Krisenintervention : Schulpsychologen sind auch für Lehrer da

Verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler machen den Großteil ihres Arbeitsalltags aus. Doch Schulpsychologinnen und Schulpsychologen helfen nicht nur den Kindern. Auch Lehrerinnen und Lehrer können mit ganz persönlichen Problemen zu ihnen kommen. Anonym und kostenlos. Dass nicht alle, die Hilfe brauchen, auch schnell Unterstützung bekommen, liegt auch an einer chronischen Unterbesetzung, erklärt Diplom-Psychologin Susanne Fitzner im Interview mit dem Schulportal. Im Schnitt ist ein Schulpsychologe für 8.900 Lernende und 720 Lehrkräfte zuständig.

Sandra Hermes / 26. April 2018
Schulpsychologische Fachkräfte kümmern sich in erster Linie um Kinder und Jugendliche. Was viele nicht wissen: Sie helfen auch bei persönlichen Problemen der Lehrerinnen und Lehrer oder bei Krisen im Kollegium.
Schulpsychologische Fachkräfte kümmern sich in erster Linie um Kinder und Jugendliche. Was viele nicht wissen: Sie helfen auch bei persönlichen Problemen der Lehrerinnen und Lehrer oder bei Krisen im Kollegium.
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Susanne Fitzner ist stellvertretende Vorsitzende in der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Die Diplompsychologin arbeitet als Leiterin der Schulberatungsstelle des Kreises Paderborn. 5,5 Schulpsychologenstellen kommen dort auf 46.687 Schülerinnen und Schüler in 128 Schulen mit 3.515 Lehrkräften.

Deutsches Schulportal: Als Schulpsychologin sind Sie nicht nur für Schüler und deren Probleme zuständig, sondern auch für Eltern und Lehrkräfte. Wie viel Zeit haben Sie für Probleme der Lehrkräfte oder des Kollegiums?
Susanne Fitzner: Um das Problem eines Schülers oder einer Schülerin zu lösen, ist in den meisten Fällen sowohl die Unterstützung der Eltern als auch der Schule erforderlich. Wird zum Beispiel ein Kind gemobbt, nützt es wenig, dem Kind zur Selbstwertstärkung Beratung anzubieten. Hier braucht es zusätzlich die Unterstützung durch die Lehrkräfte. Sie übernehmen dann die Aufgabe, genau hinzuschauen, Ausgrenzungen vorzubeugen beziehungsweise zu stoppen. Und auch die Eltern werden beraten, wie sie das Kind unterstützen können. Insofern lässt sich kaum sagen, wie viel Zeit wir für die Probleme der Lehrkräfte haben. Die meisten Lehrerprobleme sind Schülerprobleme.

Die Auseinandersetzungen mit den Eltern sind heutzutage schwieriger.
Susanne Fitzner, Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen

Kommen Lehrkräfte oder Schulleiter häufiger zu Ihnen als noch vor einigen Jahren?
Sich als Lehrkraft Hilfe zu holen wird immer selbstverständlicher. Das Thema Inklusion ist herausfordernd. Die Arbeit in den Schulen ist sehr anspruchsvoll und kann nur multiprofessionell gelingen. Schulleitungen müssen auch in Krisen handlungsfähig sein und greifen da gern auf die Schulpsychologie zurück – zum Beispiel bei einem Schulbusunfall, dem Tod eines Schülers oder einer Suizidankündigung. Hierzu sind von Schulpsychologen auch Notfallordner entwickelt worden. Zusätzlich führen wir regelmäßige Schulungen der schulischen Krisenteams durch.

Gibt es noch andere Erklärungen für den gestiegenen Bedarf an professioneller Hilfe?
Die Lehrergesundheit ist in den vergangenen Jahren deutlicher in den Vordergrund getreten. Wie bleibt man als Lehrkraft gesund bei den Anforderungen? Wie kann man trotz der Heterogenität den Schülerinnen und Schülern gerecht werden? Es reicht nicht mehr, sich auf den Unterricht in der Klasse gut vorzubereiten. Der Blick auf das ganze System Schule und die Kooperation unter Lehrkräften in zum Teil multiprofessionellen Teams erfordern eine kollegiale Abstimmung.

Mit welchen Problemen kamen Lehrkräfte in letzter Zeit besonders häufig zu Ihnen? Können Sie ein paar typische Beispiele nennen?
Der Umgang mit auffälligem Schülerverhalten nimmt den größten Raum bei den Anfragen ein. Hierzu gibt es auch die meisten Anfragen im Kontext kollegialer Beratung. Darüber hinaus gibt es Anfragen von einzelnen Lehrkräften, die Konflikte mit Kolleginnen, Kollegen oder Schulleitungen haben oder aber überlegen, wie sie mit dem beruflichen Stress besser klarkommen können. Auch Schulleitungen fragen Coaching an. Zum Beispiel für herausfordernde Gruppendynamiken im Kollegium.

Die Beratung ist unabhängig, verschwiegen, kostenfrei und freiwillig.
Susanne Fitzner, Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen

Suchen Lehrkräfte auch Hilfe, wenn es um sie ganz persönlich geht?
Vorrangig wird Schulpsychologie als Anlaufstelle für Eltern und Schüler assoziiert. Es scheint nicht immer bekannt zu sein, dass Lehrkräfte sich auch selbst – gegebenenfalls anonym – beraten lassen können. Thematisch kann es da zum Beispiel um Mobbing, Stressbewältigung, Konflikte unter Kollegen, Konflikte mit Vorgesetzten oder auch um Probleme im Umgang mit Eltern gehen.

Mit welchen Problemen, die vor zehn Jahren noch kein Thema waren, haben Lehrkräfte heute zu kämpfen?
Die Auseinandersetzungen mit den Eltern sind heutzutage schwieriger. Es wird inzwischen schneller ein Rechtsanwalt eingeschaltet, statt das persönliche Klärungsgespräch zu suchen. Während früher die Einschätzung der Schule von den Eltern respektiert und mitgegangen wurde, glauben Eltern heutzutage eher ihren Kindern. Außerdem ist der Erziehungsauftrag von Schule bedeutsamer geworden. Das betrifft nicht nur das soziale Lernen, sondern auch den Umgang mit Medien.

Was denken Sie persönlich: Nehmen Lehrkräfte das schulpsychologische Angebot rechtzeitig an?
Den Zeitpunkt, sich Hilfe zu holen, bestimmen Ratsuchende immer selbst. Schwierig wird es, Lehrkräfte ins Boot zu holen, wenn sie ihre Einflussmöglichkeiten zur Lösung des Problems nicht mehr sehen können. Wenn sie glauben, alles schon ausgeschöpft zu haben, und mit ihrer Kraft am Ende sind. Dann hört man gelegentlich, dass ein Schüler nicht mehr beschulbar sei, was ja in Deutschland nur im äußersten Fall möglich ist.

Es ist leichter, sich als Newcomer einzugestehen, dass man Unterstützung braucht, als als erfahrene Lehrkraft.
Susanne Fitzner, Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen

Was hindert Lehrkräfte daran, sich an Sie zu wenden?
Jeder kennt das von sich selbst: Es gibt Hemmungen, sich Hilfe zu holen. Man denkt, dass man es allein schafft. Man fürchtet sich vor Wartezeiten, bis man einen Termin bekommt. Man hofft, dass sich das Problem von allein erledigt. Man glaubt, dass der Schüler oder die Schülerin einfach falsch an dieser Schule ist und es in diesem System gar keine Lösung gibt. All das sind Gedanken, die den Zeitpunkt, sich frühzeitig Hilfe zu holen, verzögern.

Wie funktioniert das in der Praxis? Können Lehrkräfte Sie mit einem akuten Problem einfach anrufen, oder muss die Schulleitung informiert und ein Antrag gestellt werden?
Lehrkräfte können sich direkt an die Schulpsychologie wenden. Die Beratung ist unabhängig, verschwiegen, kostenfrei und freiwillig. Alle Schulpsychologen unterliegen der Schweigepflicht nach §203 StGB.

Haben Sie erfahren, welche Lehrkräfte eher aktiv Hilfe suchen? Sind es eher Männer oder Frauen, eher junge oder alte?
Es sind eher Frauen und junge Lehrer. Es ist leichter, sich als Newcomer einzugestehen, dass man Unterstützung braucht, als als erfahrene Lehrkraft.

Zahlen & Fakten

2016 kamen im Durchschnitt 8.900 Schülerinnen und Schüler sowie 720 Lehrkräfte auf einen Schulpsychologen. Während Berlin, Hamburg und das Saarland schon nah an der Empfehlung der Kultusministerkonferenz sind, die seit 1973 einen Schulpsychologen für 5.000 Schüler anstrebt, sind Schleswig-Holstein und Niedersachsen weit von diesem Ziel entfernt. Schlusslicht ist Sachsen: Hier ist der Versorgungsschlüssel 1:15.630. Mit dem Wert von 1.328 Lehrerinnen und Lehrern, die ein Psychologe betreut, landet Sachsen auch in dieser Kategorie auf dem letzten Platz. Die besten Werte erreichen erneut das Saarland, Hamburg und Berlin. So kommen in der Hauptstadt auf einen Schulpsychologen nur 422 Lehrkräfte.

Sie sind ja in der Regel für mehrere Schulen im Einsatz. Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit in den unterschiedlichen Schulformen?
Die meisten Anfragen kommen aus den Grundschulen. Das liegt aber auch daran, dass alle Schüler in der Regel erst mal die Grundschule besuchen. Zu zwei Dritteln ist die Klientel männlich.

Schulpsychologen arbeiten ja nicht nur mit einzelnen Pädagogen, sondern beraten auch Teams oder ganze Lehrkörper: Wie lassen sich Ihrer Erfahrung nach Probleme im Kollegium schon im Vorfeld verhindern?
Probleme sind normal. Die Herausforderung besteht darin, offen miteinander zu kommunizieren und sich als Teil der Schule zu begreifen. Die Annahme, dass man nur für die Klasse, nicht aber für die Schule Verantwortung trägt, ist überholt. Eine gemeinsame Verständigung über ein Erziehungskonzept, den Umgang mit Regelübertretungen oder Anreize für prosoziales Verhalten helfen, Konflikte zu reduzieren. Auch das ist Teil unserer Arbeit. Denn zusätzlich zur Einzelfallhilfe sind Schulpsychologen auch in der Systemberatung tätig. Zum Beispiel im Rahmen von Lehrerfortbildungen, Supervisionsangeboten und Begleitung von Schulentwicklungsprozessen.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten drei Wünsche frei. Was würde Ihnen Ihre tägliche Arbeit erleichtern?
Dass Beratungszeit für Lehrkräfte zum Stundendeputat zählt. Dadurch wäre es normal, dass man sich mit Experten berät und dafür Zeit und Raum zur Verfügung gestellt bekommt. Mein zweiter Wunsch wäre, mehr Schulpsychologen zur Unterstützung der Schulen einzusetzen, um uns dem internationalen Standard zu nähern, bei dem ein Schulpsychologe auf 2.500 Schüler kommt. Und schließlich wäre es toll, wenn immer mehr Schulen ein Schulklima fördern, das alle Schülerinnen und Schüler in ihrer Verschiedenheit willkommen heißt und in ihrer individuellen Vielfalt fordert und fördert. Das ist die beste Gewaltprävention.

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