Pilotprojekt : Schulen stärken Integration von zugewanderten Kindern

An vielen deutschen Schulen gehört es längst zum Alltag, dass Kinder verschiedener Nationalitäten gemeinsam lernen. Schulkonzepte, die diese Vielfalt produktiv machen, gibt es aber noch viel zu wenige. Ein Pilotprojekt, an dem 16 hessische Schulen teilnahmen, soll das ändern und dafür sorgen, dass die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Flucht- und Migrationserfahrung besser gelingt. Zu den Teilnehmern der Fortbildungsreihe „Willkommen, Ankommen, Weiterkommen“ der Deutschen Schulakademie gehörte auch die Offenbacher Eichendorff-Grundschule. Die stellvertretende Schulleiterin, Carolin Stimmler, erklärt, wie das Projekt ihre Schule verändert hat.

Regina Köhler / 07. März 2019
Das Elternkaffee ist ein niedrigschwelliges Kontaktangebot, wo u.a. auch Deutsch- und Computerkurse angeboten werden.
Das Elterncafé an der Grundschule Kleine Kielstraße ist ein niedrigschwelliges Kontaktangebot, wo unter anderem auch Deutsch- und Computerkurse angeboten werden.
©David Kahl

An der Eichendorff-Grundschule in Offenbach lernen Kinder aus 38 Nationen. Carolin Stimmler ist stell­vertretende Schul­leiterin der Schule und Klassen­lehrerin der 4e. „97 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler haben einen Migrations­hinter­grund“, sagt sie. Besonders viele Kinder kommen ihren Angaben zufolge aus Bulgarien, der Türkei und Rumänien. Deutsch zu lernen sei für alle das Wichtigste.

Hospitation an Preis­träger­schulen des Deutschen Schulpreises

Das hessische Bildungsministerium wählte die Eichendorff-Grundschule zusammen mit 15 weiteren Schulen verschiedener Schulformen für die Teil­nahme an dem Pilot­projekt Werkstatt „Willkommen, Ankommen, Weiterkommen“ aus, in dem es darum ging, Schul­konzepte zu entwickeln, um neu zugewanderte Kinder besser zu integrieren.

Die Deutsche Schulakademie hatte die Fortbildungsreihe in Kooperation mit der Hessischen Lehr­kräfte­akademie im Herbst 2017 gestartet. Das Pilotprojekt war ein Baustein der umfang­reichen hessischen Fort- und Weiter­bildungs­maß­nahmen im Bereich der Integration. Je drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer pro Schule durften an der Werk­statt teil­nehmen und konnten in diesem Rahmen auch vier Schulen kennen­lernen, die erfolg­reiche Konzepte für den Umgang mit Viel­falt entwickelt haben.

„Wir haben uns gefreut, dabei sein zu können“, sagt Stimmler. Zuerst hätten sie aller­dings das Kollegium um seine Zustimmung gebeten. Schließlich seien die Schul­leiterin, ein Kollege und sie im Verlauf des Projekts immer wieder für einige Tage unter­wegs gewesen – die anderen hätten das auf­fangen müssen. „Wir haben Schulen in ganz Deutschland besucht und viele gute Beispiele aus der Praxis kennen­gelernt“, sagt Stimmler.

Ziel unseres Projektes war es – ausgehend von der Integration neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler – die Schule als Ganzes weiter zu entwickeln.
Anke Wagner, Projektmanagerin der Deutschen Schulakademie

Anke Wagner von der Deutschen Schulakademie hat die Werkstatt zusammen mit Stefan Brömel und Raika Wiethe entwickelt. „Ziel unseres Projektes war es – ausgehend von der Integration neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler – die Schule als Ganzes weiter zu entwickeln“, sagt sie. Schwer­punkt des Projekts seien die Schulbesuche an Preis­träger­schulen des Deutschen Schulpreises gewesen. Vier der sechs Module hätten sich damit befasst (siehe Infokasten). „Für die Teilnehmer war es wie eine Lern­reise durch Deutschland.“ Jede der besuchten Schulen habe langjährige Erfahrungen mit zugewanderten Schülerinnen und Schülern und für ihre gute Arbeit den Deutschen Schulpreis bekommen.

Viele Kinder kommen aus sozial schwachen Familien

Die Eichendorff-Grundschule liegt in der Innenstadt von Offenbach. Grün gibt es hier kaum, dafür viele Cafés, Läden und Einkaufs­passagen. Der Migrations­hinter­grund ihrer Schülerinnen und Schüler sei nicht das Problem, sagt Stimmler, sondern die soziale Lage der Familien. Etliche der Kinder wohnen noch immer in einer Not­unter­kunft, weil ihre Eltern keine Wohnung finden. Andere leben mit ihrer Familie in einem Zimmer. Viele Eltern sind arbeits­los, sprechen nur unzureichend oder gar kein Deutsch und können ihre Kinder auch deshalb nicht so gut unter­stützen, wie es nötig wäre. „Fast alle Kinder kommen aber gern zu uns in die Schule – hier erleben sie Struktur, werden gefördert und anerkannt“, sagt Carolin Stimmler.

