Lehrerarbeitszeit : Teamzeiten im Stundenplan? Eine Schule zeigt, wie es geht

Was an vielen Schulen durch das starre Pflichtstundenmodell für Lehrkräfte fehlt, macht die Green Gesamtschule zum Grundprinzip ihrer Arbeit. Teamzeiten für die Lehrerinnen und Lehrer sind fest im Tagesablauf verankert. Martina Zilla Seifert, die das Konzept mitbegründet hat, erklärt im Gespräch mit dem Schulportal, wie es funktioniert.

Florentine Anders 02. Februar 2022 Aktualisiert am 07. Februar 2022
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Die Green Gesamtschule (ehemals Gesamtschule am Körnerplatz) ist Preisträger des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial.

Ausgerechnet an diesem Januarmorgen ist an der Green Gesamtschule der Notstand ausgebrochen. 20 der rund 100 Pädagoginnen und Pädagogen sind krank oder in Quarantäne, Omikron hat die Schule in Duisburg mit ihren rund 900 Schülerinnen und Schülern erreicht. Schulleiterin Martina Zilla Seifert ist selbst wegen einer Corona-Infektion zu Hause, während wir mit ihr per Video zu einem Gespräch über innovative Arbeitszeitmodelle verbunden sind.

Was tun? Die Teamstunden der Kolleginnen und Kollegen streichen, um für die Schülerinnen und Schüler den Unterricht abzusichern? „Auf keinen Fall, das wäre der Anfang vom Ende“, antwortet Seifert entschlossen.

Die Schule wurde 2015 als Teamschule gegründet

Was für die meisten Schulleitungen wohl die naheliegende Antwort auf fehlende Lehrkräfte wäre, käme für sie nur in Frage, wenn sonst gar nichts mehr geht. Die Green Gesamtschule basiert seit ihrer Gründung 2015 auf dem Teammodell, das heißt, Teamzeiten für die Kooperation im Kollegium sind im Stundenplan mit festen Zeiten vorgesehen. Inzwischen ist die Schule Referenzschule für den Bereich Teamentwicklungsprozesse der Qualitäts- und Unterstützungs-Agentur des Landesinstituts für Schule des Landes Nordrhein-Westfalen (Qua-LiS NRW). Und auch der Unterricht basiert auf der kooperativen Arbeit der Schülerinnen und Schüler nach dem Konzept von Norm und Kathy Green.

Schulleiterin Martina Zilla Seifert hat das Schulkonzept mit ihrem Kollegium entwickelt, jetzt steht sie kurz vor der Rente. Befürchtungen, dass die Teamstrukturen nach ihrem Abschied verloren gehen könnten, hat sie nicht. Schließlich hätten sie sich bewährt, die Lehrkräfte wüssten inzwischen die Vorteile zu schätzen.

Auf die Wirkung der positiven Erfahrung setzte Seifert von Anfang an. Denn auch sie ist gebunden an das Pflichtstunden-Modell, das in NRW für die Schulform Gesamtschule 25,5 Stunden vorsieht.

Ein Topf mit Entlastungsstunden und das Prinzip Hoffnung

Das starre Arbeitszeitmodell für Lehrkräfte macht es den Schulen schwer, Kooperationszeiten festzuschreiben. Die Arbeitszeit richtet sich nach der Anzahl der zu unterrichtenden Stunden. Andere Aufgaben wie etwa Korrekturen zu Hause, Fortbildungen, Unterrichtsvorbereitungen oder eben Teamarbeit sind zwar pauschal enthalten, aber nicht genauer im Umfang definiert. Projektarbeit, gemeinsame Unterrichtsentwicklung, fächerübergreifende Konzepte – all das wird dadurch ausgebremst.

Um dem Teammodell dennoch eine feste Struktur zu geben, nutzt Seifert einen „Trick“.
Lehrkräfte, die an der Green Gessamtschule in einer fünften oder sechsten Klasse arbeiten, haben anderthalb Unterrichtsstunden pro Woche weniger zu leisten. Dafür stehen feste Kooperationszeiten im Stundenplan. In dieser Zeit sitzen die jeweiligen Klassenteams in einem Büro zusammen, um gemeinsam den Unterricht vorzubereiten, gegenseitige Unterrichtshospitationen auszuwerten, sich über Dissonanzen den Lerngruppen auszutauschen oder auch mal Persönliches zu besprechen. Zu einem solchen Klassenteam gehören mindestens vier Kolleginnen und Kollegen: zwei Lehrkräfte, die sich die Klassenleitung teilen, ein beratendes Schulleitungsmitglied sowie eine Kollegin oder ein Kollege aus dem multiprofessionellen Team oder aus dem Moderatorenteam für „Kooperatives Lernen“. Einmal im Monat werden auch die Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter und bei Bedarf eine sonderpädagogische Fachkraft hinzugezogen.

