Dieser Artikel erschien am 22.05.2019 auf ZEIT Online
Autorin: Judith Luig

Diversität : „Sexualität interessiert alle. Macht was draus!“

Seid ihr heterosexuell? Mehr als 20 Prozent der Schülerinnen der Evangelischen Schul­stiftung sagten dazu: Nein. Und: Sie wollen mehr über das Thema reden. Aber wie?

Puzzleteile mit Gender-Symbolen weiblich, divers, männlich
„Sexualität ist in den meisten Schulen tabu.“
©iStock

Über 20 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler würden sich nicht als hetero­sexuell bezeichnen. Das besagt eine Studie, die die Evangelische Schul­stiftung in der Evangelischen Kirche Berlin Branden­burg schlesische Ober­lausitz (EKBO) zusammen mit der Boston Consulting Group (BCG) an einigen ihrer Schulen durch­geführt hat. Demnach gaben sieben Prozent der Befragten im Alter zwischen zwölf und 23 Jahren an, sie seien bisexuell, drei Prozent bezeichneten sich als homo­sexuell, zwei Prozent als asexuell. Und neun Prozent wollten sich gar nicht fest­legen.

Über 20 Prozent? Diese Zahl dürfte viele überraschen. Ähnlich wie die weiteren Funde der Studie: Schülerinnen und Schüler, ob sie nun Mädchen oder Jungs oder niemanden anziehend finden, wollen über Sexualität im Unter­richt reden. Über Verhütung, über HIV, über Mobbing und Vor­urteile, über sexuelle Gewalt und über Beziehungen generell. Und das nicht nur in Bio oder Reli.

Die Überschrift der Studie ist Bunt.Lieben.Leben. und weil das Bunt gleich am Anfang steht, könnte man denken, den Befragten ginge es vor allem darum, dass man vermeintlich andere nicht ausgrenzen darf. Und auch die Einordnungen in Kategorien der sexuellen Orientierung lässt vermuten, das Thema seien abweichende Formen von Sexualität. Aber betrachtet man die Ergebnisse so sieht man: Genau diese Einordnung ist über­holt. Ob sich Jugendliche nun als hetero­sexuell oder als bisexuell bezeichnen: Sie wollen alle mehr über Sexualität und alles, was damit zusammen hängt reden.

Nun sind die Ergebnisse der EKBO und BCG nicht repräsentativ. Befragt wurden knapp 500 Schüler aus­schließlich in Berlin und Brandenburg. Sie alle gehen auf christliche Privat­schulen. Wie aussage­kräftig ist so eine Studie für die eine Brenn­punkt­schule in Offenbach, eine Stadt­teil­schule in Hamburg, ein Gymnasium in der bayerischen Provinz?

Wir haben Schülerinnen, Lehrerinnen und Schulleiter aus verschiedenen Schulen befragt, wie dort mit dem Thema Sexualität und sexuelle Viel­falt umgegangen wird. Und was sie sich wünschen. Hier ihre Antworten.

Willy Hanewald, 18, Abiturientin: „Ich habe mich in meiner Schule nicht geoutet“

Es ist total normal, wenn Mädchen irgend­wann zwischen der achten Klasse und dem Abitur bisexuelle Erfahrungen machen. Wenn sie mit anderen Mädchen kuscheln oder knutschen oder was auch immer. Bei Jungs ist das anders. Zumindest nach außen hin. Da bewahrt man sich seine hetero­sexuelle Männlichkeit. Jungs, würde ich sagen, fällt es generell erstmal schwerer mit ihrer Sexualität umzugehen.

Als ich in der siebten Klasse war, fingen ein paar meiner Mit­schüler an über mich zu reden. So hinter vor­gehaltener Hand. Haha, der ist schwul, sagten sie. Die wollte mich nicht diskriminieren, die hassen auch Schwule gar nicht, die waren einfach ungebildet und unreif.

