Blick in die Welt : Wie arbeiten Schulen, wo kaum jemand lebt?

Wenn in Deutschland von abgelegenen Regionen die Rede ist, dann ist die nächste Stadt höchstens 50 Kilometer entfernt, und zur nächsten Schule fährt meist ein Schulbus. Anderswo auf der Welt gelten solche Entfernungen als „gleich um die Ecke“. In manchen Regionen der Welt ist die nächste Schule manchmal Hunderte Kilometer entfernt, der Schulweg ist an einem Tag hin und zurück kaum zu schaffen. Wie können die Kinder dort trotzdem lernen? Das Schulportal stellt Schulmodelle in Australien, Kanada, Finnland, Südkorea und Mali vor.

Annette Kuhn / 17. Januar 2020
Kinder mit Rucksack in der Wüste
In vielen Regionen Afrikas müssen Kinder weite Strecken zur Schule zurücklegen. Manchmal gibt es auch keine Schule in erreichbarer Nähe. Doch inzwischen gibt es einige Schulmodelle, um Kinder in abgelegenen Regionen mit Bildung zu versorgen.
©Gideon Mendel/Corbis via Getty Images

Es gibt sie noch, die winzigen Dorfschulen im Nirgendwo Sibiriens oder auf einer kleinen Insel in Griechenland. Einige dieser Schulen besucht gerade mal eine Handvoll Kinder, manchmal sogar nur ein einziges Kind. Aufrechterhalten wird der Betrieb manchmal nur durch eine Lehrkraft, die vielleicht schon längst in Rente gegangen wäre, wenn es nicht diese eine Schülerin, diesen einen Schüler gäbe. Nach einem Zukunftsmodell klingt das nicht. Und darum haben sich viele Länder auf der Welt längst Alternativen dafür überlegt, wie Schulbildung in abgelegenen Regionen zum Kind kommen kann. Basis für diese Schulmodelle sind digitale Technologie, viel Flexibilität und kreative Ideen.

Australien

Fast drei Viertel der Fläche Australiens sind kaum besiedelt. Was machen Kinder dort, wenn sie ins Grundschulalter kommen? Gehen sie ins Internat oder fahren sie jeden Tag stundenlang über Land? Weder – noch. Bereits 1951 wurde in der Stadt Alice Springs im sogenannten Outback die erste „School of the Air“ gegründet, die Kinder in einem Gebiet von 1,3 Millionen Quadratkilometern versorgt – das entspricht fast der vierfachen Fläche Deutschlands. Heute sind mehr als 20 solcher Schulen über den ganzen Kontinent verteilt. Schülerinnen und Schüler der Grundschule und Sekundarstufe I bekommen von diesen Schulen aus Fernunterricht. Anfangs fand der Unterricht in Alice Springs mittels Kurzwellenfunk statt, die Unterrichtsmaterialien wurden mit Lastern über das Land zu den Kindern gebracht und ihre schriftlichen Hausaufgaben wieder eingesammelt. Heute haben die Schulen zunehmend auf Internettechnologien umgestellt. Das macht den Unterricht deutlich flexibler und unkomplizierter.

Etwa eine halbe bis eine Stunde am Tag geben die Lehrkräfte digitalen Gruppenunterricht, bei dem nicht mehr als zehn Kinder im Netz sind. Eine relativ kleine Gruppe, dennoch ist es wohl das größte Klassenzimmer der Welt, denn die Mitschülerinnen und Mitschüler leben bis zu 1.000 Kilometer voneinander entfernt. Der Unterricht fordert ein hohes Maß an Disziplin. Für diese Art des Fernunterrichts werden die angehenden Lehrkräfte speziell geschult.

Außerhalb der Unterrichtszeit absolvieren die Kinder eigenständig die ihnen gestellten Aufgaben und schicken die ausgefüllten Arbeitsblätter oder Arbeiten an die Lehrerinnen und Lehrer per E-Mail zurück. Vorgesehen sind etwa sechs Stunden für die Schule am Tag.

