaj Grünwald, 19, ist im Vorstand der Landes­schüler­vertretung NRW

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