Prävention : Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt zu

Die Zahl der gemeldeten Gewalttaten gegenüber Lehrerinnen und Lehrern steigt. Das geht aus aktuellen Kriminalstatistiken einzelner Bundesländer hervor. Wie Lehrkräfte mit psychischen oder physischen Angriffen umgehen und wie sie sich in einer akuten Situation schützen können, erklärt der Berliner Schulpsychologe Matthias Siebert.

Annette Kuhn / 28. Oktober 2019
Lehrer betritt Lehrerzimmer
Nach einem Gewaltvorfall fällt es Lehrkräften oft nicht leicht, im Kollegium darüber zu sprechen.
©Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Oktober 2019, Leinfelden-Echterdingen: Ein 18-Jähriger stößt in einer Realschule einen 60-jährigen Lehrer so vor die Brust, dass dieser zu Boden fällt.

August 2019, Duisburg: Ein 14-jähriger Schüler einer Hauptschule geht auf den Rektor los und verletzt ihn so schwer, dass er im Krankenhaus behandelt werden muss.

Juli 2019, Dortmund: Drei Schüler werden wegen versuchten Mordes angeklagt. Weil ihnen die Benotung eines Lehrers an der Gesamtschule missfiel, sollen sie den Pädagogen im Mai 2019 in einen Hinterhalt gelockt haben. Ihr Ziel war es, den Lehrer zu erschlagen. Dieser war allerdings misstrauisch, es kam nicht zu der Gewalttat. Ein zweiter Versuch war geplant, fand aber nicht statt, weil einer der Beteiligten gestand.

Das sind nur drei Vorfälle gegen Lehrkräfte aus jüngster Zeit. Die Zahl der gemeldeten Gewalttaten gegenüber Lehrerinnen und Lehrern nimmt zu. Das geht aus aktuellen Kriminalstatistiken einzelner Bundesländer hervor.

Anstieg der Vorfälle in Niedersachsen um 40 Prozent

In Nordrhein-Westfalen stieg nach Angaben des dortigen Landeskriminalamts die Zahl der registrierten Gewalttaten gegen Pädagoginnen und Pädagogen von 2017 auf 2018 um zehn Prozent. Im Vergleich zu 2015 ist sogar ein Anstieg um 40 Prozent zu verzeichnen. Am häufigsten handelte es sich dabei um vorsätzliche einfache Körperverletzungen. Gleich dahinter folgten in der Häufigkeit Bedrohungen. Gefährliche Körperverletzungen machten im vergangenen Jahr immerhin mehr als zehn Prozent der Fälle aus. Verbale Angriffe werden in der Statistik nicht aufgeführt.

In Niedersachsen stieg die Zahl innerhalb eines Jahres sogar um 40 Prozent. In Bayern stellte das Landeskriminalamt zwar zwischen 2018 und 2017 keine wesentliche Veränderung fest, im Vergleich zu 2014 aber einen Anstieg um mehr als 30 Prozent.

Ein Vergleich der Bundesländer ist allerdings schwierig, weil die Meldesysteme nicht einheitlich und die Begrifflichkeiten unterschiedlich sind. Die meisten Statistiken nennen auch nur die Delikte von Schülerinnen und Schülern gegenüber Lehrkräften. Eltern als Tatverdächtige sind meist nicht aufgeführt. Viele Lehrerinnen und Lehrer berichten jedoch über eine zunehmende Aggressivität auch von Elternseite. Belastbare Zahlen gibt es dazu allerdings nicht.

Gewalt gegen Lehrkräfte ist kein Tabuthema mehr

Aber der Anstieg allein der registrierten Fälle zeigt: Das Thema Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer wird stärker in die Öffentlichkeit getragen und die Wahrnehmung für solche Situationen geschärft. Matthias Siebert, Vorsitzender des Landesverbandes Schulpsychologie Berlin, begrüßt das: „Es ist gut, dass darüber gesprochen wird.“

Aber noch immer würden sich viele Schulen scheuen, solche Vorfälle zu thematisieren, oft aus Angst um ihren Ruf. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung äußerten im vergangenen Jahr 39 Prozent der befragten Schulleiterinnen und Schulleiter, dass Gewalt gegen Lehrkräfte ein Tabuthema sei

Lehrer teilen sich oft nicht mit – aus Scham und aus dem Gefühl, pädagogisch versagt zu haben.
Matthias Siebert, Vorsitzender des Landesverbands Schulpsychologie Berlin

Gleichzeitig gab allerdings fast die Hälfte der Schulleitungen an, dass es an ihrer Schule in den vergangenen fünf Jahren zu Fällen psychischer Gewalt gegen Lehrkräfte – also zu Drohungen, Beleidigungen oder Mobbing – gekommen sei. 26 Prozent der Befragten berichteten von Fällen physischer Gewalt – vom Fausthieb bis zum Messerangriff.

„Lehrer, die einen Angriff erlebt haben, teilen sich aber oft nicht mit – aus Scham und aus dem Gefühl heraus, pädagogisch versagt zu haben, sogar selbst schuldig zu sein“, weiß Siebert. Er beschäftigt sich sich seit vielen Jahren mit dem Thema Gewalt gegen Lehrkräfte. An den Berliner Schulpsychologen wenden sich häufig Pädagoginnen und Pädagogen, die verbale oder körperliche Attacken von Schülerinnen und Schülern oder von Eltern erlebt haben.