Das Schulmodell setzt viel Unterstützung durch die Familien oder die Nachbarschaft voraus. Bei der Bearbeitung der Materialien können sich die Kinder bei Nachfragen oft nur an die Eltern oder älteren Geschwister wenden. Es gibt allerdings in den „Schools of the Air“ auch für jedes Kind eine private Unterrichtszeit mit der Lehrkraft – meist allerdings nicht mehr als zehn Minuten. Einmal im Jahr besuchen die Lehrerinnen und Lehrer zudem die Schülerinnen und Schüler zu Hause. Um zu allen zu gelangen, sind einige Lehrkräfte das ganze Jahr über unterwegs. Die anderen unterrichten von der Schule aus, die man sich eher wie eine Schaltzentrale vorstellen kann.

Kontakt zu den Mitschülerinnen und Mitschülern haben die Kinder vor allem über soziale Netzwerke oder per E-Mail. Treffen können sich viele nur zu Beginn des Schuljahres, dann kommt die ganze Schulgemeinde zusammen.

Kanada

In Kanada ist es schon lange üblich, dass Kinder auch zu Hause lernen können, besonders in den dünn besiedelten Gegenden. So müssen Kinder nicht täglich lange Wege auf sich nehmen und die Provinzen werden entlastet, weil sie nicht in jeder Ortschaft Schulen betreiben. Beim „Home Learning“ gibt es viele Freiheiten. Selbst Familien, deren Kinder nicht weit weg von einer Schule leben, entscheiden sich für Home Learning oder Home Education, weil sie so das Lerntempo selbst bestimmen können. Nach dem Schulgesetz kann jeder Home Learning beantragen, dabei sind nur wenige Auflagen zu erfüllen. Am Ende eines Schuljahres müssen aber alle Schülerinnen und Schüler Prüfungen an einer öffentlichen Schule ablegen.

Im Zeitalter der digitalen Medien werden solche Schulmodelle immer weiter ausgebaut. In der Region Alberta zum Beispiel gibt es staatliche und private Online-Schulen. Voraussetzung für den Besuch ist ein Computer, aber den haben in Kanada ohnehin fast alle Kinder im Grundschulalter. Über das Internet sind die Kinder mit den Lehrkräften und mit den Mitschülerinnen und Mitschülern verbunden. Bei Problemen und Fragen können die Kinder zusätzlich zum E-Mail-Kontakt mit den Lehrerinnen und Lehrern telefonieren. Unterrichtsmaterial steht auf der Website der Schule zur Verfügung. Die Aufgaben lassen sich direkt online lösen. Ähnlich wie in den australischen „Schools of the Air“ ist der Erfolg dieser Schulmodelle stark von der Unterstützung der Familien abhängig, weil das System ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Eigenmotivation voraussetzt. Um den Kontakt zur Schule zu halten, haben sowohl Kinder als auch Eltern eigene Chatrooms.

Finnland

Die Nutzung moderner Internet-Technologie ist an Finnlands Schulen weit entwickelt. Im dünn besiedelten Norden ergeben sich dadurch viele Möglichkeiten, um hier alle Kinder mit Bildung zu versorgen. Im Norden Finnlands leben im Durchschnitt weniger als vier Einwohner auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Deutschland sind es im Schnitt 237 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Wege zur Schule sind oft viel zu weit, insbesondere im unwirtlichen Winter. Daher setzte Finnland bereits vor der Jahrtausendwende auf digitale Medien und E-Learning-Angebote, um alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Lehrkräfte und Schulleitungen werden für die Umsetzung solcher Schulmodelle schon seit vielen Jahren mit der Methodik des E-Learning vertraut gemacht. Medienerziehung ist Teil der Lehrkräfteausbildung und zum Teil auch der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern.

