Dieser Artikel erschien am 26.10.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Tobias Lill

Inklusion : Stefans Odyssee

Schüler mit Förderbedarf haben unter bestimmten Umständen Anspruch auf einen Schulbegleiter. Doch viele Eltern – und Kommunen – sind verzweifelt: Es gibt kaum welche. Mitunter werden Kinder deshalb von der Schule ausgeschlossen.

Inklusiver Unterricht in einer fünften Klasse
Inklusiver Unterricht in einer fünften Klasse in Mannheim (Archivbild)
©dpa

Stefan Meier* ist ein schlauer Junge. Der Sieben­jährige kann schon multiplizieren und, seit er vier ist, lesen. Doch weil er Asperger-Autist ist, hat er große Probleme im Umgang mit anderen Menschen. Stefan kann deren Gestik und Mimik oft nicht deuten, ist stark auf seine Interessen fixiert und hat Angst vor Veränderungen. „Kommt es zu einer Reiz­über­flutung, etwa weil es sehr laut wird, droht im schlimmsten Fall ein Nerven­zusammen­bruch“, sagt seine Mutter.

Wer Stefan kennenlernt, wie er sich bei großem Lärm die Ohren zuhält und dann in seiner Verzweiflung schrill das Schreien anfängt, kann ihn sich im ersten Moment kaum in einem überfüllten Klassen­zimmer einer Grund­schule oder gar auf dem Pausen­hof vorstellen. Tatsächlich besuchte der Sieben­jährige aus München wegen seiner Schwierig­keiten bislang einen heil­pädagogischen Kinder­garten. Wegen seiner hohen Intelligenz wollten ihn seine Eltern jedoch unbedingt in die normale Grund­schule vor Ort schicken – und nicht in eine Förder­schule.

Stefans Mutter Monika* überlegte deshalb gemeinsam mit der Schule und Stefans Psychologen, wie dessen Einschulung gelingen könne. Die Antwort war schnell klar: Der Junge braucht einen Schul­begleiter. Ein solcher Integrations­helfer hilft Kindern mit Behinderung oder Förder­bedarf – in Stefans Fall etwa beim Umgang mit anderen Kindern oder wenn er überfordert ist. Droht eine Eskalation, kann der Begleiter mit ihm aus dem Klassen­zimmer gehen, sodass der Autist den Unterricht nicht stört.

Mutter Monika war guter Dinge, als sie sich bereits ein Jahr vor der Einschulung auf die Suche nach einem Integrations­helfer machte. Doch dann erlebte sie nach eigener Aussage eine regel­rechte Odyssee. Sie meldete ihn bei zahlreichen Schul­begleit­diensten an. „Doch viele haben nicht mal reagiert“, erinnert sich Meier. Andere hatten keinen Platz. Sie habe große Angst gehabt, ob ihr Junge über­haupt die Schule besuchen könne, sagt sie.

Verzweifelte Eltern

Ein Problem: Viele Anbieter fangen oft gar nicht an zu suchen, wenn keine Finanzierungs­zusage des Jugend­amts vorliegt – und die Bescheid-Erstellung dauert in München und vielen anderen Städten häufig mehrere Monate, mitunter sogar länger als ein halbes Jahr. Denn die Behörden kommen den steigenden Fall­zahlen kaum noch hinterher.

Hauptursache für die Hängepartien vieler Eltern ist jedoch ein Mangel an Integrations­helfern. „Immer öfter haben Eltern zu Schul­beginn noch keinen Schul­begleiter“; sagt der Münchner Behinderten­beauftragte Oswald Utz. Die Dienste suchen hände­ringend Personal. Allein die Malteser hatten Ende September an der Isar noch mehr als 50 Kinder auf der Warte­liste. Auch in anderen Teilen Bayerns berichten Jugend­ämter, Bezirke und Hilfs­dienste von fehlenden Schul­begleitern. „Nicht wenige Kinder haben zu Schul­beginn noch keinen Schul­begleiter“, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV).

Auch außerhalb Bayerns schlagen Behinderten­vertreter wie der Sozial­verband VdK zunehmend Alarm wegen der immer schwerer werdenden Suche nach Integrations­helfern. Fälle, in denen bis zum Schul­jahres­anfang noch kein Schul­begleiter gefunden wurde, häufen sich, warnt auch Fabian Diekmann vom Selbst­hilfe­verband Autismus Deutschland. Es gebe sogar Eltern, die im Ausland nach Helfern suchten.

Viele Hilfs­kräfte ohne Fach­aus­bildung

Besonders schlechte Chancen haben Eltern, die einen pädagogisch qualifizierten Integrations­helfer suchen. Der sei oft nicht zu finden, weiß Diekmann. Zum einen zahlen die Jugend­hilfe­träger oft zu wenig, damit die Begleit­dienste mit Kinder­heimen, Jugend­zentren oder anderen pädagogischen Einrichtungen beim Gehalt mithalten können – zum anderen ist der Markt für Pädagogen leer­gefegt. Und so bestätigen diverse Anbieter auf Anfrage, dass sie vor allem mit nicht ausgebildeten Hilfs­kräften arbeiten. Verena Bentele, VdK-Präsidentin nennt dies „problematisch“. Auf Kritik stößt auch, dass viele Helfer nicht viel mehr als den Mindestlohn verdienen.

