Dieser Artikel erschien am 07.12.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Matthias Kohlmaier

Digitalisierung der Schule : „So doof sind die allermeisten Lehr­kräfte nicht“

Lehrer Robert Plötz unterrichtet seit Jahren mit digitalen Hilfs­mitteln. Ein Gespräch über fort­schrittliche Pädagogen und langsames Internet.

Lehrer trägt seinen Laptop
Für die Digitalisierung der Schule braucht es mehr als moderne Hardware, findet Lehrer Robert Plötz.
©shutterstock

Bund und Länder sind sich ja einig, eigentlich: Der Digitalpakt Schule, in dem der Bund den Ländern und Kommunen über einen Zeit­raum von fünf Jahren gut fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellt, um Tablets et cetera zu kaufen, ist eine tolle Sache. Wie und wann er kommt, ist trotzdem unklar. Der Bundes­rat will in seiner Sitzung am 14. Dezember den Vermittlungs­aus­schuss anrufen, um über eine vom Bundes­tag bereits beschlossene Grund­gesetz­änderung zu diskutieren. Sie soll das Kooperations­verbot in der Bildung lockern, findet in den Ländern aber keine Zustimmung.

Aber wie sieht es eigentlich an den Schulen derzeit in puncto Digitalisierung aus? Dazu kann Robert Plötz eine Menge erzählen. Er unterrichtet seit 2000 an einem Münchner Gymnasium Mathe­matik, Physik und Informatik. In einem Youtube-Video erklärt er seinen Kollegen, wie das mit dem digital­gestützten Unterricht in Zukunft laufen könnte.

SZ: Herr Plötz, Sie nutzen viele digitale Hilfs­mittel im Unterricht. Haben Sie Ihre Kollegen schon anstecken können?
Robert Plötz: Es gibt es verschiedene Lager im Kollegium, die meisten aber sagen, sie würden gerne mehr digital machen. Unsere neueste Beamer­generation bietet Lehr­kräften zum Beispiel die Möglichkeit, das private Tablet per App mit dem Beamer zu verbinden. Das finden viele Kollegen toll, weil sie direkt mit dem Tablet unterrichten können, das sie von zuhause gewöhnt sind und mit dem sie souverän umgehen können. Trotzdem sind wir in puncto Aus­stattung noch nicht da, wo wir in meinen Augen sein sollten.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Ich habe mir 2017 privat einen Beamer gekauft und den von Klassen­zimmer zu Klassen­zimmer geschleppt, weil wir in der Schule einfach nicht genug davon hatten. Der Mangel an Hardware fördert bei ohnehin skeptischen Kollegen nicht gerade die Lust am digitalen Unterrichten.

Wo liegen neben dem Mangel an Hardware die größten Probleme?
Frustrierend wird es immer, wenn die Technik schlicht nicht funktioniert. Man liest ja ständig, die Lehr­kräfte wären in Sachen Digitalisierung noch nicht so weit. Aber eigentlich stimmt das nicht, es fehlen einfach moderne Geräte in aus­reichender Zahl, pädagogisch vernünftige Soft­ware­konzepte – und vor allem schnelles Wlan. Wenn ich in der Klasse noch nicht mal ein Youtube-Video laden kann, bringen mir die tollsten Tablets nichts.

Bevor der Bund in den Ländern auch in Fort­bildungen für die Lehr­kräfte investiert, braucht es also erst mal eine bessere technische Ausstattung?
Absolut. Natürlich ist es auch wichtig, die Lehr­kräfte bei der Digitalisierung pädagogisch zu unter­stützen. Aber nochmal: So doof und hinter dem technischen Fort­schritt zurück­geblieben, wie das oft dargestellt wird, sind die allermeisten Lehr­kräfte nicht. Wenn ich mir die Smart­phone­schwemme im Lehrer­zimmer anschaue, die längst auch etwa die älteren Kollegen aus den Geistes­wissen­schaften ergriffen hat, mache ich mir wirklich keine Sorgen.

In Ihrem Erklärvideo auf Youtube betonen Sie, dass die Software bei der Diskussion um digitalen Unterricht oft vergessen wird. Was stellen Sie sich vor?
Selbst wenn die Schulen mit Hardware gut ausgestattet wären, sehe ich die Gefahr, dass die Geräte ohne ordentliche Lern­soft­ware kaum zu Einsatz kommen. Mit dem Tablet kann man mal einen Film machen oder etwas auf­schreiben, das war es dann aber auch. Wir brauchen gute Soft­ware­konzepte, die die Schüler begeistern und motivieren. Und die Entwicklung dieser Konzepte ist keine Aufgabe der Länder und auch nicht vom Bund, es ist eine europäische Aufgabe.

