Trans im Schuldienst : „Jeden Tag mit dem falschen Namen angesprochen zu werden – das geht nicht!“

Im Januar 2022 outeten sich 125 Beschäftigte der katholischen Kirche im Projekt #OutInChurch als queer – darunter auch Theo Schenkel, seinerzeit Referendar für Katholische Religion und Französisch, mittlerweile Lehrer. Schenkel ist trans* und trug im Studium noch einen weiblichen Vornamen. Im Interview mit dem Deutschen Schulportal erzählt er, wie seine Schule auf das Outing reagiert hat und welchen Umgang mit Queerness er sich an Schulen wünscht.

Alexandra Mankarios 21. Oktober 2022
Theo Schenkel Trans*Lehrer
Lehrer Theo Schenkel hatte sich noch mit seinem alten Namen für das Referendariat beworben. Dann erst outete er sich - vor sich selbst und seinem Umfeld.
©Johanna Unternährer

Deutsches Schulportal: Als #OutInChurch an die Öffentlichkeit ging, hatten Sie Sorge, nach dem Referendariat keine Lehrerlaubnis für Katholischen Religionsunterricht zu bekommen. Haben Sie die Lehrerlaubnis inzwischen?
Theo Schenkel: Ich habe eine unbefristete Lehrerlaubnis vom Generalvikariat bekommen, jedoch nicht die Missio canonica, also die Lehrerlaubnis des Erzbischofs. In der Praxis spielt das aber keine Rolle.

Als Lehrperson wäre ich sonst immer mit ‚Frau Schenkel‘ angesprochen worden – das konnte ich mir nicht vorstellen!

Wann haben Sie entschieden, sich im Beruf zu outen?
Ich hatte mich noch mit meinem alten Namen für das Referendariat beworben und mich erst danach vor mir selbst und in meinem Umfeld geoutet. Kurz vor dem Referendariat habe ich dann beim Regierungspräsidium, bei der Schule und allen zuständigen Stellen abgeklärt, dass ich mein Referendariat unter meinem neuen Namen antreten kann. Als Lehrperson wäre ich sonst immer mit „Frau Schenkel“ angesprochen worden – das konnte ich mir nicht vorstellen. Deswegen war mir auch klar, dass ich allen gegenüber mit offenen Karten spielen muss.

Und wie ging es Ihnen damit?
Ich habe mich sehr ausgeliefert gefühlt, weil ich darauf angewiesen war, dass das Regierungspräsidium zustimmt, das Ausbildungsseminar, die Schule, die Kirche. Ich war davon abhängig, dass alle sozusagen „so nett“ sind, das zu akzeptieren. Außerdem stand ich damals noch am Anfang meiner Transition und habe mich gefragt: „Nehmen mir die Schülerinnen und Schüler das ab?“ Ich habe immer damit gerechnet, dass jemand aufsteht und sagt: „Nee, Moment, da stimmt was nicht. Sie können nicht Herr Schenkel sein!“ Das ist aber nie passiert.

War auch im Kollegium bekannt, dass Sie trans* sind?
Die Schulleitung wusste Bescheid, aber ansonsten wusste fast niemand an der Schule davon. Die meisten haben es durch die ARD-Dokumentation über #OutInChurch erfahren. Als ich am Tag nach der Doku in die Schule kam, war es erst mal ein bisschen komisch. Aber dann ging es vor allem um die kirchenpolitische Situation. Dass ich trans* bin, war gar keine große Sache.

Wie haben die Schülerinnen und Schüler reagiert?
Ein paar haben mich wissen lassen, dass sie die Doku gesehen haben. Einer hat unter eine Klausur geschrieben, dass er das cool fand. Aber die wenigsten haben es von sich aus angesprochen, und wenn doch, dann eher im Sinne einer besorgten Nachfrage – was ich zum Beispiel mache, wenn ich nicht weiter unterrichten darf.

