Dieser Artikel erschien am 20.11.2018 auf ZEIT Online
Autorin: Dajana Suljkanovic

Lehrer : „Sie nahm das Blatt und riss es vor meinen Augen in Schnipsel“

Das Gespräch mit den Eltern gehört zum Berufs­all­tag junger Lehrer. Nur: Im Studium werden sie nicht darauf vorbereitet. Drei Lehrer erzählen von ihren Erfahrungen.

Lehrerin vor Klasse
Lehramtsstudierende lernen, wie sie mit Schülerinnen und Schülern kommunizieren müssen. Auf die Gespräche mit Eltern werden sie während des Studiums hingegen nicht vorbereitet. Das führt öfter zu Problemen.
©shutterstock

Eltern und Lehrerinnen sollen regelmäßig miteinander sprechen, so schreiben es die Schul­gesetze in Deutschland vor. Deshalb laden die meisten Schulen zweimal pro Schuljahr zu einem Eltern­sprech­tag ein. Das Problem ist: Im Lehr­amts­studium sind diese Gespräche kein Thema. Junge Lehrer lernen zwar, wie sie mit ihren Schülern umgehen sollen, aber nicht, wie sie reagieren können, wenn Mütter ihre Kompetenz infrage stellen oder Väter ihren Erzählungen nicht glauben.

Was erleben junge Lehrerinnen und Lehrer im Gespräch mit den Eltern? Mit welchen Heraus­forderungen müssen sie zurecht­kommen? Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

Ich fühle mich machtlos

Ich hatte mal einen Schüler, der regelmäßig aufsprang und aus meinem Unterricht lief. In meinem Studium müssen wir ein halbes Jahr lang den Unterricht an einer Schule beobachten und eigen­ständig unter­richten. An der Uni wurden wir zwar auf das Praxis­semester vor­bereitet, aber über solche Situationen haben wir nie gesprochen.

Ich bin für meine Schüler verantwortlich; wenn ihnen etwas passiert, ist es meine Schuld. Deshalb lief ich dem Schüler jedes Mal hinterher. Weil er viel schneller war als ich, musste ich ihn regel­mäßig auf dem Schul­hof suchen. Das kostete mich viel Zeit.

Beim Elterngespräch erklärte ich den Eltern das Problem. Der Vater verzog das Gesicht und sagte, er könne sich nicht vorstellen, dass sein Sohn einfach wegläuft, zu Hause sei er ein braver Junge. Ich schilderte die Situation noch mal in allen Details, aber er ging über­haupt nicht auf mich ein. Er behauptete weiterhin, sein Sohn würde nicht weg­laufen. Die Mutter sagte über­haupt nichts.

Bis heute weiß ich nicht, wie ich mit so einer Situation umgehen soll.
Gymnasiallehrerin, 24, Berlin

Ich fühlte mich machtlos. In meinem Bauch mischten sich Wut und Frustration, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich musste dem Vater erklären, dass sich sein Sohn in der Schule ganz anders verhält, als er es von zu Hause gewohnt ist. Aber wie sollte ich das beweisen? Wie sollte ich beweisen, dass der Schüler den Unterricht mit seinem Verhalten massiv stört? Ich suchte nach Worten, aber fand keine. Der Vater sagte etwas, was ich nicht verstand, dann verließ er den Raum. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, ob er einen männlichen Lehrer mehr ernst genommen hätte.

Ich wünschte, ich hätte im Studium Kommunikations­strategien gelernt, die mich auf so eine Situation vorbereitet hätten. Später schilderte ich meine Erlebnisse in einem Seminar. Doch die Dozentin winkte ab. „Sagen Sie dem Vater in so einer Situation einfach, er soll mit dem Schul­leiter sprechen“, sagte sie. Das frustrierte mich noch mehr. Ich kann die Eltern doch nicht bei jedem Problem zum Schul­leiter schicken! Bis heute weiß ich nicht, wie ich mit so einer Situation umgehen soll.

Gymnasiallehrerin, 24, Berlin

Die Mutter hat das zerrissen

Die Rekation der Mutter über­rumpelte mich total

In meinem ersten Jahr nach dem Referendariat sagte ich einer Mutter im Eltern­gespräch, dass ihr Sohn mehr Unter­stützung beim Lernen braucht. War eine Aufgabe zu schwierig, beschäftigte das Kind sich einfach nicht damit und störte statt­dessen die anderen. Ich legte der Mutter einen Antrag für einen zusätzlichen Pädagogen auf den Tisch, der im Unter­richt neben dem Kind sitzen und ihm bei Aufgaben helfen sollte.

