Schulschließung : Das Protokoll einer Schulleiterin

Wie läuft die Kommunikation zwischen den Lehrkräften und den Schülerinnen und Schülern weiter, wenn die Schule geschlossen ist? Wie arbeitet das Kollegium weiter zusammen? Und wie können Schulen die Eltern unterstützen? In der vergangenen Woche mussten wegen der Corona-Pandemie deutschlandweit mehr als 40.000 Schulen plötzlich Antworten auf diese Fragen finden. Mandy Rauchfuß, Schulleiterin der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle, hat für das Schulportal die erste Woche der Schulschließung dokumentiert. In Halle müssen die Kinder und Jugendlichen bereits seit Freitag, dem 13. März zu Hause bleiben.

Florentine Anders / 23. März 2020
Klassenraum mit hochgestellten Stühlen
Eine Woche nach der flächendeckenden Schulschließungen in Deutschland geht der Unterricht für die Schülerinnen und Schüler zu Hause weiter.
©dpa

Freitag, 13. März: Es fühlt sich eigenartig an, dass es am heutigen Freitag vollkommen ruhig bleibt in unserem Schulhaus. Sonst gehen hier 800 Schülerinnen und Schüler ein und aus. Nun müssen sie zu Hause bleiben.

Gestern hatte uns gegen Mittag die Pressekonferenz des Oberbürgermeisters bezüglich der Schulschließung völlig überraschend erwischt. Gerade hatten mein Elternrat und ich noch locker E-Mails hin und her geschickt. Es ging um das monatliche abendliche Treffen. Wer bringt etwas Salat mit? Wer Käse? Welche Themen könnte man noch besprechen?

Doch dann explodierte mein Rechner förmlich. Von einer Klausurtagung aus erfuhr ich durch die Elternschaft von der heutigen Schulschließung. Meine Kolleginnen und Kollegen riefen aufgeregt an, im Hintergrund erklangen viele Stimmen. In meinem Kopf kreiselten lauter Blitzgedanken: die Musicalfahrt nach Hamburg mit über 80 jungen Menschen, Prüfungsvorbereitungen, Ansteckungsgefahr, viele junge Kolleginnen und Kollegen mit eigenen Kindern, fünf Abschlussfahrten, Besoldung, Presse …

Mandy Rauchfuß
©privat

Der Elternrat hat gehandelt. Krisenmanagement und Statements die ganze Nacht an mich: „Halt unsere  Fahne hoch!“, „Können wir irgendetwas helfen?“, „Wir stehen geschlossen hinter euch und unserer Schule!“, „Zögere nicht, wenn ihr uns braucht!“ oder „Einer für alle, alle für einen!“ waren nur einige der Botschaften.

Die Sportlehrerinnen und -lehrer kamen gerade (natürlich trotz Regens fast alle neun mit dem Fahrrad!), sogar der frisch gebackene Vater ist dabei. Sie arbeiten an einem tollen modernen Fitness-Wochenprogramm für unsere Kinder und Jugendlichen während der Schließzeit. Das soll auf unsere Homepage, in die schuleigene App und auf die anderen digitalen Portale, die wir nutzen.

Viele der anderen Lehrkräfte arbeiten von zu Hause aus, sie haben ihre eigenen Kinder zu betreuen. Die anderen sitzen in Fachteams in verschiedenen Räumen, um die digitalen Portale, ebenfalls angemessen und fantasievoll, zu füttern.

Montag, 16. März: Offizielle Mitteilung vom Bildungsministerium: Ab heute ist der Schulunterricht in allen Schulen Sachsen-Anhalts ausgesetzt. Das bedeutet nun unmissverständlich, dass wir uns auf eine längere Ausnahmesituation einstellen.

Meine Lehrerkräfte sind großartig! Ich glaube nicht, dass eine oder einer auch nur ansatzweise so etwas wie „Wochenende“ gemacht hat. Wie übrigens auch die Elternvertreter. Allein bei mir kamen sieben verschiedene Lernprogramme von den Eltern an. Auch kümmerten sich die Elternvertreter um die Frage der Praktika.