Gewalt gegen Lehrkräfte: Prävention ist wichtig

Siebert berät Schulen bei der Prävention und bietet Fortbildungen und Workshops für Lehrkräfte an. Dabei geht es auch um die eigene Führungsrolle in der Klasse und darum, wie eine Lehrkraft in einer akuten Situation sich und möglicherweise andere Schüler schützen kann. „Wer weiß, wie er sich verhalten kann, strahlt auch mehr Sicherheit aus und bietet weniger Angriffsfläche“, so die Überzeugung des Schulpsychologen. Bei vielen Lehrerinnen und Lehrern herrsche hier aber große Unsicherheit.

Einen Handzettel mit Verhaltensregeln und typischen Warnsignalen kann er allerdings nicht bieten. Es komme immer auf den Einzelfall an, so Siebert. Meist gebe es aber einen Grund für das aggressive Verhalten einer Schülerin oder eines Schülers. Manchmal ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis gestört. Vielleicht fühlen sich Kinder oder Jugendliche nicht wertgeschätzt, oder sie empfinden eine Bestrafung als ungerecht.

„Lehrer dienen als Blitzableiter für andere Probleme“

In vielen Fällen habe die Aggression aber überhaupt nichts mit der Lehrkraft zu tun. „Sie dient dann als Blitzableiter für ganz andere Probleme, die sich zum Beispiel zu Hause abspielen, oder die mit einer Entwicklungsstörung zusammenhängen“, erklärt der Psychologe.

Siebert hält es für wichtig, nach einem Gewaltvorfall in der Schule mit einem schulinternen Krisenteam den Kreis der Betroffenen zu visualisieren. Mit dieser Methode lässt sich strukturieren, wer wie stark betroffen ist. Im Zentrum steht die betroffene Lehrkraft. Die anwesenden Mitschülerinnen und Mitschüler werden ebenfalls sehr zentral notiert. In einem äußeren Kreis könnten die Eltern und das Kollegium mit bedacht werden. Auf dieser Grundlage wird die Krisenintervention geplant.

In einem so stressbelasteten Umfeld wie Schule sind alle so beschäftigt, dass oft niemand in der Lage ist, den Pausenknopf zu drücken und sich Zeit für ein Gespräch zu nehmen.
Matthias Siebert, Vorsitzender des Landesverbands Schulpsychologie Berlin

Zu einer guten Prävention gehöre außerdem ein gutes Schul- und Klassenklima, in dem sich jeder gesehen fühlt und Probleme frühzeitig angesprochen werden. Das gelte nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern ebenso für die Lehrerinnen und Lehrer. Wichtig sei dabei auch, dass betroffene Lehrkräfte schnell Unterstützung bei der Schulleitung finden und diese die Vorfälle nicht bagatellisiert.

Die Realität sehe allerdings an vielen Schulen anders aus. „In einem so stressbelasteten Umfeld wie Schule sind alle so beschäftigt, dass oft niemand in der Lage ist, den Pausenknopf zu drücken und sich Zeit für ein Gespräch zu nehmen“, nennt Siebert als einen Grund. Außerdem koste es die Lehrkräfte auch oft viel Überwindung, sich mitzuteilen.

Auf einen Schulpsychologen kommen in Deutschland 490 Lehrkräfte

Für manche Lehrkräfte ist es daher leichter, sich erst mal an eine Anlaufstelle außerhalb der Schule zu wenden. Dies könnten zum Beispiel Schulpsychologinnen und -psychologen sein. Allerdings reiche dafür die Versorgung bei Weitem nicht aus, so Siebert. Deutschland sei im europäischen Vergleich Schlusslicht in der Ausstattung mit Schulpsychologen. Nach einer Erhebung des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen kommen auf einen Schulpsychologen in Deutschland im Schnitt 490 Lehrkräfte.

Statt zu reden melden sich betroffene Lehrkräfte oft am folgenden Tag krank. Das löst das Problem für die meisten ebenso wenig wie schnelle Lösungen: etwa das Kind in eine andere Klasse zu versetzen oder für einige Tage vom Unterricht zu suspendieren. 

Auf einen Blick

  • Kriminalstatistiken mehrerer Bundesländer zeigen einen Anstieg von Gewalt gegen Lehrkräfte.
  • Nach einer repräsentativen forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung sind 46 Prozent der Schulleitungen der Ansicht, dass mit dem Thema Gewalt gegen Lehrkräfte an Schulen in Deutschland weitgehend offen umgegangen wird. 40 Prozent halten dies für ein Tabuthema.
  • Der Verband Bildung und Erziehung bietet in der Broschüre „Das Tabu brechen – Gewalt gegen Lehrkräfte“ einen ausführlichen Serviceteil für Lehrkräfte mit Handreichungen und Ansprechpartnern an.
  • Beratungen für Betroffene bieten schulpsychologische Beratungsstellen. Die Versorgungsdichte ist allerdings gering: Deutschlandweit kommen auf einen Schulpsychologen 490 Lehrerinnen und Lehrer.