Zum Auftakt des Pilotprojekts „Werkstatt ,Willkommen, Ankommen, Weiter­kommen‘“ sollten die teil­nehmenden Schulen drängende Probleme thematisieren. „Für uns stand schnell fest, dass wir unsere Deutsch-Intensiv­kurse weiter­entwickeln wollen“, sagt Stimmler. „Wir wollten differenziertere Kurse anbieten, um jede Schülerin und jeden Schüler noch gezielter fördern zu können.“

Die Personal­aus­stattung ist für die Integration entscheidend

An der Eichendorffschule wird jedes neue Kind sofort in eine Regel­klasse aufgenommen, unabhängig davon, wie gut es Deutsch sprechen kann. Das habe sich bewährt, die Kinder würden sich von Anfang an dazu­gehörig fühlen, sagt Stimmler. Fünf bis sechs Stunden pro Woche nehmen sie allerdings an parallel laufenden Deutsch-Intensiv­kursen teil, wobei die Kurse nicht unbedingt nach Alter, sondern vor allem nach dem Sprach­niveau der Schülerinnen und Schüler zusammen­gesetzt sind. „Die Hospitationen an den anderen Schulen haben uns gezeigt, dass der Erfolg dieser Kurse stark von deren Personal­aus­stattung abhängt. Uns wurde klar, dass wir mehr als nur eine Kurs­leiterin brauchen“, sagt Stimmler.

Inzwischen sind zwei zusätzliche Kolleginnen eingestellt worden. Ausreichend Personal zu finden ist jedoch ein großes Problem für die Eichen­dorff­schule. Gegen­wärtig sind vier Lehrer­stellen unbesetzt. Der bundes­weite Lehrer­mangel führe dazu, dass Schulen wie ihre oft leer ausgehen, sagt Stimmler. „Wir sind eine Brenn­punkt­schule – die Arbeit hier stellt Lehr­kräfte vor große Heraus­forderungen. Unsere Kolleginnen und Kollegen unter­richten nicht nur, sie über­nehmen auch Aufgaben, denen die Eltern nicht gewachsen sind. Sie gehen mit den Kindern zum Arzt oder begleiten sie zu Vereinen, damit sie sich dort anmelden können.“

Die Teilnahme an dem Pilotprojekt hat der Eichendorff-Grundschule sehr geholfen. „Wir haben uns viel abgucken können von den Schulen, in denen es gut läuft“, sagt Carolin Stimmler. Aber auch der Austausch mit den Teilnehmer­schulen sei hilf­reich gewesen. Zu einigen haben sie noch immer Kontakt. „Wir besuchen uns gegen­seitig, helfen einander auch.“ Kolleginnen und Kollegen einer Berufs­schule hätten sie zum Beispiel bei der Erstellung der Homepage unterstützt.

Die Eltern sollen stärker einbezogen werden

Ein anderes großes Thema an der Eichendorff-Grund­schule ist die Eltern­arbeit. Es sei nicht leicht, die Eltern mit ins Boot zu holen, sagt Stimmler. „In ihren Heimat­ländern wie Bulgarien oder der Türkei haben Eltern mit der Schule nichts zu tun. Sie kennen es nicht, dass sie zu Gesprächen mit den Lehrerinnen und Lehrern eingeladen, zur Mit­arbeit aufgefordert werden.“ Nicht wenige seien zudem Analphabeten. „Wir haben vor einigen Jahren ein Eltern­café an der Schule eingerichtet, außer­dem gibt es Chor­auf­tritte, an denen alle Kinder teil­nehmen und zu denen dann auch die Eltern eingeladen werden“, sagt Stimmler.

Während des Pilotprojekts hätten sie gesehen, dass noch mehr möglich ist. So wurde die Werbung für das Eltern­café intensiviert, um mehr Eltern zu erreichen. Demnächst sollen sämtliche Informations­materialien für Eltern in mehreren Sprachen zusammen­gestellt werden. Außerdem will man die Eltern stärker an den Schul­festen und anderen schulischen Veranstaltungen beteiligen.

„Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Carolin Stimmler. Die Teilnahme an der Werkstatt, die im Januar 2019 abgeschlossen wurde, habe ihnen schließlich auch gezeigt, dass sie schon vieles richtig machen. „Das hat uns gutgetan und uns sehr motiviert.“

Hessen will Erfahrungen zur Integration aus der Werkstatt landes­weit nutzen

Das Kultusministerium in Hessen will nun das Pilotprojekt auswerten und Erfahrungen daraus für das landesweite Fort­bildungs­programm nutzen: „Das Projekt war spannend, und wir sind gerade dabei, zu über­legen, wie wir das flächendeckend nutzbar machen können“, sagte Hessens Kultus­minister Alexander Lorz (CDU) dem Schulportal. Die Erfahrungen aus dem Projekt sollen gezielt in das landes­weites Qualifizierungsprogramm eingebunden werden.

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Neue Ausschreibung

Nach der ersten erfolgreichen Durchführung, bietet die Hessische Lehrkräfteakademie erneut in Kooperation mit der Deutschen Schulakademie die Werkstatt für Schulen in Hessen an. Insgesamt 15 Schulen nehmen an der Fortbildungsreihe teil.

Bewerben können sich Schulteams noch bis zum 30. September 2019.

Alle Infos zum Bewerbungsverfahren finden Sie online.