Fragen an Experten

Sucht bei Lehrkräften : Wenn eine Lehrkraft im Kollegium ein Alkoholproblem hat

Das Schulportal hat Lehrkräfte anonym befragt, in welchen Situationen sie unsicher sind, wenn es darum geht, Beziehungen professionell zu gestalten. Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen können. In diesem Fall geht es um ein Suchtproblem im Kollegium. Der Psychologe Klaus Seifried beantwortet die Frage, wie Kolleginnen oder Kollegen reagieren können.

23. Mai 2022
Abhängigkeit von Alkohol, ist bei Lehrerinnen und Lehrern mindestens so häufig zu beobachten wie in der Bevölkerung insgesamt.
©Finn Winkler/dpa

Lehrerin einer Gesamtschule: Ich vermute, dass meine Kollegin Frau A., die in der fünften Klasse unterrichtet, ein Alkoholproblem hat. Nach den Schulschließungen und dem Wechselunterricht während der Corona-Pandemie beobachtete ich, dass die Kollegin häufig am Limit war. Nun kam es vor, dass ich bei ihr auch während des Schulbetriebs zweimal in einem Gespräch Alkoholgeruch festgestellt habe. Wie sollte ich reagieren? Möglicherweise war das nur ein Ausrutscher, die einer vorübergehenden Extremsituation geschuldet war. Ich habe Hemmungen, die Lehrerin direkt darauf anzusprechen. Gleichzeitig würde ich der Kollegin gern helfen.

Klaus Seifried, Psychologe: Sucht, oder genauer die Abhängigkeit von Alkohol, ist bei Lehrerinnen und Lehrern mindestens so häufig zu beobachten wie in der Bevölkerung insgesamt. 6,7 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,6 Millionen Menschen dieser Altersgruppe gelten als alkoholabhängig. (Epidemiologischer Suchtsurvey 2018)

Noch häufiger ist die Abhängigkeit von Medikamenten; sie betrifft rund 2 Millionen Erwachsene in Deutschland. Vor allem die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln, Schlafmitteln, Beruhigungs- oder Aufputschmitteln (Psychopharmaka) ist ein großes Problem. Laut Suchtsurvey lag die Zahl der Medikamentenabhängigen 2018 mit 3,2 Prozent der Gesamtbevölkerung leicht über der Häufigkeit von Alkoholabhängigkeit (3,1 Prozent). Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Sucht als „das zwanghafte Verlangen nach bestimmten Substanzen (…), die Missempfindungen vorübergehend lindern und erwünschte Empfindungen auslösen.“

In jedem Beruf mindert regelmäßiger Alkoholkonsum die Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit. Lehrerinnen und Lehrer haben eine besondere Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche. Von Pädagoginnen und Pädagogen sollte eine besondere Sensibilität für Kinder und Jugendliche erwartet werden. Präsenz und Autorität, Wertschätzung und Grenzsetzung in den Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern, aber auch Selbstreflexion und Selbststeuerung sind wesentliche Basiskompetenzen, die in diesem Beruf gefordert sind.

Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit schränken diese Fähigkeiten deutlich ein. Abhängige Lehrerinnen und Lehrer melden sich häufiger krank, sind unpünktlich im Unterricht und unzuverlässig bei Korrekturen oder Unterrichtsvorbereitungen.

Daher sollte Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit in einer Schule nicht geduldet werden. Häufig findet aber ein „Co-Verhalten“ der Kolleginnen und Kollegen statt, wenn die abhängige Kollegin familiäre Probleme, persönliche Krisen oder Ähnliches zu bewältigen hat, ansonsten aber freundlich und nett ist. Dann wird Alkoholabhängigkeit akzeptiert – „Sie hat es schwer“ – und Fehlverhalten kompensiert, wie dies auch häufig in Familien stattfindet. Bei Suchterkrankungen ist die Motivation, das Suchtverhalten zu ändern, gering, solange die Lebensverhältnisse einigermaßen stabil sind. Deshalb ist eine Konfrontation durch Familienangehörige oder Vorgesetzte häufig eine wesentliche Voraussetzung für eine Veränderung.

Die Lehrerin sollte ihre Beobachtungen mit der Schulleitung besprechen. Das ist kein Petzen oder Intrigieren, sondern Fürsorge für die Kollegin Frau A. – aber vor allem auch für die Schülerinnen und Schüler, die sie unterrichtet. Es ist die Aufgabe der Schulleitung, Frau A. damit zu konfrontieren, dass in der Schule kein Alkoholkonsum geduldet wird und sie nüchtern zum Unterricht erscheinen muss. Die Schulleitung muss prüfen, ob Frau A. dienstfähig ist. Im Rahmen von Präventionsgesprächen kann die Schulleitung Frau A. Vorgaben machen, ihr Verhalten beobachten und sie unter Umständen auch zum Amtsarzt schicken.

Man hilft abhängigen Menschen am besten, indem sie mit ihrer Sucht konfrontiert werden und diese nicht toleriert wird. Gleichzeitig sollten Hilfsangebote gemacht werden: Wo finde ich Beratung oder Therapie? In schweren Fällen ist eine stationäre Aufnahme in eine Klinik mit entsprechendem Entzug notwendig.

Zur Person

  • Klaus Seifried ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Lehrer.
  • Er arbeitete zwölf Jahre als Lehrer und 26 Jahre als Schulpsychologe.
  • Von 2003 bis 2016 war er Leiter des Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums (SIBUZ) Tempelhof-Schöneberg in Berlin.
  • Seit 1996 ist er Bundesvorstand der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).
  • Seit 2016 ist Klaus Seifried freiberuflich tätig.
  • www.klausseifried.de

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