Dieser Artikel erschien am 24.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Thomas Hahn

Schule : Sollten Elternabende verpflichtend sein?

Im Klassenzimmer läuft vieles besser, wenn Väter und Mütter mit Lehrern kooperieren. Die Hamburger CDU wollte vor allem muslimische Eltern dazu verpflichten.

Schüler im Gespräch
Die Eltern stärker mit einbinden.
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Beim jüngsten Elternabend ihrer Neunten hat die Lehrerin Stefanie Böhmann das Problem wieder an den eigenen Fingern abzählen können. Die Klasse ist ein Abbild der Viel­falts­gesell­schaft wie praktisch jede Klasse an der Stadt­teil­schule Öjendorf im Hamburger Stadt­teil Bill­stedt. Jugendliche unter­schiedlichster Herkunft unter­richtet Stefanie Böhmann dort in den Fächern Deutsch und Religion. Sie hätte den Eltern viel zu sagen über Talente und Schwierig­keiten ihrer Kinder. Aber von den 26 Schüler­innen und Schülern waren nur vier durch ihre Eltern vertreten. Stefanie Böhmann kann die Eltern ein bisschen verstehen. Sie kennt zum Teil ihre Geschichten von Armut und Zerrissen­heit. „Viele sind so in ihrem eigenen All­tag gefangen, dass sie keine Zeit für die Schule ihrer Kinder haben.“ Die Lehrerin klingt nach­denklich. Der schlecht besuchte Abend beschäftigt sie.

Eltern sind die Stützen der Schulen, und zwar nicht in erster Linie des­halb, weil sich manche von ihnen in Eltern­bei­räten oder Vereinen für schul­politische Ziele engagieren. Sondern weil sie als Erzieher ihrer Kinder dazu beitragen, dass der Unter­richt nicht ins Leere läuft. Interesse und Einsicht in die Werte des Schul­wesens sind die Voraus­setzungen dafür, dass Eltern die Lehrer unter­stützen können. Aber gerade in Hamburg ist es kein Selbst­läufer, dieses Interesse zu wecken.

Die Hälfte der rund 200 000 Schüler im Stadt­staat hat einen sogenannten Migrations­hinter­grund, in den Stadt­teil­schulen stammen etwa 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus Wohn­gebieten mit sehr niedrigem oder niedrigem Sozial­status. Will die Schule für Kinder aus bildungs­fernen Familien eine Brücke in die Mitte der Gesellschaft sein, dann lautet die Frage: Wie baut man diese Brücke so, dass möglichst viele Eltern sie nehmen können?

Im August brachte die Hamburger CDU-Fraktion dazu einen Antrag in die Bürger­schaft ein. Titel: „Ethnisch-kulturell motivierte Aggressionen in Schulen bekämpfen“. Im Text hieß es: „Kinder und Jugendliche – ins­besondere muslimische Jugend­liche aus dem Vorderen Orient – beleidigen einander in der Schule zunehmend aufgrund von Nationalität, Religion und Welt­an­schauung.“ Die CDU wolle die Eltern „konstruktiv eingebunden“ sehen in den Kampf gegen solche Aus­wüchse. „Daher sollte die Teil­nahme an Eltern­abenden – die im besonders problem­atischen muslimischen Milieu von Vätern so gut wie nie wahr­genommen werden – für Eltern problematischer Schüler verpflichtend sein.“

Die Formulierungen führten zu der Schlag­zeile, Hamburgs CDU wolle Pflicht­eltern­abende für Muslime. Die grüne Bildungs­expertin Stefanie von Berg nennt sie „aus­grenzend“. Und der Anlass für den Antrag wirkt wie konservative Kolportage. Zahlen zu der These, dass vor allem Muslime immer aggressiver im Ton werden, gibt es nicht. CDU-Bildungs­sprecherin Birgit Stöver sagt: „Es sind vor allem Beobachtungen und Sorgen, die an mich von Eltern heran­getragen werden.“ Prompt unter­stützte die AfD den Antrag. Die FDP enthielt sich. Linke und die Fraktionen der rot-grünen Regierung schmetterten ihn ab.

