Corona-Krise : „Es gibt so viele herzzerreißende Momente“

2019 wurde die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet. Die Grundschule liegt in einem sozial benachteiligten Stadtteil, viele Kinder haben einen Migrationshintergrund, die Elternhäuser können eine Unterstützung beim Lernen oft nicht leisten, digitaler Unterricht ist kaum möglich. Was die Lehrkräfte tun, um den Kontakt zu den Kindern während der Schulschließung dennoch aufrechtzuerhalten, erzählt Schulleiter Frank Wagner im Interview mit dem Schulportal.

Annette Kuhn / 27. März 2020
Sechs Frauen mit Schildern in der Schulschließung
Die Lehrkräfte der Gebrüder-Grimm-Schule lassen sich während der Schulschließung viel einfallen und wollen den Kindern auch auf dem Instagram-Account der Schule Mut machen.
©Gebrüder-Grimm-Schule

Deutsches Schulportal: Wie geht es Ihnen nach den ersten Tagen der Schulschließung?
Frank Wagner: Inzwischen bin ich relativ gelassen. Auch wenn die Situation ganz neu für uns alle ist, haben wir jetzt eine Struktur. Und es läuft. Aber in der vergangenen Woche haben wir wirklich gerödelt. Gerade in den letzten Tagen vor der Schulschließung mussten wir viel organisieren, uns im Team absprechen, Aufgaben verteilen, Kontaktlisten vervollständigen.

Wie arbeitet das Kollegium jetzt?
Drei Personen kümmern sich immer um eine Jahrgangsstufe, die haben eigene WhatsApp-Gruppen und organisieren sich über das Tool „Microsoft Teams“, wo sie gemeinsame Chaträume nutzen, Material einstellen und bearbeiten können.

An der Schule haben wir eine Notbetreuungsgruppe, dort sind allerdings bislang nur fünf Kinder. Nur wenn beide Elternteile in einem systemrelevanten Beruf arbeiten, konnten sie sie in der ersten Woche der Schulschließung ihre Kinder dort betreuen lassen. Es könnte sein, dass es jetzt mehr Kinder werden, weil die Voraussetzungen inzwischen weniger streng sind. Die meisten Lehrerinnen arbeiten aber zu Hause. Vor allem die Klassenlehrerinnen. Die haben wir aus der Notbetreuung rausgenommen, weil sie jetzt von zu Hause aus die Kinder coachen.

Die Klassenlehrerinnen rufen alle zwei Tage bei den Kindern an. Das ist ein großer zeitlicher Aufwand, denn in vielen Klassen sind 30 Kinder. Das sind auch keine kurzen Anrufe, in denen es nur mal eben um den Wochenplan geht. Die Gespräche können schon 20 bis 30 Minuten dauern.

Schulleiter mit Schild "Wir"
Frank Wagner, Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule
©Gebrüder-Grimm-Schule

Wie sieht das konkret aus?
Die Kinder bekommen jede Woche einen Wochenplan. Aber der Lernstoff ist für uns zweitrangig – in erster Linie wollen wir das Miteinander und Füreinander stärken. Unser Ziel ist es, den Kontakt zu den Kindern zu halten und ihnen zu zeigen, dass man für sie da ist. Darum rufen die Klassenlehrerinnen alle zwei Tage bei den Kindern an. Das ist ein großer zeitlicher Aufwand, denn in vielen Klassen sind 30 Kinder. Das sind auch keine kurzen Anrufe, in denen es nur mal eben um den Wochenplan geht. Die Gespräche können schon 20 bis 30 Minuten dauern. Häufig wollen die Kinder auch darüber sprechen, wie es ihnen zu Hause geht.

Was hören die Lehrkräfte bei diesen Gesprächen?
Normalerweise freuen sich die Kinder, wenn Ferien sind. Aber jetzt fragen viele Kinder: „Wann geht denn die Schule wieder los? Ich will jetzt gar nicht zu Hause sein.“ Das ist doch auch klar: Viele unserer Kinder leben in einem Hochhaus, in einer kleinen Wohnung, ohne Balkon und müssen nun den ganzen Tag drin sein. Nicht einmal auf den Spielplatz dürfen sie. Das ist schwierig. Und es gibt so viele herzzerreißende Momente. Zum Beispiel wenn man erfährt, dass ein Kind schon seit Stunden auf den Anruf wartet, oder wenn ein Kind Geburtstag hat, jetzt aber nicht mit seinen Freunden feiern darf. Da müssen wir auch viel trösten. Eine Klassenlehrerin hat sogar am Wochenende ein Kind angerufen und ihm ein Geburtstagsständchen gesungen.