Für alle Klassenstufen und alle Fächer ist heute bereits „Home Learning“ abzurufen. Da hat beispielsweise unser Musiklehrer auf der Homepage die großen Buttons für verschiedene Lernportale installiert, die teilweise übers Wochenende frei zur Verfügung gestellt wurden; über die Schul-App und frei zugänglich kann man auf sämtlichen Handy-Systemen Lern-Apps und schulspezifische Aufgabenstellungen oder Lernprogramme abrufen. Selbst um die individuelle Differenzierung der Kinder und Jugendlichen mit Lerneinschränkungen hat sich eine Gruppe gekümmert.

Per Mail habe ich heute erfahren, dass wir tatsächlich alle Klassenreisen bis einschließlich 31. Mai absagen müssen. Wie unendlich schade!! Wir hatten wunderbare Dinge geplant …

Die Eltern beginnen, nervös zu werden

Dienstag, 17. März: Nun beginnen die Elternhäuser (berechtigt!), nervös zu werden. So mancher schlägt Alarm! Die einen können einen Link nicht öffnen, dem Nächsten schlägt der nahe Prüfungstermin auf den Magen. Wieder andere können oder wollen nicht drucken, die Meldung „Positiv denken!“ ihrer Elternvertreter reizt sie zusätzlich. Da sind Passwörter vergessen, Seiten überlastet, Aufgaben in Lehrbüchern farbig gekennzeichnet. Dass das nur unterschiedliche Schwierigkeitsgrade sind, erschließt sich den Eltern natürlich noch nicht.

Das Telefon steht nicht still: „Könnt ihr mir helfen, die Aufgaben meines Sohnes zu finden? Er hat doch bald Prüfung. Ich kann das hier nicht. Ach und ja, können Sie die Jugendlichen nicht wenigstens zwingen, die Aufgaben zu einer bestimmten Zeit ab morgens zu lösen? Der hört nicht auf mich! Will nur auf dem Marktplatz chillen. Die Prüfungen …“ Die Frau weint. Wahrscheinlich hat sie bisher zu viel für ihren Sohn erledigt. Die Prüfungen wird sie ihm nicht abnehmen können. Ich habe versucht, ihr das klarzumachen und sie zu beruhigen. Die Mutter bedankt sich anschließend per Mail.

Viele Elternpaare gehen arbeiten. Einige sind verzweifelt, weil abends zusätzlich noch Schule auf dem Tagesprogramm zu stehen scheint. Also haben wir heute auf allen Kanälen informiert: „Am Montag folgen im Netz alle Lösungen für die Wochenaufgaben. Ist etwas schiefgelaufen, bedeutet das nicht das Ende der Bildungsbiografie Ihrer Kinder.“

Da gibt es Themen, die sollen die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe der Anweisungen versuchen, selbst zu erarbeiten. Viele sind das gewohnt. Andere aber nicht. Eltern monieren sofort:  „Lernstoff, den die Kinder noch nicht hatten!“ Jetzt bekomme ich auch ängstliche Anfragen, ob es dann nach Ostern Tests und Klausuren hagele, wegen der Benotung.

Mittwoch, 18 März: Die Sonne scheint. Vielleicht ist tatsächlich auch das Wetter beteiligt an der plötzlich wieder guten Grundstimmung in den Gruppen, die an der Krisenbewältigung meiner Schule beteiligt sind. Jedenfalls freue ich mich über unendlich viele kleine Überraschungen, die mich heute früh Stück für Stück ereilt haben.

Fotos und Berichte von Eltern, deren Kinder von 9 bis 13 Uhr konzentriert arbeiten. Aufmunternde Statements an andere Mütter und Väter, Klassen- und Fachlehrer. Ein Fotobericht über eine regelmäßige Unterrichts-Videokonferenz eines Kollegen mit seiner Klasse aus dem Geschichtsunterricht mit der Nachricht: „Liebe Schulleiterin, herzlichste Grüße von uns aus dem Geschichtsunterricht. Der findet täglich und epochal um 10 Uhr im Video-Chat statt. Aber bitte nicht weiterleiten. Die Mädchen sind nicht geschminkt!“ (Ich muss lächeln. Die Nachricht assoziiert bei mir so viel! Vertrauen, Humor, Verbundenheit, Fleiß …)

