Dieser Artikel erschien am 12.04.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Keno Verseck

Schülerprotest in Bosnien-Herzegowina : „Sonst hat dieses Land keine Zukunft“

In Bosnien-Herzegowina werden Schüler häufig nach Ethnien getrennt unterrichtet – in derselben Schule. In einer Kleinstadt wehren sich Jugendliche dagegen. Einen ersten Erfolg hatten sie bereits.

Kleinstadt Jajce in Bosnien-Herzegowina
Blick auf die Kleinstadt Jajce in Bosnien-Herzegowina.
©Igor Trklja

Solange sie zurückdenken kann, hat Azra Keljalic immer diese eine beste Freundin gehabt. Lucija, die Tochter von Nachbarn. Sie spielten zusammen, waren zusammen im Kinder­garten und gingen zusammen den­selben Weg zur Grund­schule „13. September“ in Jajce, einer Klein­stadt in Bosnien-Herzegowina.

Im Foyer des Schul­gebäudes trennten sie sich. Azra musste nach links, in den bosniakischen Teil, Lucija nach rechts, in den kroatischen. Auch die Toiletten waren getrennt, aber wenigstens gab es keine versetzten Unter­richts­zeiten wie anderswo. Deshalb konnten sie sich in den Pausen sehen.

„Ich habe diese Trennung anfangs über­haupt nicht verstanden“, sagt die heute 17-jährige Azra. „Wir sprechen doch die­selbe Sprache. Trotzdem waren wir während der gesamten Grund­schul­zeit getrennt. Ich fand es schrecklich und war immer sehr traurig.“

Nach der achten Klasse kam Azra auf die Berufsschule in Jajce, ein Gymnasium mit Vorbereitung auf Studien­gänge wie Maschinen­bau oder Informatik. Dort wurden die meisten Fächer gemeinsam unterrichtet. „Am ersten Tag fühlte ich mich, als sei ein Wunder geschehen“, erinnert sich Azra. „Wir alle zusammen! Es war unbeschreiblich schön.“

Doch dann der Schock: Auch an dieser Schule sollten plötzlich alle Fächer getrennt unterrichtet werden. „Ich dachte: Nein, das dürfen wir nicht zulassen“, sagt Azra, wenn sie von den Anfängen des Schüler­auf­standes in Jajce berichtet. Ein Aufstand gegen das System der ethno­nationalen Trennung von Schülern. Gegen „Apartheid im Klassen­raum“, wie es einige bosnische Medien nennen.

Seit inzwischen zweieinhalb Jahren wehren sich die Schüler der „Berufs­schule Jajce“ dagegen, nach Nationalitäten getrennt zu werden. Auf der grauen Außen­fassade des Schul­gebäudes steht ein großes Graffiti: „Gemeinsam schaffen wir es!“

Geschichte, Geografie und Mutter­sprache werden getrennt unterrichtet

Es ist eine kleine, lokale Revolte einiger Dutzend aktiver Schüler, unter­stützt von ein paar Hundert weiteren. Aber sie hat im Land große Symbol­kraft. Denn die Jugendlichen hinter­fragen die bosnische Nach­kriegs­ordnung mit ihrem alles durch­dringenden Ethno-Proporz. Der garantiert zwar den Eliten und ihrer Klientel Einfluss und Posten. Aber er spaltet das Land und zerrüttet es immer mehr – in Verwaltung und Regierung und in der Gesellschaft.

Das fängt bei den Kindern an: Lehr­pläne und staatliche Schulen sind in Bosnien-Herzegowina nach den drei konstituierenden Nationen des Landes getrennt – Bosniaken, Kroaten und Serben. Obwohl sie eine nahezu identische Sprache sprechen und sich, jenseits unter­schiedlicher kultur­geschichtlicher Hinter­gründe, im Wesentlichen nur durch die muslimische, katholische und orthodoxe Religion unterscheiden.

An vielen Schulen hat sich eine Teil­segregation etabliert: Fächer wie Geschichte, Geographie und Mutter­sprache werden getrennt unterrichtet, die anderen gemeinsam. Doch in der bosnisch-kroatischen Föderation, einem der beiden Landes­teile Bosnien-Herzegowinas, gibt es immer mehr das Modell „Zwei Schulen unter einem Dach“: die voll­ständige Segregation von Schülern und Lehrern in einem Gebäude.

So wie es Azra Keljalic in ihren ersten acht Schul­jahren erlebt hat – und wie es die Berufs­schule in Jajce ein­führen wollte – obwohl das bosnische Verfassungs­gericht dieses Modell bereits im Oktober 2014 für diskriminierend erklärt und damit als rechts­widrig eingestuft hat und die inter­nationale Gemeinschaft es scharf kritisiert.

Im Mai 2016, kurz vor den Sommerferien, verkündeten Stadt­verwaltung und Bildungs­ministerium des Kantons Zentral­bosnien den Plan, kroatische und bosniakische Schüler in Jajce zu trennen. Die Jugendlichen waren ent­setzt. Und protestierten, mit Aufrufen, Veranstaltungen und Kund­gebungen. Der Fall sorgte für Aufsehen im Land, einen solchen Schüler­protest hatte es bis dahin nicht gegeben.

