Dieser Artikel erschien am 14.05.2019 in der taz
Autorin: Joana Nietfeld

Mobbing an Schulen : Täter, Opfer, Möglichmacher

Berliner Schüler*innen setzen sich bei einem Workshop mit Hinter­gründen von Diskriminierung auseinander und entwickeln Strategien gegen Mobbing.

WhatsApp-Chatverlauf
Auch Cyber-Mobbing will Berlins Schulsenatorin künftig erfassen
©dpa

Der vermeintliche Selbstmord einer Berliner Grundschülerin im Januar schlug hohe Wellen: Sie sei in der Schule gemobbt worden und zu lange sei nicht ein­gegriffen worden, lauteten die Vorwürfe. An diesem Montag kündigte Bildungs­senatorin Sandra Scheeres (SPD) an, die Mobbing-Melde­pflicht für Schulen zu über­arbeiten und eine neue Kategorie zur Erfassung von Cyber-Mobbing einzu­führen.

Der Verein Aktion Courage beschäftigt sich schon lange mit dem Thema und veranstaltete am Dienstag in den Räumen der Landes­zentrale für politische Bildung in der Harden­berg­straße eine Werk­statt, um „Instrumente gegen Mobbing zu entwickeln“, wie Sanem Kleff, Leiterin der Bundes­koordination von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, erklärt.

Insgesamt 80 Schüler*innen von rund 15 Berliner Schulen nehmen teil. In einem Raum legt Work­shop­­leiterin Birgit Krug Fotos aus. Sie zeigen DJanes, Trans­gender, People of Color oder Straßen­kunst des bekannten Graffiti­künstlers Banksy.

„Girlpower“

„Das ist Girlpower“, sagt eine Schülerin beim Betrachten des Fotos einer Body­builderin, die ihren Bizeps anspannt. Im Raum sitzen 16 Schülerinnen, alle zwischen 12 und 15 Jahren alt. Sie sprechen darüber, welche Bilder sie in ihren Köpfen haben und wie diese Diskriminierung auslösen können.

Wie lassen sich Diskriminierungen erkennen und verhindern, ist die Leitfrage in einem Strategie-Workshop, den Rafael Rickfelder und Funda Cabral Semedo anbieten. Gemeinsam definieren sie die an Mobbing beteiligten Akteure: Es gebe immer Täter, Opfer und Möglich­macher. Rickfelder erinnert sich an seine eigene Schulzeit: „Da war ich auch Möglich­macher: Ich habe nichts aktiv gemacht, aber ich habe auch nichts unter­nommen, um Mobbing zu beenden.“ Er habe Mobbing eher als willkommene Abwechslung im Schul­all­tag empfunden – und dabei hätte er die Situation auch ausgenutzt, um den eigenen Status aufzubessern.

Was hätte Rickfelder stattdessen tun können? „Bildet eine Gruppe mit dem Täter und den Mitläufern. Gemeinsam über­legt ihr, was getan werden muss, damit sich das Mobbing­opfer in der Klasse wieder wohl­fühlt“, sagt Cabral Semedo. Was sich erst mal absurd anhört, ist eine bekannte Methode in der Bewältigung von Mobbing. Bei dem „No Blame Approach“ („Keine Schuld­zuweisung“) geht es nicht darum, Täter*innen zu beschuldigen, sondern das Opfer zu unter­stützen und zu reintegrieren. „Klappt in 95 Prozent der Fälle“, versichert Cabral Semedo.