Was würden Sie Kolleg*innen raten, die sich fragen, ob sie sich outen sollen?
Mir hat es immer sehr geholfen, offen mit der Situation umzugehen. Wenn mich jemand drauf anspricht, dann leugne ich das nicht. Was ich auf jeden Fall gelernt habe: Das ist für die meisten viel irrelevanter, als ich erwartet hätte. Für mich war klar: Jeden Tag mit dem falschen Namen angesprochen zu werden – das geht nicht! Das muss aber jede Person für sich selbst entscheiden: Ist es mir das wert, oder bevorzuge ich die Sicherheit und akzeptiere dafür, falsch angesprochen werde?

Wenn sich jemand outet, sollte man zuallererst der Person Glauben schenken und nicht hinterfragen, was sie sagt.

Wie kann Schule ein Klima schaffen, in dem queere Personen sich wohlfühlen?
Was ich immer wichtig finde – und nicht nur im Schulkontext: Wenn sich jemand outet, sollte man zuallererst der Person Glauben schenken und nicht hinterfragen, was sie sagt. Auch wenn Schülerinnen und Schüler sagen, sie seien trans*, dann bitte nicht fragen: „Bist du dir wirklich sicher?“, und sie damit in eine Beweislage bringen. Wenn eine Person den Namen oder die Pronomen wechselt, dann finde ich es wichtig, dass das Umfeld das anwendet und sich dabei auch anstrengt, selbst wenn es am Anfang etwas Übung erfordert.

Natürlich ist auch Zuhören wichtig. Was braucht die Person? Möchte sie den Sportunterricht wechseln oder woanders auf Toilette gehen? Unabhängig davon sollten Schulen außerdem darauf achten, Geschlechterstereotype zu hinterfragen, anstatt sie zu verstärken. Zum Beispiel kommt in Texten im Unterricht oft ein sehr klassisches Weltbild vor. Wenn sich Schülerinnen und Schüler darin nicht wiederfinden, fällt es ihnen auch viel schwerer, sich selbst zu finden. Und es braucht Angebote zur Fortbildung, denn häufig fehlt einfach Wissen.

Wie könnte man sich fortbilden?
Ich fände es gut, wenn bereits in der Ausbildung von Lehrpersonen mehr über Vielfalt geredet wird. Es geht also nicht darum, nur irgendeinen „Vielfaltskurs“ zu besuchen. Wir müssen uns eher die Frage stellen, wie wir Schule insgesamt inklusiver gestalten können.

Brauchen wir an Schulen Ansprechpersonen, an die sich queere Schüler*innen oder Lehrkräfte wenden können?
Es würde sicher nicht schaden, wenn es Queer-Beauftragte an Schulen gäbe. Aber es würden sich trotzdem sicher nicht alle an diese Personen wenden. Hilfreicher fände ich, dass queere Menschen an Schulen sichtbarer sind. Rein statistisch gibt es in jedem Kollegium queere Menschen. Natürlich ist es nicht per se die Aufgabe von queeren Menschen, Bildungs- oder Beratungsarbeit zu leisten. Aber ich glaube, dass darin auch ein Potenzial liegt. Wenn andere wissen, dass ich trans* bin, sprechen sie mich vielleicht eher an, wenn sie Fragen zu ihrer geschlechtlichen Identität haben. Deshalb finde ich es schon wichtig, dass an der Schule bekannt ist, dass ich trans* bin.

Was bedeutet trans*?

  • Das Adjektiv trans* beschreibt eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten. Ihnen gemeinsam ist, dass die Identität von trans* Personen nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
  • Manche trans* Personen fühlen sich eindeutig weiblich oder männlich. Andere ordnen sich keiner oder mehreren Geschlechtsidentitäten zu.
  • Einige, aber nicht alle trans* Personen entscheiden sich für geschlechtsangleichende Maßnahmen. Die Gestaltung der sogenannten Transition ist individuell und kann verschiedene Schritte umfassen.
  • Den meisten trans* Personen sieht man nicht an, dass sie trans* sind.
  • Weitere Begriffe für „trans*“ sind unter anderem „transgender“, „transident“ oder „genderqueer“.
  • Die Bezeichnung „transsexuell“ lehnen viele trans* Personen als diskriminierend und irreführend ab – unter anderem weil es dabei nicht um die sexuelle Orientierung geht, sondern um die Geschlechtsidentität.