Ich gehe davon aus, dass viele Kinder zurückgeworfen werden, weil ihnen jetzt die Struktur fehlt.

Die Gebrüder-Grimm-Schule versucht, den Kindern eine Struktur zu geben, die sie zu Hause nicht immer haben. Das lässt sich wahrscheinlich nicht in einem Telefonat alle zwei Tage kompensieren. Haben Sie Sorge, dass die Kinder Ihnen während der Schulschließung entgleiten?
Ja, ich fürchte schon. Ich gehe davon aus, dass viele Kinder zurückgeworfen werden, weil ihnen jetzt die Struktur fehlt. Das werden wir später merken. Die Lehrerinnen bekommen viel mit, das ist schon sehr belastend. Zum Beispiel, wenn sie im Gespräch mit dem Kind erfahren, dass es den ganzen Tag mit seinen zwei kleinen Geschwistern allein zu Hause ist, weil beide Eltern bei der Arbeit sind. Das geht nicht – da müssen wir uns natürlich dahinterklemmen.

Manchmal kontaktieren wir auch die Schulsozialarbeiterin und rufen noch häufiger an. Oder wir besuchen das Elternhaus. Im Moment ist das allerdings schwierig. Notfalls müssen wir auch das Jugendamt einschalten. Bislang war das zum Glück noch nicht der Fall.

Wie reagieren denn die Eltern darauf, wenn Sie zu Hause anrufen?
Die Eltern sind sehr dankbar dafür, dass wir uns so intensiv ihren Kindern zuwenden. Und sie haben oft auch selbst großen Gesprächsbedarf, erzählen die Kolleginnen. Wir erleben da eine große Wertschätzung. Die Eltern wünschen sich auch, dass die Kinder untereinander Kontakt bekommen. Das müssen wir aber erst organisieren und schauen, wie das mit der Technik funktionieren kann. Die Eltern selbst sind damit meist überfordert. Wir müssen sie an die Hand nehmen und ihnen erklären, wie es geht. Es gibt auch viele Sprachbarrieren. Zum Glück haben wir eine türkische Kollegin, und unsere Lehramtsanwärterin spricht Polnisch. Das ist ein großer Vorteil.

Vieles wird tatsächlich telefonisch besprochen, was bedeutet, dass die Lehrerinnen mündlich einzelne Schwerpunktaufgaben mit den Kindern gemeinsam durchgehen. Das geht in Deutsch ganz gut, in Mathe zum Beispiel ist das ein wenig schwieriger.

Wie kommen die Aufgaben zu den Kindern?
Nicht alle Eltern haben einen Drucker, daher setzen die Kolleginnen auf den Wochenplan nur Aufgaben aus den Schulbüchern. Und wenn die Kinder ihr Buch nicht finden, dann schicken wir per E-Mail Fotos von den Seiten aus dem Buch, die sie dann in ihrem Heft bearbeiten können. Und wenn auch das nicht klappt, schicken wir die Aufgaben per Post.

Und wie kommen die gelösten Aufgaben dann wieder zurück zu Ihnen?
Wir versuchen, Ergebnisse über Mails zu erhalten – es klappt meistens aber dann doch nur über WhatsApp. Vieles wird tatsächlich telefonisch besprochen, was bedeutet, dass die Lehrerinnen mündlich einzelne Schwerpunktaufgaben mit den Kindern gemeinsam durchgehen. Das geht in Deutsch ganz gut, in Mathe zum Beispiel ist das ein wenig schwieriger. Über die kostenfreie Lern-App „Anton“ können wir ebenfalls sehen, welche Fehler die Kinder machen. Wir brauchen hier längerfristig ein anderes System.