Pflichtelternabende? „Rechtlich und praktisch unmöglich“

Birgit Stöver will den Pflicht­eltern­abend als letztes Mittel verstanden wissen. Und ist die Teil­nahme von Eltern am Schul­leben nicht tatsächlich ein aus­zubauendes Anliegen? „Ja“, sagt die Grüne Berg, „aber das kann nicht mit verpflichtenden Eltern­abenden gehen.“ Sondern?

In der Hamburger Schul­behörde des Senators Ties Rabe (SPD) macht Sprecher Peter Albrecht einen entspannten Ein­druck. Miss­ratene Anträge der Opposition sind eine schöne Vor­lage, um sich als Regierung bestätigt zu fühlen. Die CDU-Thesen widerlegt Albrecht jeden­falls schnell. Dass das raue Klima an manchen Schulen vor allem durch muslimische Jugendliche angeheizt werde, kann er nicht bestätigen. Schlecht besuchte Eltern­abende nennt er „ein soziales Phänomen, das wir quer­beet durch die ganze Stadt haben“. Pflicht­eltern­abende? „Rechtlich und praktisch unmöglich.“

Hamburg ist kein einfacher Schul­standort, das leugnet Albrecht nicht. In manchen Schulen sei der Unter­richt ohne Sozial­pädagogen und Erzieher nicht möglich. Zu den Problem­fällen gehören Schulen mit 100 Prozent Schülern aus Migranten­familien. Aber auch Deutsche machen es den Behörden nicht immer leicht. 2017 mussten 38 Schüler aus diversen Herkunfts­ländern wegen ständigen Schwänzens in die Jugend­arrest­anstalt. Die Probleme beginnen oft zu Hause, deshalb bemüht sich die Schul­behörde um die Mit­arbeit der Eltern – und zwar mit Programmen, die frei­williges Engagement fördern.

Die Behörde bildet Mütter und Väter zu Mentoren aus, die zwischen Schule und Eltern vermitteln sollen. Sie sind bei Gesprächen dabei, dolmetschen, gestalten Eltern­arbeit mit. Viele Schulen haben mit den Mentoren Eltern­cafés eingerichtet, veranstalten inter­kulturelle Feste, halten Gesprächs­kreise ab. „Wir wollen eine Kontakt­basis schaffen, um die Eltern erst mal kennen­zu­lernen“, sagt Albrecht.

Stefanie Böhmann ist an der Stadt­teil­schule Öjendorf auch als Seel­sorgerin und Eltern­koordinatorin tätig. Sie glaubt eben­falls, „dass man die Eltern mit Druck und Pflicht nicht bekommt“. Einen Erfolg gab es zuletzt an einem Lese­abend, der für Fünft- und Sechst­klässler Pflicht war: Die Kinder sollten so spät nicht allein auf die Straße, deshalb kamen viele Eltern mit und hörten dankbar zu. Das hat Böhmann darin bestärkt, dass die Aussicht auf Freude und unaufgeregte Begegnungen die Menschen anzieht. Schul­feste sind wichtig. Manche Eltern­mentorin hatte mit einem Tanz­abend Erfolg. Böhmann will deshalb auch das Angebot der „Oase“ erweitern. Die „Oase“ betreibt sie mit anderen Lehrern als eine Art Flucht­raum für Lebens­fragen. An vier Wochen­tagen können die Schüler dort nach dem Vor­mittags­unter­richt hinkommen, um bei Tee und Keksen über Themen zu reden, die sie bewegen. Alle paar Wochen soll aus der „Oase“ künftig ein Eltern­café werden.

Freundlichkeit ist oft wichtiger als die nächste Verfügung. Um Mentoren zu werben, haben Stefanie Böhmann und ihre Kollegen schon sämtliche Eltern­häuser einer Jahr­gangs­stufe angerufen. Anstrengend, aber so klappt dann auch was. Der jüngste Kurs widerlegt sogar die CDU-These, wonach Männer aus dem Orient die Schule ihrer Kinder meiden. Unter den Absolventen waren zwei Väter, beide Muslime.