Die Lehrer der Schule solidarisierten sich, aus­ländische Botschafter sandten Unter­stützungs­schreiben. Schließlich, im Juni 2017, zogen die Behörden den Segregations­plan zurück. Es war ein großer Erfolg: Einige Schüler gegen ein mächtiges System. Ende vergangenen Jahres erhielten die Jugendlichen der Berufs­schule Jajce für ihren Kampf sogar eine inter­nationale Aus­zeichnung: den „Max-van-der-Stoel“-Preis der OSZE, dotiert mit 50.000 Euro.

„Wir sind doch vor allem Menschen“

Stolz sind die Jugendlichen, zufrieden aller­dings sind sie noch nicht. Denn sie fordern mehr: ein völliges Ende getrennter Lehr­pläne. Von dem OSZE-Preis­geld wollen sie in Jajce ein Aktions­zentrum einrichten und weiter gegen Segregation kämpfen. „Die Trennung muss endlich aufhören, sonst hat dieses Land keine Zukunft“, sagt der 17-jährige Berun.

Berun sitzt zusammen mit einigen Mitschülern in einem Pausen­raum der Berufs­schule Jajce. Manche der Schüler haben noch fast kindliche Gesichter. Sie sprechen ruhig, wirken eher bescheiden und wohl­erzogen als rebellisch. Aber sie scheinen zutiefst entschlossen, die von oben verordnete Trennung nicht zu akzeptieren.

„Wir sind doch vor allem Menschen“, sagt Dragica, 16, „deshalb gehören wir zusammen.“ Und der 18-jährige Ajdin meint: „Wir haben hier zusammen­gelebt, wir leben zusammen und wir werden auch weiter zusammen­leben. Punkt.“ Wichtig ist den Schülern aller­dings: Dass ihr Kampf friedlich verläuft. Dafür organisieren sie Trainings zu gewalt­freiem Wider­stand und Kommunikation.

Jajce, im Mittelalter Sitz der bosnischen Könige, 1943 Gründungs­ort des sozialistischen Jugoslawiens und bis 1992 fast zu gleichen Teilen von Bosniaken, Kroaten und Serben bewohnt, war im Krieg schwer umkämpft. Erst vertrieben serbische Militärs die Bosniaken, später die kroatische Armee die Serben, nach dem Krieg wollten Kroaten zunächst die Rückkehr der Bosniaken verhindern, die meisten Serben versuchten erst gar nicht zurück­zu­kehren.

Noch immer sind Spuren des Krieges in der Stadt zu sehen, zerschossene Fassaden, Reste gesprengter Kirchen. Aber die Menschen leben nicht in getrennten Vierteln, wie an anderen Orten im Land. Es herrscht ein schweigendes Neben­einander. Niemand thematisiert Kriegs­tragödien, fragt nach Verantwortung für Verbrechen, es gibt auch keinen offenen Hass.

Hat der Aufstand der Schüler im Alltag der Stadt etwas verändert? Zlata Keljaric, die Mutter von Azra, über­legt lange. Dann sagt sie: „Ja, vielleicht. Ich habe von keinem einzigen Nachbarn etwas Negatives über den Protest der Schüler gehört, nur gute Worte. Das wäre früher wohl anders gewesen.“

Bis zu einem Miteinander, so wie es sich die Schüler wünschen, wird es aber wohl trotzdem noch dauern. So sehen es jeden­falls viele Erwachsene in der Stadt. Auch die Lehrer, von denen viele dennoch bewundernd über den Protest der Schüler sprechen.

Zum Beispiel Tarik Zjajo, 39, der als Kriegs­flüchtling fünf Jahre in der Nähe von Heilbronn lebte, dann in Sarajevo Germanistik studierte und nun an der Berufs­schule seiner Heimatstadt Jajce Deutsch unter­richtet. Er sagt, er habe den Schülern anfangs kaum Erfolgs­chancen eingeräumt, aber ihre Ausdauer und ihre Art und Weise, wie sie sich selbst organisiert hätten, hätten ihm imponiert.

Zjajo weiß aus eigener Erfahrung, wie tief der Ethno-Proporz manchmal in den Alltag eindringt. Obwohl er und seine Frau Bosniaken sind, geht die Tochter der Eheleute auf eine kroatische Grund­schule – einfach, weil sie dicht beim Wohn­haus liegt. „Es kamen Nach­fragen, warum wir sie nicht auf die bosniakische Schule schicken. Ich musste mich gegen­über einigen Funktionären im Ort recht­fertigen“, sagt Zjajo, „das war sehr unangenehm.“

Eine Chance für ein nicht ethno­nationales Bildungs­wesen sieht er vorläufig nicht. Dazu, sagt er, müsse das Land ein Bürger­staat mit einer neuen Verfassung werden, das sei derzeit unrealistisch. Er nimmt eine Zigaretten­schachtel und zeigt auf den Gefahren­hinweis zum Rauchen.

Dreimal steht da ein identischer Satz, zweimal in lateinischer, einmal in kyrillischer Schrift. Zjajo lacht sarkastisch. „Man sollte überall im Land Warn­hin­weise aufhängen, auf denen dreimal hinter­einander steht: ‘Dummheit kann töten!’“