„Ich will das aber nicht“, protestierte die Mutter. Das ist okay, das darf sie. Ich schob einen Zettel über den Tisch und sagte: „Dann unter­schreiben Sie bitte dieses Informations­blatt.“ Mit der Unter­schrift versichern Eltern, dass ich mit ihnen über den Förder­bedarf ihres Kindes gesprochen habe. Auf dem Zettel kann man ankreuzen: „Ich möchte nicht, dass mein Kind eine sonder­pädagogische Förderung bekommt.“ Das tat sie und unter­schrieb.

„Was passiert mit dem Blatt?“, fragte die Mutter. „Das geht jetzt an die Schul­leitung“, sagte ich. „Warum?“, schrie sie. „Ich will das doch gar nicht!“ „Ja, das weiß ich“, sagte ich, „das steht ja auch hier auf dem Blatt. Ich muss das trotzdem dem Schul­amt melden.“ Sie nahm das Blatt und riss es vor meinen Augen in Schnipsel. Dann knallte sie die Schnipsel auf den Tisch und stürmte wortlos aus dem Raum.

Die Reaktion der Mutter überrumpelte mich total. Vielleicht dachte sie, das Blatt sei eine Bestätigung, dass ihr Sohn behindert sei. Ich hatte es nicht geschafft, ihr verständlich zu erklären, warum ich dieses Gespräch mit ihr führe und warum ich das Informations­blatt an den Schul­leiter weiter­geben muss.

Und da war noch ein Problem: Was sollte ich jetzt meinem Chef vorlegen? Ich stand auf und sammelte die Schnipsel ein. Später am Abend klebte ich das Blatt wieder zusammen, kopierte es und schrieb eine Notiz für den Schul­leiter darauf: „Die Mutter hat das zerrissen.“

Grundschullehrer, 28, Nordrhein-Westfalen

„Er fragte, ob ich seine Tochter schlagen könnte“

Eine Zeit lang hatte ich eine 13-jährige Schülerin in der Klasse, die meine Aufforderungen im Unterricht ignorierte und keine Haus­aufgaben machte. Ich bat den Vater zum Eltern­gespräch in die Schule und schilderte ihm das Problem. Seine Tochter höre auch zu Hause nicht auf ihn, ignoriere alle seine Aufforderungen, sagte er. Er sei total verzweifelt. Einmal habe er sie geschlagen, da habe sie so laut geschrien, dass die Nachbarn die Polizei gerufen hätten. Seitdem habe er sich nicht mehr getraut, sie anzufassen.

Er fragte, ob ich seine Tochter schlagen könnte, ich sei ihre Autoritäts­person in der Schule. In solchen Fällen müsste ich eigentlich das Jugend­amt informieren, ich wollte den Konflikt aber unbedingt selbst klären. Natürlich machte mich seine Frage wahnsinnig wütend, trotzdem versuchte ich, sachlich zu bleiben. Ich sagte ihm, dass es Gesetze gebe, an die er sich halten müsse. Er riss wütend die Arme in die Luft und fing an, mich anzuschreien. Meine Erziehungs­methoden seien zu lasch, sagte er. Ich schrie zurück. Ich erklärte ihm, dass häusliche Gewalt in Deutschland verboten sei. Und dass er seine Über­forderung nicht auf mich übertragen solle. Er wurde still. „Wir kriegen die Situation nur gemeinsam in den Griff“, sagte ich.

Lehrer und Eltern können viel zusammen erreichen.
Sekundarschullehrerin, 33, Berlin

Ich machte konkrete Vorschläge: klare Handyzeiten, Hausaufgaben kontrollieren, konsequent bleiben. Ich schlug vor, ihm jeden Tag eine E-Mail mit täglichen Aufgaben für seine Tochter zu schreiben. Am Ende des Gesprächs hatte ich ihn dazu überredet, es zumindest aus­zuprobieren. Er sei trotz­dem unzufrieden, sagte er, als er den Klassen­raum verließ. Ich weiß nicht, ob ich mich damals richtig verhalten habe oder falsch, ich habe das im Studium nie gelernt. Aber ich war froh, meinen Standpunkt klar kommuniziert zu haben.

Und ich wurde positiv überrascht: Der Vater hielt sich an meine Empfehlungen. Und mit der Zeit wurde die Situation besser. Lehrer und Eltern können viel zusammen erreichen, wenn sie sich regel­mäßig aus­tauschen und zusammen an Lösungen arbeiten.

Sekundar­schul­lehrerin, 33, Berlin

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