Wenn man wie an den meisten Schulen nie über Sexualität redet, dann orientieren sich alle an dem Standard: Mädchen müssen in Jungs verliebt sein, Jungs in Mädchen. Alles was davon abweicht, gilt als komisch oder falsch. Würden Lehrer ganz offen über Sexualität reden, dann würden die Schüler auch nicht darüber flüstern müssen.

Sexualkunde findet hier in Berlin, wenn man nicht Religions­unter­richt hat, im Ethik­unterricht statt. In unserem Fall unterrichtete eine Bio­lehrerin, die eine Fortbildung gemacht hatte. Wir besprachen in Ethik Themen wie zum Beispiel Alkohol und Drogen. In einer Prüfung musste ich berechnen, wie viel Promille jemand im Blut hat, der 80 Kilo wiegt und drei Bier getrunken hat.

Ungefähr so lief es auch ab, als wir Sexual­kunde hatten. Da hieß es, Schwule sind Männer die Männer lieben, Lesben sind Frauen die Frauen lieben. Aber was das bedeutet, wie man sich outet, wie man andere nicht diskriminiert, darüber haben wir nicht geredet. Wir haben über Sexualität so geredet, als beträfe sie irgend­welche fremden Menschen da draußen, aber auf keinen Fall uns selbst.

Ich identifiziere mich als Transfrau. Ich bin sicher, es hätte mir geholfen, wenn ich noch einen anderen Ort gehabt hätte als das Internet, an dem ich mich hätte informieren können. Gerade wenn man das erste Mal spürt, dass man solche Gefühle hat, ist man damit sehr alleine. Ich habe mit Freundinnen geredet, aber die wussten ja auch nicht viel mehr. Wenn man nicht auf­geklärt wird, denkt man, es stimmt etwas nicht mit einem. Und dann folgen alle möglichen Probleme. Das ist einfach Scheiße.

Es gibt Leute, die sagen, Aufklärung ist ein Thema für die Eltern. Aber viele Eltern wissen gar nicht besonders viel über sexuelle Vielfalt. Ich finde, die Schule sollte ab der siebten, achten Klasse anfangen, über Sexualität zu reden und danach immer wieder und verlässlich. Zum Beispiel im Deutsch­unterricht in der Ober­stufe, wenn wir einen Roman wie Effi Briest lesen, können wir doch auch darüber reden, was für eine Gesellschaft das war, in der ein junges Mädchen an jemanden verheiratet wird, der mehr doppelt so alt ist. Und warum man das heute nicht mehr machen würde. Es gibt so viele Momente in verschiedenen Fächern. Aber die Lehrer trauen sich nicht.

Schulen sind ein hetero­normativer Raum. Als Trans­frau sage ich sogar: ein cisnormativer. Die meisten Lehrer denken gar nicht darüber nach, aber sie teilen ihre Schülerinnen ständig nach Geschlechter­stereo­typen ein. Zum Beispiel: Jetzt müssen wir ein paar Bänke in einen anderen Raum tragen, da brauchen wir starke Männer.

Ich habe mich in meiner Schule nicht geoutet. Hätte ich es gemacht, dann wäre ich eine bunte Kuh geworden. Einige wären sicher total nett zu mir gewesen, weil sie tolerant sein wollten. Andere hätten mich beleidigt. Ich wollte aber nicht, dass meine geschlechtliche Identität alles andere über­deckt, was mich ausmacht. Ich wollte nicht die Beauftragte für alle Fragen über Schwule, Lesben, Trans und Queer werden. Ich bin ja immer noch derselbe Mensch.

In der Schule kommen so viele Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie treffen würden. Gerade dadurch gibt es eine große Chance, dass man ihnen beibringen kann, wie unter­schiedlich Menschen und Lebens­modelle sind. Und dass sie alle okay und valide sind. Diese Chance muss die Schule nützen. Und Sexualität interessiert unter Garantie alle.