Teamarbeit wird also nicht „on top“ geleistet, sondern angerechnet und vergütet – im fünften Jahrgang mit einer Doppelstunde pro Woche, im sechsten Jahrgang mit einer Einzelstunde. Die Schule nutzt dafür den sogenannten LehrerInnentopf zur Entlastung von Aufgaben, den jede Schule in Nordrhein-Westfalen in ihrem Personalbudget zur freien Verfügung hat. Erleichtert wird diese Organisation dadurch, dass an der Green Gesamtschule kaum Teilzeitkräfte arbeiten.

Und dieser Topf mit Entlastungsstunden reicht aus für ein solches Modell? „Nein!“, sagt Seifert, die auch nach ihrer aktiven Zeit als Schulleiterin nicht aufhören wird, sich für ein neues Lehrerarbeitszeitmodell und eine bessere Personalausstattung der Schulen einzusetzen. Ab der siebenten Klasse gibt es diese Entlastungsstunden für die Teamzeiten an der Green Gesamtschule nicht mehr. Dafür gibt es bis zur neunten Jahrgangsstufe immerhin noch die doppelte Klassenleitung.

Teamarbeit steigert das Wohlbefinden bei der Arbeit

Dass die Idee der Teamarbeit auch über die sechste Jahrgangsstufe hinaus auch ohne die dafür vorgesehenen Entlastungsstunden funktioniert, ist allein dem besonderen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken. „Wir haben gehofft, dass die Lehrkräfte nach zwei Jahren verstanden haben, dass sie diese Teamzeiten brauchen, und sie dann trotzdem fortführen, auch wenn sie nicht mehr auf die Pflichtstunden angerechnet werden“, sagt Seifert.

Die Hoffnung geht auf. „Die gemeinsame Arbeit entlastet nicht nur, es entstehen Beziehungen, die die Kolleginnen und Kollegen nicht so leicht wieder aufgeben. Sie haben nicht mehr das Gefühl, dass die Arbeit entfremdet. Es ist ja auch sinnstiftend, wenn andere sehen, dass man einen guten Job macht.“ Die positiven Effekte auf das Wohlbefinden und die Gesundheit haben sich auch in einer Befragung der Lehrkräfte – Copsoq NRW – gezeigt. Die Kolleginnen und Kollegen gaben mehrheitlich an, dass sie die Teamzeiten als Entlastung in einem herausfordernden Beruf empfänden.

Und noch ein ganz entscheidender Vorteil hat sich in der Corona-Pandemie gezeigt. Durch die vorhandenen Teamstrukturen war die Schule in der Lage, agil auf die neue Situation zu reagieren und ihre Konzepte anzupassen. Vorhandene Austauschformate der Lehrerinnen und Lehrer konnten problemlos ins Digitale verlegt werden. „Die Teamstruktur war ein Garant dafür, dass wir weitermachen konnten, auch ohne Präsenzunterricht“, sagt Seifert.

Mehr zum Konzept der Schule

Gesamtschule am Körnerplatz
Die Teamstrukturen haben der Green Schule (früher Gesamtschule am Körnerplatz) geholfen, durch die Corona-Krise zu kommen.
©Stefan Kochert

Die Green Gesamtschule (früher: Gesamtschule am Körnerplatz) in Duisburg startete unter schwierigsten Bedingungen in die Corona-Krise: In der Schule gab es kein WLAN. Die wenigsten Schülerinnen und Schüler hatten digitale Endgeräte. In vielen Familien wird kein Deutsch gesprochen. Die Schule leidet extrem unter dem Lehrermangel. Trotz dieser Heraus­forderungen hat es die Schule geschafft, trotz Corona-Krise nicht die Schulentwicklung aus den Augen zu verlieren.