Dieser Artikel erschien am 21.02.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Matthias Kohlmaier

Baden-Württemberg : „So Bilder zu posten, ist schon krass!“

Baden-Württemberg kämpft mit einem Pilotprojekt gegen Mobbing an Schulen. Wie sehen die Schüler das Thema? Besuch in einer neunten Klasse.

Schüler sitzt auf Bank und liest auf dem Handy
2014 sagten in einer Studie 17 Prozent der befragten Jugendlichen, dass im vorherigen Jahr über sie Falsches oder Beleidigendes im Netz verbreitet wurde. (Symbolbild)
©shutterstock

Das Foto zeigt einen jungen Mann unter der Dusche, er trägt eine Bade­hose. Darunter steht: „So ein Lappen – duscht mit seiner Sport­hose… KLEINER Pimmel oder was????“ Dahinter drei Smileys, die Tränen lachen. Später heißt es in dem Chat, in dem mehrere Jugendliche schreiben, die offenbar in die gleiche Schule gehen: „So einen wollen wir nicht in unserer Klasse“, „Warum ist der hier in der Gruppe? Verpiss dich mal“ und „Der sollte sich mal Deo kaufen #danielschweiß“.

Die Konversation im Kurz­nachrichten­dienst Whatsapp ist zwar fiktiv, die Schüler einer neunten Klasse der Karlsruher Tulla-Real­schule bringt sie trotzdem zum Nach­denken. Sie sprechen heute mit ihrer Lehrerin Rebecca Vorbach über Cyber­mobbing – aber erst mal sprechen sie mit­einander über das, was sie gerade gelesen haben. Klar machen sich ein paar der offen­kundig coolen Jungs lustig und nennen die erfundenen Schreiber „Assis“. Einer aber sagt auch (dabei versucht er, betont desinteressiert zu klingen): „So Bilder zu posten, ist schon krass!“ So kann man es sagen.

Das Thema Mobbing macht betroffen, nicht nur die Karlsruher Schüler. Je nach Studie haben entweder viele oder sogar erschreckend viele Schüler selbst schon Ausgrenzung erfahren, Beleidigungen und körperliche Attacken erlitten. In einer Befragung der Uni Lüneburg gab kürzlich fast jeder dritte Schüler an, in letzter Zeit mindestens einmal „fertig gemacht oder schikaniert“ worden zu sein. 2014 sagten laut der JIM-Studie 17 Prozent der befragten Jugendlichen, dass im vorherigen Jahr über sie Falsches oder Beleidigendes im Netz verbreitet wurde.

„Mobbing ist einer der zentralen Risiko­faktoren für das Auftreten nicht nur psychischer Erkrankungen, sondern auch von selbst­verletzendem Verhalten und Suizidalität im Kindes- und Jugend­alter“, sagt Michael Kaess, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugend­psychiatrie am Heidelberger Uni­klinikum. Er begleitet derzeit ein Pilot­projekt an ausgewählten Schulen in Baden-Württemberg. Dort wird das Anti-Mobbing-Konzept getestet, das der Psychologe Dan Olweus bereits in den 1980er-Jahren entwickelt hat.

Im Olweus-Programm werden nicht nur ein paar Lehr­kräfte für das Thema sensibilisiert und eigens geschult, sondern alle Beteiligten an der jeweiligen Schule. Alle Schüler, deren Eltern und eben auch alle Lehr­kräfte. Das macht die Prävention extrem auf­wendig, allein 18 Monate dauert es, bis das Konzept sämtliche schulischen Strukturen durch­drungen hat. In den USA und Skandinavien wird Olweus dennoch seit Jahr­zehnten mit großem Erfolg angewandt.