Lena Rohde, 15, Gymnasiastin: „Es darf nicht mehr cool sein, jemanden zu beleidigen“

In der Grundschule lernen wir Schüler*innen im Biologie­unterricht, dass es zwei verschiedene Geschlechter gibt. Das wieder­holt sich, etwas vertiefter, in der achten Klasse. Dann ist auch Verhütung Thema. Aber was Homo­sexualität ist, was Sexualität generell bedeutet, darüber erfahren wir nichts. Die Lehrerin hat uns zwar gesagt, wir müssten unsere Auf­sätze gendern, sonst gäbe es Punkte­abzug. Doch es fehlte jede Debatte darüber, warum es wichtig sein könnte, in einem Text die geschlechtliche Viel­falt zu beachten.

Wir haben an den aller­meisten Schulen ein Klima, das nicht unbedingt dazu ermutigt, zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen. Das gilt für Schülerinnen und Schüler wie für Lehrerinnen. Dabei wäre es gerade gut, wenn wir ein paar offen schwul oder lesbisch lebende Lehrer hätten, sie können ein Vorbild sein.

Die Schüler*innen beschäftigt das Thema etwa ab der achten Klasse auf einer ganz persönlichen Ebene: Wie gehe ich damit um, wenn sich mein bester Freund outet? Wenn ich selber merke, dass ich mich nicht so leicht einem Geschlecht zuordnen kann? Aber auch darüber hinaus. Es sollte etwa in Religion und Geschichte auch um Themen wie Gleich­berechtigung gegen, zum Beispiel. Warum kommen sie in anderen Schul­fächern einfach nicht vor?

Ich glaube, die Lehrer*innen wären offen dafür, sind aber unsicher, wie sie es gestalten sollen. In Religion, zum Beispiel, gibt es ja diese berühmten Bibel­zitate: Der Mann soll nicht beim Manne liegen. Wie gehe ich als gläubiger Christ damit heute um? Das sollte doch besprochen werden. Es gibt Pfarrer*innen, die die Bibel queer lesen. Das könnten Lehrer auch einmal tun.

Ich selbst habe von diesem queer Lesen und anderen Themen rund um die Diverstiät durch die Evangelische Schul­stiftung, der meine Schule angehört, viel gelernt. Regel­mäßig werden hier Fort­bildungen angeboten. Einfach ist aller­dings nicht, dieses Thema an die Schule zu bringen. Ich habe mal für eine Klasse ein Treffen mit einer Organisation veranstaltet, die den Schülern Diversität näher bringen wollte. Das Feedback auf diesen Tag war sehr geteilt. Viele haben sich darüber gefreut, manche haben gesagt, es sei völlig über­flüssig, über verschiedene Formen sexueller Orientierung zu reden. Es seien ja ohnehin alle total tolerant. Ich glaube, dass einige nicht über Sexualität reden wollen, zeigt, dass wir eben noch nicht offen genug sind.

Dass sich in der Studie über 20 Prozent der Schüler nicht als hetero­sexuell bezeichnen, sondern homo­sexuell, unentschlossen oder sogar asexuell, finde ich bemerkens­wert. Ich glaube, diese Zahl spiegelt eine gesellschaftliche Realität wieder. Sie wäre ähnlich, wenn man deutschland­weit gefragt hätte. Ich denke, damit wird ein Dialog entstehen. Bei uns an der Schule, aber auch in der Gesellschaft. Die Studie kann Schüler ermutigen, auf ihre Lehrer zuzu­gehen und zu sagen: Wir wollen im Unterricht darüber reden.

Wir sollten aber nicht alle überrennen, die anders denken. Manche Eltern erwarten von der Schule, dass sie konservativ sein soll. Es gibt auch Schülerinnen und Schüler die glauben, Homo­sexualität sei eine Krank­heit, die man heilen muss. Unwissen über Viel­falt ist gefährlich. Es kann auch zu Verletzungen von Schülern unter­einander führen. Die 13-, 14-Jährigen auf den Gängen sagen immer noch: „Du Schwuler“. Sie meinen das als spielerische Beleidigung. Aber es ist eine Diskriminierung. Es darf nicht mehr cool sein, jemanden zu beleidigen. Das können aber gerade sehr junge Menschen nur verstehen, wenn es ihnen jemand erklärt.