Das müssen Sie erklären.
Im Moment überlassen wir das den Lehrbuch­verlagen, aber die sind dafür eindeutig zu klein. Ich bin zum Beispiel über­zeugt, dass das Englisch­buch in zehn Jahren per Sprach­erkennung mit dem Schüler reden kann. Es hat aber kein Verlag die Kapazität, eine eigene Sprach­erkennung zu programmieren – und wir können schon aus daten­schutz­rechtlichen Gründen nicht die Programme von Google oder Apple nehmen. Warum also sollte nicht Experten aus ganz Europa die notwendige Software gemeinsam konzipieren, die in allen Ländern Europas zum Einsatz kommen kann? Wenn der Schüler nur ein PDF zu lesen bekommt, ist das doch mager und auch kein Lern­anreiz. Die Technik kann so viel mehr, das müssen wir für die Schule nutzen.

„Schüler können wirklich individuell gefördert werden“

Derzeit scheitert Deutschland daran, für den Digital­pakt die 16 Bundes­länder zu synchronisieren. Da ist der Ruf nach einer europäischen Lösung vermutlich wenig erfolg­versprechend.
Aber warum ist das so? Warum schauen beim Desaster um den Digitalpakt im Moment alle nach Berlin, aber niemand nach Brüssel? Wenn ich heute eine Mathe­soft­ware programmiere – davon können doch die Kollegen in Portugal genauso profitieren. Mit ist schon klar, dass es bis dahin ein weiter Weg ist. Aber ich sehe keinen Grund, ihn nicht zu gehen.

Wir erleben Sie und Ihre Kollegen das Ringen um den Digital­pakt?
Mit Unverständnis und der Hoffnung, dass sich doch noch etwas bewegt. Aber man muss auch ehrlich sein: Wenn in Entwürfen davon die Rede ist, dass jede Schule 25.000 Euro für Hard­ware bekommen soll, wären wir immer noch weit davon entfernt, dass jeder Schüler ein eigenes Tablet bekommt. Mal sehen, was heraus­kommt, wenn das Thema im Vermittlungs­aus­schuss war.

Zurück zur Situation in Deutschlands Klassen­zimmern. Wie müsste denn digitaler Unterricht in einer idealen Schule aussehen?
Mein Sohn hat kürzlich einen Aufsatz mit schrecklich vielen Recht­schreib­fehlern nach Hause gebracht. Wäre diese Arbeit digital, könnte eine Software direkt die Fehler analysieren und nicht nur dem Kind rück­melden, wo es hakt, sondern auch der zuständigen Lehr­kraft. Natürlich ist hier der Daten­schutz wichtig: Als Eltern­teil muss ich immer die Möglichkeit haben zu wider­sprechen, bevor Daten meines Kindes gesammelt werden. In so einer Schule würde sich die Rolle der Lehr­kräfte auch deutlich verändern.

Inwiefern?
Korrekturarbeit fällt in großem Stil weg und Schüler können wirklich individuell gefördert werden. Ein großes Problem am aktuellen System ist ja, dass alle Kinder ungefähr den gleichen Stoff in ungefähr der gleichen Zeit lernen sollen. Wenn die Lern­soft­ware direkt prüft, Beispiel Mathe­matik, ob Schüler die Aufgabe verstanden haben, und dem Lehrer vorne am Bildschirm ständig live für alle Kinder in der Klasse angezeigt wird, wer was gerechnet hat und bei wem es wo nicht passt – das wäre doch perfekt. So bekommt diejenige, die alles kann, direkt schwierigere Aufgaben angeboten. Und auf denjenigen mit Problemen kann der Lehrer persönlich ansprechen und Fragen beantworten.

Ein Klassenzimmer der vielen Lern­geschwindig­keiten also.
Es ist eben nicht jedes Kind in jedem Fach gleicher­maßen begabt. Mit gutem digitalisiertem Unterricht könnte man die Schwachen gezielt fördern und die Starken fordern. Ohne dass sich der eine langweilen muss oder der andere abgehängt wird. Jeder lernt im eigenen Tempo und die Lehr­kraft unter­stützt dort, wo es wirklich nötig ist.

Wenn die Ausstattung nun weiter auf sich warten lässt, wird in vielen Ländern darüber diskutiert, dass die Schüler ihre eigenen Geräte im Unterricht nutzen sollen. Was halten Sie von „Bring your own device“?
Mit diesem Ansatz kann ich in der Oberstufe gut arbeiten: Holt mal eure Handys raus, dann läuft das. Aber wenn wir von jüngeren Kinder sprechen: Wenn neben der Mathe-App noch die Fußball-App und Whatsapp liegen – die sind doch ständig abgelenkt. Und in einer schwierigen bricht vermutlich Chaos aus und die Lehrkraft gibt schnell wieder auf.

Ohne Kontrolle geht es nicht?
Ich denke, man braucht eine Regelung mit Fern­steuerung. Mit den gleichen Geräten für alle Schüler und der Lehrer kann per Knopf­druck entscheiden: Jetzt ist Mathe und alle anderen Systeme sind deaktiviert. Im besten Fall legen die Schüler dann einfach los und im schlechtesten Fall wird ihnen nach ein paar Minuten so langweilig, dass sie eben doch etwas rechnen. Hat die Lern­soft­ware dann noch Spiel­charakter, machen plötzlich auch die desinteressierten Jungs mit. Nicht, weil sie so viel Lust auf Mathe haben, sondern weil sie schneller sein wollen als der Bank­nachbar. Der Lern­erfolg kommt nebenbei.

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