Das heißt, für Online-Unterricht sind die technischen Gegebenheiten in den Familien gar nicht vorhanden?
Nur bei wenigen. Gute Erfahrungen haben die Lehrerinnen aber mit Videos gemacht. Eine Kollegin hat zum Beispiel Mathe-Erklärvideos aufgenommen und den Kindern geschickt. Gern würden wir auch über Videoschaltung den Kindern Aufgaben in Kleingruppen erklären, aber da sind wir technisch auch noch nicht so weit. Die Aufgaben aus dem Buch sind allerdings nur ein Element. Wir wollen die Kinder jetzt auch ermuntern, in ihrem Alltag Dinge zu entdecken und zu erforschen.

Ich bin vor allem beeindruckt, wie sich das Team jetzt einsetzt und an einem Strang zieht. Jeder engagiert sich und bringt Ideen ein.

Was denn zum Beispiel?
Ach, da gibt es so vieles! Sie können zum Beispiel schauen, ob das Ei, das jetzt zwei Wochen im Kühlschrank ist – also so lange, wie die Quarantänezeit dauert –, noch gut ist. Im Internet können sie googeln, wie man das feststellen kann, und dann selbst mit einem Glas Wasser ausprobieren, ob das Ei unten bleibt oder oben schwimmt, ob es also noch gut oder schon verdorben ist. Den Bezug zu ihrer Lebenswelt zu schaffen ist für Kinder jetzt ganz wichtig. Und auch Sport nehmen wir auf den Wochenplan, da gibt es ja Angebote zum Beispiel im Fernsehen. Alle machen dann zu einer festen Zeit Sport, das sorgt auch für Verbindlichkeit.

Seit 13 Jahren sind Sie an der Gebrüder-Grimm-Schule. Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler haben sich in dieser Zeit erheblich verbessert, im vergangenen Jahr hat die Schule den Deutschen Schulpreis bekommen. Die Schule hat viel ausprobiert, verworfen, Neues entwickelt. Profitiert sie jetzt in der Zeit der Schulschließung davon?
Ich glaube schon. Ich bin vor allem beeindruckt, wie sich das Team jetzt einsetzt und an einem Strang zieht. Jeder engagiert sich und bringt Ideen ein. Alle haben Vertrauen, dass die anderen auch anpacken, dass sich keiner zurückzieht. Man merkt dieses gewachsene Vertrauen im Kollegium und auch die Offenheit, Neues auszuprobieren.

Und ich glaube, diese Krise wird uns auch nach vorne bringen, vor allem was Digitalisierung angeht. Das merken wir bereits. Wir führen unsere Konferenzen jetzt digital und wollen das auch weiter tun, das spart viel Zeit. Und die digitalen Lernangebote, zum Beispiel die Erklärvideos, werden wir auch in den Unterricht integrieren. Die digitalen Prozesse haben uns bislang an der Schule gefehlt, wir waren zu analog unterwegs. Das wird sich nun ändern.

Auf Ihrer Homepage haben Sie unter das Stichwort „Zukunft“ einen Text des Zukunftsforschers Matthias Horx gestellt: „Die Corona-Rückwärts-Prognose“. Wenn Sie diese Perspektive einnehmen – was wünschen Sie sich, wenn die Schulschließung vorbei ist?
Ich würde mir wünschen, dass unsere Demokratie gestärkt aus dieser Krise hervorgeht und dass wir alle mehr Verantwortung füreinander übernehmen. Auch in den Schulen. Und ich wünsche mir auch, dass wir dankbarer sind. Dass diese ständige Meckerei über Schule aufhört. Bei den Lehrkräften, bei den Eltern und auch bei den Kindern. Ich hoffe, die Schule bekommt jetzt einen anderen Stellenwert. Ich glaube jedenfalls, wenn die Schließung vorbei ist, wird es bei den Kindern einen Ausbruch an Schulfreude geben.

Auf einen Blick

  • Die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm ist Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises 2019.
  • An der Grundschule lernen derzeit 230 Schülerinnen und Schüler in insgesamt acht Klassen.
  • „Lachen – Leisten – Lesen“ ist das Leitmotiv der Schule. In der Laudatio der Schulpreis-Jury heißt es über die drei Begriffe: „Sie stehen für Emotionalität, Intelligenz und erschließendes Verstehen, die den Schulalltag durchdringen. In diesem Motto spiegelt sich die pädagogische Haltung des Kollegiums.“