Karin Schmidt, 33, Lehrerin: „Mich geht das Liebes­leben der Schüler nichts an“

In der Oberstufe haben wir aktuell drei transgender Schüler. Die Eltern haben uns darüber informiert. Dann sage ich in der ersten Stunde: Der neue Name dieses Schülers ist Tim. Wer Fragen hat, kann die gerne mit den Lehrern besprechen. Im Unterricht selber haben wir nicht darüber geredet. Warum auch? Es geht die Lehrerinnen und Lehrer nichts an, welche geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung ihre Schüler haben. Genauso wenig wie die Schüler mein Liebes­leben etwas angeht.

Ich lebe mit einer Frau zusammen. Ich habe das lange vor den Kollegen geheim gehalten. Denn ich bin Lehrerin für katholische Religions­lehre. Das Fach dürfte ich vermutlich gar nicht mehr unterrichten, wenn die Kirche davon erfahren würde. Am Anfang hatte ich auch noch Sorge, dass einer meiner Schüler erfahren würde, dass ich lesbisch bin. Nicht nur wegen meines Jobs, sondern auch deswegen, weil ich nicht wollte, dass die Jugendlichen hinter meinem Rücken über mich reden. Ich bin Frau Schmidt und nicht die Lesbe.

Andererseits glaube ich, dass gar nicht so viel passieren würde, wenn meine Schülerinnen und Schüler es wüssten. Ich habe mit den aller­meisten ein sehr gutes Verhältnis. Aber ich will mich nicht angreifbar machen. Idioten gibt es immer. Daran würde man auch nichts ändern, wenn man noch mehr über sexuelle Vielfalt reden würde.

Bei Tim zum Beispiel merke ich, dass ein paar der mega­coolen Jungs, von denen es in den 10. Klassen so einige gibt, ihre Probleme haben, mit ihm umzugehen. Vielleicht hängt er deswegen auch lieber mit den Mädchen rum. Die sind offener, was das Thema Sexualität angeht.

An unserer Schule wollen wir uns jetzt mehr mit Diversität und Gender befassen. Wir überlegen, wie wir diese Themen stärker in den Unterricht einbauen können. Wir haben gemerkt, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler in der Pubertät unsicher sind, wer oder was sie sein sollen. Sie nehmen ihr Geschlecht oder auch die hetero­sexuelle Orientierung nicht mehr unbedingt als Norm hin. Bei diesem Weg brauchen sie aber Begleitung.

Die Schule kann ihnen helfen, über Mechanismen und Konsequenzen von Outing aufzu­klären. Auch das ist eine Tendenz, die ich beobachtet habe: Es wird auf dem Schulhof und in den Klassen­zimmern immer mehr über persönliche Dinge gesprochen.

Manche Lehrer sind noch sehr befangen. Besonders, wenn sie gerade erst in den Beruf einsteigen. Und nicht in jeder Klasse gibt es ein Klima, das einem Lust macht, über Sexualität zu reden. Manche Schüler liegen schon auf dem Boden, wenn jemand „Penis“ sagt. In anderen Klassen hat jemand lauter Penisse auf die Tafel gemalt. Um sensible Themen zu unterrichten, muss man dann erst mal die richtige Atmos­phäre schaffen. Da überlege ich manchmal schon, ob ich nicht lieber ein anderes Thema drannehme.

Karin Schmidt, 33, Lehrerin für Englisch und katholische Religions­lehre an einem Gymnasium im Rheinland, heißt anders. Sie möchte aber ihren Namen nicht nennen, weil das ihren Job gefährden könnte.

