Dieser Artikel erschien am 12.12.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Swantje Unterberg

Unterrichtsbeginn : Schüler profitieren von späterer Anfangszeit

Schulen in Seattle haben den Unterrichts­beginn um 55 Minuten verschoben, damit die Jugendlichen länger schlafen können. Eine Studie bestätigt: Es klappt.

Schülerin schlaft
©dpa

Für die US-Stadt war es eine kleine Revolution: Seit gut zwei Jahren beginnt der Unterricht an allen 18 öffentlichen Highschools und an den meisten Middleschools in Seattle nicht mehr um zehn vor acht, sondern erst um viertel vor neun – mit verblüffendem Effekt.

Nicht nur die Eltern mussten von dieser Neuerung überzeugt werden. Auch der Fahrplan der Schulbusse wurde umgestellt. Und vom Sport­verein bis zur Musik­schule mussten sich Mitarbeiter auf neue Anfangs­zeiten am Nachmittag einstellen – all das in der Hoffnung, dass die Jugendlichen morgens fitter zum Unterricht erscheinen.

Die Veränderung haben sich ausgezahlt, die Schüler sind wacher. Das haben Wissen­schaftler der Universität Washington und des Salk Institute for Biological Studies an einer kleinen Gruppe Schüler heraus­gefunden. Ihre Ergebnisse haben sie im Wissen­schafts­journal „Science Advances“ veröffentlicht.

34 Minuten mehr Schlaf

„Die Studie zeigt eine signifikante Verbesserung der Schlaf­dauer von Schülern“, sagte Studien­autor Horacio de la Iglesia. Demnach schlafen die Teenager im Mittel deutlich länger, der Median erhöhte sich um 34 Minuten. Das heißt, dass die Hälfte der Schüler durch die Umstellung unter der Woche jede Nacht mindestens sieben Stunden und 24 Minuten schläft. Vor der Änderung lag der Median bei sechs Stunden und 50 Minuten pro Nacht.

Für die Studie verglichen die Wissenschaftler 14 Tage lang das Schlafverhalten von rund 90 Schülern von zwei Highschools vor und nach der Umstellung des Schul­beginns. Die Daten wurden mit Fitness-Armbändern erhoben, die die Studien­teil­nehmer am Hand­gelenk trugen. Sie erfassten alle 15 Sekunden die Aktivität der Probanden und die Licht­verhältnisse.

Demnach hat sich die Zubettgehzeit der meisten Schüler durch den späteren Schulbeginn nicht nach hinten verschoben. Das Klingeln des Weckers aber schon. Folglich bekamen sie mehr Schlaf.

Die innere Uhr von Jugendlichen tickt anders

„Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die innere Uhr von Jugendlichen grund­legend von denen von Erwachsenen und Kindern unter­scheidet“, erläuterte Co-Autor Gideon Dunster. Die veränderte Auf­steh­zeit entspreche eher dem Rhythmus von Teenagern.

Während die Einschlafzeit biologisch bestimmt werde, sei die Weckzeit sozial bedingt, sagt Dunster. Werden die Jugendlichen zu früh aus dem Schlaf gerissen, wirke sich das negativ auf ihre Gesundheit und ihr Wohl­befinden aus, sagte der Doktorand der Biologie. Auch ihre Auf­merksam­keits­spanne leide unter dem Schlaf­mangel.

Gänzlich gelöst wird das Problem des Schlafmangels bei Jugendlichen durch den späteren Schul­beginn in Seattle allerdings nicht. Wissen­schaftler empfehlen für die Alters­gruppe acht bis zehn Stunden Schlaf. Davon sind auch die Probanden aus dieser Studie noch entfernt.

Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x