Speziell für die Lehrer ist es aufgrund von Gesprächs­kreisen und Feed­back­runden mit erheblichem Mehr­auf­wand verbunden. „Der lohnt sich aber auf jeden Fall, auch wenn anfangs natürlich manche Kollegen Sorgen hatten wegen der zusätzlichen Arbeit“, sagt Lehrerin Vorbach, die ihre Kollegen zu Beginn des Programms vorbereitet hat. „Aber dass wir an unserer Schule etwas gegen die sich häufenden Mobbing-Fälle tun mussten, war schnell allen klar.“

Erste Auswertung des Pilot­projekts stimmt optimistisch

So haben sie und die anderen Lehr­kräfte der Schule viele Gespräche geführt, Regeln fest­gesetzt und im vergangenen Schuljahr einen ganzen Olweus-Tag mit den Schülern veranstaltet. Das Programm zielt stark darauf ab, allen Beteiligten bewusst zu machen, was Beleidigungen und Schikanen bei den Opfern auslösen. Es soll ein Bewusst­sein geschaffen werden, durch das möglichst viele Schüler die Courage entwickeln, sich entweder bei Mobbing selbst für den Betroffenen einzu­setzen oder brenzlige Situationen zumindest bei Lehrern und Eltern anzu­zeigen. Das sei der schwierigste Schritt, räumt Rebecca Vorbach ein, viele hätten die Sorge, dann als Petze dazustehen. Psychologe Michael Kaess sagt: „Mobbing darf nichts sein, wo die Schüler weg­schauen oder im schlimmsten Fall sogar noch applaudieren.“

An den zehn Schulen, an denen Olweus seit dem Schul­jahr 2015/16 ein­geführt wird, scheint das zu gelingen. Bei den ersten Aus­wertungen nach zwölf Monaten gaben etwa 22 Prozent weniger Schüler an, im vergangenen Viertel­jahr gemobbt worden zu sein. Auch der Prozent­satz an Schülern, die sich selbst als Täter eingeordnet hatten, sank unter den etwa 3000 befragten Schülern von 7,1 auf 5,9 Prozent. Aus Sicht von Kaess fast noch wichtiger ist ein weiteres Ergebnis: Die­jenigen Schüler, die über eine Reduktion von Mobbing berichteten, hegten auch deutlich weniger Suizid­gedanken. Den Psychologen stimmen die Daten auch insofern optimistisch, als in Vorgänger­studien zu Olweus das Programm erst nach zwei Jahren die besten Ergebnisse gezeigt habe. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Kaess.

Rebecca Vorbach kämpft derweil mit der Auf­merk­samkeits­spanne ihrer Neunt­klässler. Waren die an dem fiktiven Chat­verlauf noch sehr interessiert, beschäftigt sich der ein oder die andere lieber mit schul­fremden Dingen, während es um Definitionen von Cyber­mobbing und rechtliche Fragen geht.

Das ändert sich erst, als es gegen Ende der Doppel­stunde um die 13-jährige Megan geht. Dieser Fall ist leider nicht frei erfunden, sondern real. Die Schülerin hatte sich online in einen vermeintlichen Jungen verliebt, der in Wahr­heit eine ehemalige Freundin war, die sich an dem Mädchen rächen wollte. Als der „Junge“ plötzlich keinen Kontakt mehr mit ihr wollte, erhängte sich Megan. In der Klasse ist es still, viele gucken betroffen, die Geschichte geht ihnen nahe. „Wenn man sie in ihrer eigenen Lebens­welt abholt, bringt das den Schülern den größten Erkenntnis­gewinn“, sagt Vorbach später.

Auch abseits nackter Zahlen zeigt die Mobbing-Prävention an der Tulla-Real­schule in Einzel­fällen bereits Wirkung. Kürzlich habe der Vater eines Schülers einen von dessen Klassen­kameraden angezeigt. „Ich will nicht beurteilen, ob das in diesem Fall die richtige Entscheidung war“, sagt Vorbach. Es sei aber gut, dass der gemobbte Schüler über­haupt etwas zu seinen Eltern gesagt habe. „Früher hätte er das wahr­scheinlich verschwiegen, um keinen Ärger zu bekommen. Für mich als Lehrerin ist das ein kleiner Erfolg.“ Für den betroffenen Schüler hoffentlich auch.