E-Learning fand zunächst vor allem in den Berufs- und Hochschulen statt. Zunehmend hält es auch Einzug in die neunjährige sogenannte Einheitsschule. Weniger als Home-Learning-Angebot, als vielmehr nach dem Modell Blended Learning als ergänzendes Unterrichtsangebot. Auch ist es den Schulen durch E-Learning möglich, miteinander zu kooperieren. So kann ein Fach in einer Schule unterrichtet und in eine andere dann per Live-Stream übertragen werden. Schülerinnen und Schüler haben durch solche Schulmodelle die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Unterrichtsangeboten zu wählen. Gerade kleine Schulen in abgelegenen Regionen können den Kindern auf diese Weise eine ähnlich große Vielfalt an Unterrichtsangeboten machen wie größere Schulen in Städten.

Südkorea

Die Geburtenrate in Südkorea ist eine der niedrigsten weltweit. Das hat vor allem Folgen für kleine Schulen in abgelegenen Regionen, weil es oft nicht genug Kinder gibt, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Schulen zu schließen, bedeutet allerdings oft unzumutbare Fahrwege. Der Landkreis Gangjin im Süden kam daher im vergangenen Jahr auf eine ungewöhnliche Idee: Er schickte erstmals acht ältere Frauen in eine Grundschule – nicht als Lehrerinnen, sondern als Schülerinnen. Nach einem Bericht der New York Times sind die Frauen zwischen Ende 50 und 80 Jahre alt. Eine fährt nun immer morgens zusammen mit ihren beiden Enkeln in die Schule, die nun auch ihre Mitschüler sind.

Die älteren Erstklässlerinnen haben vorher noch nie oder nur kurz eine Schule besucht und sind Analphabetinnen. Das ist für ländliche Regionen in Südkorea nicht ungewöhnlich, denn ärmere Familien haben früher meist nur ihren Söhnen eine Schulbildung ermöglicht. Von dem einzigartigen Modell profitieren aber nicht nur die Frauen, weil sie endlich Lesen und Schreiben lernen, sondern auch die Schule, weil sie so ihren Betrieb aufrechterhalten und weiterhin eine erste Klasse einrichten kann. Ein ungewöhnliches Projekt, das Kinder- und Erwachsenenbildung miteinander kombiniert und das eine Anregung für andere innovative Schulmodelle sein könnte.

Mali/Äthiopien

Eine Schule zu errichten, dauert Monate, nicht selten sogar Jahre. Nicht so in Mali, in Äthiopien und in vielen anderen Regionen Afrikas, in denen Nomaden leben. Hier steht die Schule innerhalb weniger Stunden, denn zu einer Schule gehört hier oft nicht viel: ein Zelt, ein Pult, manchmal ein paar Stühle. Transportiert werden die Materialien der sogenannten Nomadenschulen von Kamelen. Nomadenfamilien wechseln ihren Wohnort etwa zwei-, dreimal im Jahr – das ist vor allem davon abhängig, wie lange die Tiere in der Umgebung genug zu fressen finden. Wenn es Zeit zum Aufbruch wird, werden auch die Schulen wieder eingepackt und einige hundert Kilometer weiter wieder aufgebaut.

Früher blieben die Kinder der Nomadenfamilien meist Analphabeten, weil sie keine reguläre Schule besuchen konnten. Die mobilen Zeltschulen passen sich nun dem Leben der Nomaden an. Jeder Stamm hat im Idealfall eine Lehrkraft, die die Nomaden begleitet. Diese Schulmodelle setzen auf jahrgangsübergreifenden Unterricht, die Jüngsten sind im Kindergartenalter, die Ältesten fast volljährig. Und überdies ist das Zelt für alle Mitglieder der Nomadengemeinde ein beliebter Schattenspender. Mobile Schulen gibt es nicht nur in einigen Ländern Afrikas, sondern zum Beispiel auch in Indien oder der Mongolei. Es sind aber noch lange nicht alle Nomadenstämme mit solchen Schulen versorgt.

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