Julia Renner, Lehrerin: Sexualkunde – „es ist so ein freudiges Gruseln“

Meine Schüler sind immer ganz aufgeregt, wenn in der sechsten Klasse das Thema Sexual­kunde in Bio kommt. Die meisten blättern im Buch vor, manche können die Seiten schon auswendig. Besonders die Darstellungen mit den nackten Körpern hat es ihnen angetan. Die schlagen sie dann auf, gruseln sich, und schlagen sie schnell wieder zu. Es ist aber mehr so ein freudiges Gruseln.

Man kann die Peinlichkeiten vermeiden, wenn man sich von Anfang an gemeinsam auf die Termini einigt, die wir benutzen wollen. Meistens sind es die biologischen, wenn wir über Geschlechts­organe, den weibliche Zyklus, sexuelle Orientierung reden. In der achten kommt das Thema wieder, diesmal etwas aus­führlicher.

In meinen Kurs in der sechsten habe ich gerade einen transidenten Jungen. Er weiß seit der fünften Klasse, dass er ein Junge sein will und geht offen damit um. Er hat den anderen Kindern angeboten, dass sie Fragen stellen können, und das tun sie auch. Weil wir in dieser Klasse so eine gute Klassen­gemein­schaft haben, gab es da gar keine Probleme. Einmal sagte ein Mädchen aus einer höheren Stufe zu ihm auf dem Pausen­hof: „Du bist doch eigentlich ein Mädchen.“ Sie wollte ihn auf­ziehen. Aber da sagte einer aus der Klasse: „Ja, und? Das weiß doch jeder.“ Und dann war es gut.

Natürlich müsste noch viel mehr über Vielfalt gesprochen werden oder über Sexualität generell. Die Kinder brennen auf diese Themen. Ich unterrichte an einer Gesamtschule, da verstehen wir uns als Erziehungs­begleiter. Aber wir haben auch einen sehr straffen Lehr­plan. Es gibt viele Themen, die deswegen etwas zu kurz kommen. Ich würde auch gerne mehr über Cyber­mobbing sprechen zum Beispiel. Ich kenne keine Lehrerin oder keinen Lehrer, der beschämt wäre oder Angst vor dem Thema Sexualität hätte, es fehlt einfach nur die Zeit.

Für den Deutschunterricht gibt es einige Lektüren, die alle Aspekte des Themas Vielfalt aufgreifen. Da ist dann mindestens einer schwul, ein anderer behindert. Mir ist das zu künstlich. Ich lese Bücher wie Tschick, da kommt das Thema auch vor, aber nicht so mit dem Holzhammer.

Das wichtigste ist, dass Lehrerinnen an der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen dran bleiben. Seit ich eine transidente Schülerin habe, habe ich mich mit dem Thema viel stärker aus­einander­gesetzt. Da habe ich gemerkt, es gibt vielleicht noch ganz andere Dinge, von denen ich wenig weiß. Für diese Situation bin ich nicht geschult worden. Fort­bildungen können nicht schaden, aber ich halte sie nicht für zwingend nötig. Wir haben einen guten Blick für unsere Schülerinnen und Schüler, das ist unser Job.

Julia Renner, 45, heißt in Wirklichkeit anders, möchte aus Rücksicht auf ihre Schülerinnen und Schüler ihren Namen nicht nennen. Sie unterrichtet Deutsch und Biologie an einer Gesamt­schule im Münsterland.

Thomas Moldenhauer, Grund­schul­leiter: „Vielfalt ist auch für den Lern­erfolg wichtig“

Die Schule hat den Auftrag, Kinder in ihrer Entwicklung bestmöglich zu begleiten und zu fördern. Das gilt auch für das Thema sexuelle Vielfalt. Einige denken, das sei ein Privat­thema. Lehrerinnen und Lehrer aber vermitteln nicht nur Wissen – sondern lehren auch, wie man andere Menschen mit Respekt und Wert­schätzung behandelt. Ich nenne das gern Begegnungs­kompetenz.