Dann eine Gruppen-Mail von den Eltern an unsere Schule: „Von Euch Lehrern wird wie immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Dafür danken wir euch von Herzen! Es musste erst anlaufen und sich einspielen. Aller Anfang ist schwer …“

Die Lehrerinnen und Lehrer federn telefonisch und auf digitalem Wege so viel pädagogischen Background wie möglich bei den Familien ab, die diesen nicht geben können. Das Team aus 70 Kolleginnen und Kollegen sitzt nun auch an unzähligen Stornierungsaufgaben für Theaterbesuche, Klassenreisen, Schulfeste, Arbeitsplätze im „Dualen Lernen“. Terminlich „portionieren“ sie ihre Schülerinnen und Schüler, damit sie automatisch Abstand haben, wenn sie ihre Materialien aus den Spinden holen. Auf dem Flur höre ich gerade Luise die Treppe hinunterlaufen. Sie hat ihre Bücher geholt. Schade, wir halten sonst sehr gern ein Schwätzchen …

Mehr Struktur mit einem digitalen Klassenbuchsystem

Donnerstag, 19. März: Das Sekretariat gleicht einem Vulkan. Das Kollegium ist teilweise verunsichert. Über einen großen Internet-Anbieter hat der Musiklehrer, der gleichzeitig auch Schuladmin ist, ein digitales Klassenbuchsystem akquiriert. Jetzt können die Klassenleiter einen echten Stundenplan für ihre Schülerinnen und Schüler einstellen. Viele kommen in die Schule und lassen sich das System erklären. Dann zieht wieder Ruhe ein. Okay, das scheint zu funktionieren und bedeutet mehr Struktur. Die Aufgaben hatten die jeweiligen Teams auf Klassenstufenbasis bereits in den vergangenen Tagen erarbeitet. Schließlich haben wir 33 Klassen.

Die Stundenpläne nehmen schnell Gestalt an, alle Lehrkräfte kommen mit den Features zurecht, nachdem der Lehrer ein Tutorial-Video angefertigt und an alle versendet hat. E-Mails von Fachlehrern laufen auf. Die Deutschlehrerin schreibt zum Beispiel: „Ihr seid großartig. Danke! Torsten, du bist unser Fels in der Brandung!“

Die Statistik unserer Homepage weist 6.000 abgerufene Schulaufgaben auf. Das Lernportal wird angenommen. Die Spinde sind leer, die Bücher können also genutzt werden.

Freitag, 20. März: Frühlingsanfang. Eine Woche ohne Kinderlärm, ohne lustige Sprüche, Arbeitsgemeinschaften, Kaffeeduft in den Lehrerzimmern. Dafür viel Ungewissheit …

Meine Leitungskolleginnen stellen fest, dass wir erschöpft sind. Ja, das sind wir! Aber uns ist wichtig, noch eine E-Mail an all unsere fleißigen Kolleginnen und Kollegen zu entwerfen. Die E-Mail soll grundsätzlich noch mal die weitere Vorgehensweise zusammenfassen und helfen, aufgekommene Fragen zu beantworten. Gut, dass wir vier sehr gern miteinander arbeiten. Die Pädagogische Koordinatorin schreibt den Text als Rundmail. Zum Schluss appelliert sie in unserem Namen: „Aber bitte relativiert diese mächtigen schulischen Aufgaben nun vor dem Hintergrund der aktuellen Situation und überschlagt euch nicht zu Hause. Unser aller Gesundheit geht vor, und jetzt ist zunächst erst mal Wochenende! Handelt besonnen und seht den kommenden Ereignissen mit der gebotenen Gelassenheit entgegen. Wir denken an euch alle.“ Es ist sehr ruhig hier …

Auf einen Blick

  • Die Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle hat 840 Schülerinnen und Schüler und 72 Lehrkräfte.
  • Die Schule befindet sich im Stadtteil Halle-Neustadt und ist umgeben von Hochhäusern und Einfamilienhäusern.
  • Die Gemeinschaftsschule ist eine Schule für alle – unabhängig von sozialer Herkunft oder besonderen Förderbedarfen, eine frühzeitige Festlegung auf einen bestimmten Bildungsgang oder Abschluss entfällt hier.
  • Die Schule ist im Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises.