Schulöffnungen : „Bei uns benutzen Hunderte Schülerinnen dasselbe Handtuch“

Die Bundesländer wollen schnellstmöglich zum regulären Unterricht zurückkehren. Wie Schüler das Homeschooling erleben und warum sie an manchem Hygienekonzept zweifeln.

Dieser Artikel erschien am 16.06.2020 auf ZEIT Online
Janis Dietz
Schülerinen halten Abstandsregeln ein
Abstand auf dem Pausenhof und nur mit Maske in das Schulgebäude: Das Hygienekonzept verlangt auch Schülerinnen und Schülern einiges ab.
©Getty Images

So bald wie möglich soll es an deutschen Schulen wieder normalen Unterricht geben. Darauf haben sich die Kultusminister der Länder Anfang des Monats verständigt. Viele Länder planen den regulären Schulbetrieb nach den Sommerferien wieder aufzunehmen. In einzelnen Bundesländern – wie Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Hessen – soll es schon vorher ein Ende des Homeschoolings geben. Bereits seit Mai kehren Schülerinnen und Schüler tageweise in die Klassen zurück, meist unter strengen Hygieneauflagen. Wir haben Kinder und Jugendliche gefragt, wie sie mit dem monatelangen Homeschooling zurechtkommen, wie sie die Rückkehr in die Schule erlebt haben und welche Förderangebote sie sich jetzt wünschen. Uns haben über 100 Antworten erreicht. Hier lesen Sie die Erfahrungen von vier Schülerinnen und Schülern.

Endlich wieder etwas anderes als den eigenen Schreibtisch sehen

Die Rückkehr an die Schule sieht bei uns so aus, dass alle Klassenstufen abwechselnd eine Woche Präsenzunterricht haben und dann wieder zwei Wochen Homeschooling. Ich glaube, das ist ein ganz gutes Konzept, weil man sich so intensiver in ein Thema einarbeiten kann und dann zu Hause Zeit hat, es zu vertiefen. Unser Hygienekonzept kenne ich bisher nur von Fotos: Es soll nur noch einen Eingang und einen Ausgang geben, in den Gängen gilt Maskenpflicht, im Klassenzimmer, wo wir in Gruppen von zehn Schülern unterrichtet werden, dürfen wir die Masken dann abnehmen. Es wird sicher schwierig, den Abstand einzuhalten, wenn ich meine Freunde nach so vielen Wochen wiedersehen kann.

Sommercamps wären wichtig, damit alle wieder auf demselben Stand sind.
Userin Emmje, 16 Jahre

Ich freue mich schon, dass es jetzt ein bisschen Abwechslung gibt. Die Zeit zu Hause hat sich für mich gezogen wie Kaugummi. Am Anfang kam ich mit dem Homeschooling noch ganz gut zurecht: Es gab übersichtliche Hausaufgabenhäppchen und ein paar Videokonferenzen, das war, fand ich, eine gute Alternative. Ich habe auch gemerkt, dass sich die Lehrer mit der Zeit immer bessere Konzepte überlegt haben, wie sie uns den Unterrichtsstoff beibringen können. Aber weil sich die Lehrkräfte oft nicht untereinander absprechen, bekommen wir manchmal auch einen großen Berg Aufgaben, den wir dann möglichst schon am nächsten Tag fertig abgeben sollen.

Inhaltlich bin ich während des Homeschoolings ganz gut mitgekommen, nur in Mathe und Chemie habe ich manchmal Probleme, aber da gibt es glücklicherweise auch immer wieder die Möglichkeit, beim Lehrer oder der Lehrerin nachzufragen. Einige meiner Freunde, die sowieso Probleme in den Naturwissenschaften haben, hängen dort jetzt aber richtig hinterher. Wenn man in einem Fach nicht gut ist und plötzlich auf sich allein gestellt ist, ist das schon problematisch. Deshalb finde ich die Idee von Sommercamps auch wirklich gut. Wir kommen jetzt in die Kursstufe, da ist es wichtig, dass alle auf demselben Stand sind. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich in Kleingruppen trifft und Inhalte noch mal aufarbeiten kann. Solche Camps sollten aber freiwillig sein und vom Staat bezahlt werden. Userin Emmje, 16 Jahre, geht in die 10. Klasse eines Gymnasiums in Reutlingen.

Sind ein paar Tage Schule den großen Aufwand wert?

Ich frage mich, ob sich der ganze Aufwand für das Hygienekonzept in den Schulen wirklich lohnt. Bis zu den Sommerferien werde ich nach jetzigem Stand noch genau fünf Tage zur Schule gehen. Jeden Mittwoch für genau sechs Stunden. Natürlich ist das besser, als die ganze Zeit zu Hause zu sitzen, aber es ist auch ein enormer Aufwand für die Schule. Ich glaube, wenn einer während der Homeschooling-Zeit schlecht in Mathe war, wird er es jetzt in fünf Tagen auch nicht mehr rumreißen können. Vielleicht wäre es besser, wenn sich die Politiker schon jetzt intensiver darüber Gedanken machen würden, wie das kommende Schuljahr aussehen sollte. Wie wir es hinbekommen, dass wir dann wieder normal Unterricht haben können.

Wenn einer schlecht in Mathe ist, reißen es fünf Tage Präsenzunterricht nicht raus.
Userin Maria, 14 Jahre

Ich merke, dass es mir manchmal echt schwerfällt, mich zu Hause zum Lernen zu motivieren, dann lese ich morgens ausführlich die Zeitung und schaue noch ein paar YouTube-Videos. Zu Hause hat man ständig diese Ablenkung um sich herum: dort ist der Fernseher, da meine Flöte. In der Schule kann man nicht einfach so zwischendurch einen Film gucken. Meistens bekomme ich die Aufgaben des Tages aber trotzdem ganz gut hin. Ich muss nicht jeden Morgen suchen, ob vielleicht eine Mail von einem Lehrer im Spamordner liegt, ich gucke einfach auf unsere Lernplattform, ob da etwas Neues angekommen ist, und dann mache ich mich an die Arbeit. Das ist schon toll. Weil ich auf eine Privatschule gehe, hatte jeder Schüler schon vor der Krise ein eigenes Schul-Ipad, das hilft jetzt natürlich auch. Ich weiß durch meine Mutter, die Grundschullehrerin ist, aber auch, dass das bei vielen Kindern ganz anders aussieht. Dass nicht jedes Kind einen Drucker zur Verfügung hat.

Natürlich kann man sich an diese Situation auch gewöhnen. Es fühlt sich fast normal an. Trotzdem vermisse ich den sozialen Austausch. Als die Schulen geschlossen waren, habe ich mich vielleicht ein-, zweimal mit einer Freundin getroffen. Mit allen anderen Freunden hatte ich nur virtuell Kontakt, über FaceTime. Jetzt können wir uns auf dem Schulhof endlich wieder in echt sehen. Und ich merke: Eineinhalb Meter sind gar nicht so viel. Vor allem, wenn man weiß, dass das Abstandhalten einen Sinn hat. Doch es gibt auch Ausnahmen: Mein kleiner Bruder will zwischendurch auch mal mit Freunden toben und Fußball spielen, da denkt er sicher nicht immer an Corona. Und wenn ich mich mit meiner Freundin treffe, dann halten wir auch nicht eineinhalb Meter Abstand. Mir tut es auch gut, dann mal nicht an Hygiene zu denken. Userin Maria, 14 Jahre, besucht die 8. Klasse eines Greifswalder Gymnasiums.

„Von 20 Schülern trägt hier vielleicht einer eine Maske“

Warum nicht die Schüler einbeziehen, wenn man Schule neu erfindet?

Es heißt derzeit oft, die Schule werde „gerade neu erfunden“. Leider haben wir in diesem Prozess viel zu wenig Mitspracherecht. Wenn es um Entscheidungen geht, die Schülerinnen und Schüler direkt betreffen, sollten diese als Erstes nach ihrer Meinung gefragt werden. Wenn es Sommercamps geben sollte, wünsche ich mir, dass es nicht nur darum geht, Wissenslücken zu füllen. Es sollte viel Zeit für Kreativität und zum Quatschen geben. Das war schließlich eine belastende Zeit für uns alle, da gibt es wichtigere Dinge als Matheformeln.

Ich weiß, dass es für Lehrerinnen und Lehrer gerade besonders stressig ist, zu unterrichten, und dass auch die Schulleitung viel Arbeit hat. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir Schülerinnen und Schüler vernachlässigt werden. Dass in Grundkursen keine Prüfungen geschrieben werden dürfen, hat uns zum Beispiel niemand gesagt. Seit Ende Mai gehe ich wieder in die Schule – zwar nur alle zwei Tage, aber dafür mit einem ziemlich normalen Stundenplan. Ich glaube, dass das eine sinnvolle Ergänzung zum Lernen zu Hause ist. Ich komme vor allem in Fächern besser mit, die ich weniger gut kann. Da hilft es, eine Lehrerin als Ansprechpartnerin zu haben. Doch in anderen Fächern werden wir, sobald wir Nachfragen stellen, zurechtgewiesen, dass wir den Unterricht nicht stören sollen. Auf Dauer ist die Kombination aus Frontalunterricht und am Schreibtisch Arbeitsblätter ausfüllen nicht das Wahre. Das ist monoton und darunter leidet auch die Qualität des Unterrichts.

Es gibt gerade Wichtigeres als Matheformeln.
Userin Meerblau, 16 Jahre

Wir Schüler halten uns an die Hygieneregeln – weil es sehr oft gesagt wird, aber auch weil es uns ein Anliegen ist. Aber dann gibt es auf den Toiletten nur Stoffhandtücher, die an Rollen hängen. Mehrere Hundert Schülerinnen benutzen dasselbe Handtuch, das kann nicht hygienisch sein. Ich weiß, dass Papierhandtücher nicht gerade umweltfreundlich sind, aber mir scheint das doch der bessere Weg, um das Infektionsrisiko klein zu halten. Außerdem ist auch unser Pausenhof so klein, dass wir die Sicherheitsabstände gar nicht einhalten können. Vielleicht wäre es besser, wenn wir nur noch einmal die Woche Präsenzunterricht hätten, dann würden sich nicht so viele Menschen auf so kleinem Raum begegnen. Userin Meerblau, 16 Jahre, geht in die 10. Klasse eines Bremer Gymnasiums.

Ein Hygienekonzept, an das sich keiner hält, ist sinnlos

Ich wohne auf dem Dorf, da ist Homeschooling eine echte Herausforderung. Videokonferenzen klingen dann so, als wenn man gerade durch ein Funkloch fährt. Zum Glück haben wir in unserem Dorf kurz vor der Corona-Krise einen Glasfaseranschluss bekommen. Bei vielen Mitschülern ist das noch anders. Doch selbst wenn das Internet steht, scheint es gar nicht so einfach zu sein, ein Thema für das Homeschooling gut aufzubereiten. Viele Lehrer wissen nicht so recht, wie sie mit den technischen Möglichkeiten umgehen sollen. In einigen Fächern haben wir immer nur neue Übungsaufgaben zu Themen bekommen, die wir schon behandelt hatten. Dabei sollten wir in den Homeschooling-Wochen eigentlich auch neue Inhalte lernen. In Deutsch und Werte und Normen habe ich wochenlang einfach gar keine Aufgaben bekommen. Deshalb habe ich mich gefreut, dass wir jetzt wieder alle zwei Tage Präsenzunterricht haben. Die ersten Stunden haben wir nur damit verbracht, offene Fragen zu klären, so viel ist im Homeoffice unklar geblieben. Jetzt ist es wichtig, dass unsere Schule bei der Präsentationstechnik nachrüstet, weil sonst der Frontalunterricht schnell langweilig wird. Und auch die Inhalte für das Homeschooling sollten die Lehrer jetzt nicht vernachlässigen, nur weil wir auch wieder Unterricht in der Schule haben.

Die ersten Stunden haben wir nur damit verbracht, offene Fragen zu klären, so viel ist im Homeoffice unklar geblieben.
User Elias, 17 Jahre

Eigentlich hat unsere Schule ein sehr gutes Hygienekonzept. Der Unterricht findet in Kleingruppen mit rund zwölf Schülern statt, die Pausen sind versetzt, sodass nicht alle gleichzeitig auf den Pausenhof kommen. Und man darf auch in den Pausen die eigene Lerngruppe nicht verlassen. Leider merke ich, dass sich meine Mitschüler immer weniger an die Regeln halten. Das Gebot im Gang einen Mundschutz zu tragen, wird oft ignoriert. Von 20 Schülern trägt hier vielleicht einer eine Maske. Und auch die Lehrkräfte setzen sich über die Vorgaben hinweg: Neulich hat uns ein Lehrer, obwohl es nur Frontalunterricht geben soll, zur Gruppenarbeit eingeteilt. Aber wenn man Gruppenarbeit macht, kann man keine eineinhalb Meter Abstand halten.

Ich fände es gut, wenn die Lehrkräfte gezielt auf die etwas schwächeren Schüler zugehen und sie ermutigen würden, an Sommercamps teilzunehmen. Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass so ein Angebot freiwillig bleibt, sodass kein zusätzlicher Druck für die Schüler entsteht. Bei so einem Camp könnten sich dann Schüler genau zu den Inhalten, bei denen sie Schwierigkeiten hatten, in Kleingruppen zusammensetzen. Ich habe beispielsweise dieses Jahr in Latein echte Probleme gehabt, wenn ich das Fach nicht sowieso abwählen würde, könnte ich mir gut vorstellen, das bei einem Sommercamp aufzufrischen. User Elias, 17 Jahre, besucht die 11. Klasse eines Gymnasiums in Lüneburg.