Unsere Schule will sich dem Thema Vielfalt und insbesondere auch der Thematik der sexuellen Vielfalt stellen. Bisher geschieht dies nur in Ansätzen im Biologie-, bzw. im Sach­unter­richt oder im Fach Natur­wissen­schaften in der Grund­schule. Hier liegt der Fokus auf der Vermittlung von Körper­wissen. Die Studie unseres Schul­trägers zu diesem Thema hat ergeben, dass das Thema sexuelle Vielfalt ein sehr großes Anliegen unserer Schüler*innen ist und auch ihrer Lebens­realität entspricht, aber im schulischen Kontext aus ihrer Sicht viel zu wenig Raum hat. Wir brauchen also an allen Schulen in Deutschland eine Diversity­strategie.

Das fängt bei den Unterrichts­materialien an. Keine Schülerin und kein Schüler wird uns ernst nehmen, wenn in den Schul­büchern immer nur die glückliche Familie aus Vater, Mutter, Kindern auftaucht, die in einem Haus mit Garten und Familien­hund leben.

Die Pädagogen, aber auch alle Schul­leitungen, bräuchten Fort­bildungen, um sich mit dem Thema sexuelle Vielfalt kompetent auseinander zu setzen. An unserer Grund­schule haben wir bereits Fachleute eingeladen und über alters­gerechte Methoden und Lern­formen nach­gedacht.

Aber auch für den Alltag unserer Grund­schule ist es wichtig, sexuelle Vielfalt sichtbar zu machen. Zum Beispiel, wenn im Morgen­kreis eine lesbische Lehrerin davon erzählt, dass sie mit ihrer Frau im Konzert war. Oder wenn ein Schüler, der zwei Väter hat, berichtet, dass eine der Groß­mütter zu Besuch war. Wir wollen an unserer Schule eine Haltung entwickeln, die die Viel­falt wert­schätzt und Begriffe wie „normal“ oder „unnormal“ abbaut.

Sich für solche Themen der Vielfalt zu öffnen, bedeutet auch, formale Rahmen­bedingungen zu verändern. Wir fragen bei der Schul­anmeldung im Aufnahme­formular nicht mehr nach Vater und Mutter des Kindes, sondern nach den Erziehungs­berechtigten. Dies schließt andere Familien­konstellationen nicht aus und ist leicht umsetzbar. Im Sport­unterricht wird es schwieriger: Es gibt bislang nur Umkleiden für Mädchen und für Jungen. Wie finden da Kinder einen Raum, die sich keiner dieser Kategorien zuordnen wollen? Gesonderte Räume wären für unsere Schule ein bauliches Problem, vielleicht würden sie auch zu neuen Diskriminierungen führen.

Vielfalt ist wichtig für den Lern­erfolg. Auch in unserer Schule wollen wir erreichen, dass Kinder lernen und für einen guten Schul­abschluss vorbereitet werden. Aber es gibt eben noch mehr. Nämlich die Persönlich­keits­entwicklung unserer Kinder. Sie haben eigene Erfahrungen, Fragen, Bedürfnisse und Einschätzungen. Welche dies sind, zeigt die Studie sehr ein­drucks­voll. Dass sich 20 Prozent unserer Schüler*innen im Bereich der Jahr­gangs­stufen 7 bis 13 als nicht hetero­sexuell beschreiben, hat uns in der Dimension alle überrascht. Und außer­dem war ein wichtiges Ergebnis, dass sich unsere Schüler*innen wünschen, in der Schule kompetente Ansprech­partner*innen zu finden und Schutz vor Diskriminierung zu erleben. Auch hier will unsere Schule klar „Farbe bekennen“.

Ich finde: Wenn wir an den Fragen und Anliegen der Kinder und Jugendlichen vorbei­unterrichten, geht der Lern­antrieb verloren und das Verhältnis zwischen Pädagoge und Schüler wird maßgeblich gestört. Schüler, die sich im Unterricht wert­geschätzt und ernst genommen fühlen, lernen hingegen deutlich besser und gehen gern zur Schule.