Doch viele Begleiter machen trotz fehlenden Fach­wissens sehr gute Arbeit, wie Diekmann anerkennt. Längst sind sie aus dem Schul­all­tag inklusiver Klassen kaum mehr wegzudenken. Umso schwerer wird es für die Lehrer, wenn sich kein Helfer findet oder wenn er durch Krankheit länger ausfällt. Letzteres kommt laut Autismus­verband und BLLV öfter vor. „Fehlt der Begleiter, ist dies natürlich ein immenses Problem für das Kind, aber auch für die ganze Klasse“, sagt Lehrer-Funktionärin Fleischmann. Wenn der Integrations­helfer krank sei, würden die Kinder etwa in die Lehrer­zimmer mit­genommen, „weil die Lehrer Angst haben, dass Pausen auf dem Pausen­hof nicht gut gehen“, so die Pädagogin.

Für Autisten, die besonders Stabilität brauchen, sei ein fehlender Schul­begleiter „besonders fatal“, sagt auch Diekmann. Obwohl in Deutschland eine Schul­pflicht besteht, gibt es unter ihnen offenbar viele, denen der Besuch des Unterrichts regel­mäßig verwehrt wird. Bei einer Umfrage von Autismus Deutschland unter gut 620 Eltern von autistischen Schülern hatte 2016 jeder Fünfte angegeben, das eigene Kind sei schon einmal von der Schule aus­geschlossen worden – teils über Monate hinweg. Häufige Ursache war demnach das Ausfallen des Integrations­helfers. Denn bis ein geeigneter Nachfolger gefunden wird, dauert es oft lange.

Zehnmal mehr Bewilligungen

Der Mangel an Schulbegleitern könnte sich sogar noch verschärfen. Die Zahl der von den zuständigen Behörden genehmigten Integrations­helfer stieg in den vergangenen Jahren massiv an – das ergaben Anfragen des SPIEGEL bei zahlreichen Kommunen und kommunalen Verbänden quer durch die Republik. Und kaum ein Jugendamt geht davon aus, dass sich dieser Trend bald abschwächt.

Die Situation in ausgewählten Bundesländern

Auch in Thüringen und Sachsen klagen Jugendämter bereits länger über steigende, teils sogar explodierende Genehmigungs­zahlen. Der Deutsche Städte­tag geht davon aus, „dass der Bedarf an Schul­begleitern in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist“. Und damit auch die Kosten für die Städte: Denn die Kommunen müssen die Schul­begleiter ganz oder zumindest zu einem großen Teil bezahlen.

Unmut in den Rathäusern

So stieg etwa allein die für Integrationshelfer körperlich oder geistig behinderter bayerischer Schüler bewilligte Summe von 15 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 85 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Rechnet man die Ausgaben der kreis­freien Städte und Land­kreise hinzu, geht es im Freistaat längst um einen drei­stelligen Millionen­betrag. Auch in anderen Bundes­ländern werden zwei- und mitunter sogar drei­stellige Millionen­summen fällig. So zahlten etwa die schleswig-holsteinischen Landkreise im vergangenen Jahr 44,4 Millionen Euro für die Begleitung von Schülern.

Doch die Kritik an dem massenhaften Helfereinsatz wächst. Diese sorgten für Unruhe in den Klassen, heißt es etwa. Auch ist oft nicht klar, nach welchen Kriterien manche Anbieter wie etwa Vereine ihre Schul­begleiter vergeben – es fehlt an Transparenz. Viele Landräte und Bürger­meister fürchten zudem, die explodierenden Kosten schränkten ihren Gestaltungs­spiel­raum ein. Der Boss des schleswig-holsteinischen Land­kreis­tages, Sönke Schulz, warnt bereits, die elf Kreise im Norden könnten als Folge freiwillige Sozial­leistungen abbauen – etwa bei Schuldner­beratungs­stellen, Pflege­stütz­punkten oder Begegnungs- und Familien­zentren sparen.

Verena Göppert, stellvertretende Haupt­geschäfts­führerin des Deutschen Städte­tages, fordert, die Kommunen dürften bei den Kosten nicht allein gelassen werden. Inklusive Bildung sei „eine gesamt­gesellschaftliche Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen“. Doch noch immer leistet kaum eine Landes­regierung nennenswerte Ausgleichs­zahlungen für ihre Städte und Kreise.

Zu wenig Fachkräfte in den Schulen

Vor allem jedoch beschäftigen die Länder auch zehn Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behinderten­rechts­konvention in den Regel­schulen noch immer viel zu wenige Heil- und Sonder­pädagogen. Dabei sind sie seither in der Pflicht, Kindern mit Handicap möglichst den Besuch der Regel­schule zu ermöglichen. Lehrer­gewerkschaften wie die GEW oder der BLLV fordern für jede Klasse mit behinderten Kindern sogar per se jeweils einen zweiten Lehrer oder einen Heilpädagogen. „Nur mehr bei besonders betreuungs­intensiven Kindern wären dann Schul­begleiter nötig“, ist auch Corinna Rüffer, behinderten­politische Sprecherin der Grünen-Bundes­tags­fraktion, über­zeugt.

VDK-Chefin Bentele würde die Mittel für mehr Schul­begleiter ebenfalls lieber einsetzen, „um pädagogisches Personal als Unter­stützung der Lehrkräfte einzustellen“. BLLV-Vorsitzende Fleischmann sieht durch das jetzige Schul­begleiter-System zudem eine Benachteiligung bildungs­ferner Schichten. Denn dieses setze voraus, dass sich die Eltern „massiv um einen Helfer kümmern“.

Doch solange nicht die Länder, sondern die Kommunen die Schulbegleiter bezahlen, ist ein Weiter-so für viele Länder der einfachere Weg. Und so bleibt die Suche nach einem Schul­begleiter wohl vieler­orts schwierig.

Die Meiers fanden schließlich doch noch eine Helferin. Bisher läuft es nach Aussage von Mutter Monika bestens. „Die Schule macht Stefan richtig Spaß – ich bin der Schul­begleiterin so dankbar“, sagt sie.

* Name geändert