Schulen in kritischer Lage : Gemeinsam mehr erreichen durch Netzwerkarbeit

Schulen brauchen Unterstützung, wenn es ihnen nicht gelingt, allen Schülerinnen und Schülern gutes Lernen zu ermöglichen. Doch wie können Schul­verwaltungen, Schul­aufsichten und Schul­leitungen zur Qualität der Bildungs­angebote vor Ort beitragen? In einem Entwicklungs­netz­werk arbeiten sieben Bundes­länder zusammen, um wirksame Maßnahmen für Schulen in kritischer Lage zu entwickeln. Das Schulportal hat mit den Mitgliedern über die Besonderheiten des Netz­werkes gesprochen und darüber, wie Projekte in den einzelnen Ländern davon profitieren.

Antje Tiefenthal / 06. Mai 2020
Imker bei der Arbeit
Zehn Schulen in einst kritischer Lage haben dank des Pilotprojekts „School Turnaround - Berliner Schulen starten durch“ Veränderungsprozesse anstoßen können. Zu den zehn Schulen gehört die Ernst-Reuter-Schule, die ein Bienen-Projekt ins Leben gerufen hat. 2015 haben die Schülerinnen und Schüler ihren ersten eigenen Honig geerntet.
©Tobias Bohm

Bessere Bildungschancen für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler: Das ist das Ziel der neuen Bund-Länder-Initiative „Schule macht stark“. Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt das „Entwicklungsnetzwerk zur Unterstützung für Schule in kritischer Lage“ bereits seit fünf Jahren. Das 2015 von der Robert Bosch Stiftung initiierte Projekt bringt Vertreterinnen und Vertreter aus sieben Bundes­ländern und aus verschiedenen Institutionen wie Schul­verwaltung, Schul­auf­sicht, Landes­instituten, Modell­projekten und Schulen an einen Tisch. Die Mitglieder tauschen ihre Erfahrungen aus und erproben gemeinsam Lösungs­ansätze, um Schulen zu helfen, die vor besonders großen sozialen Heraus­forderungen stehen und sie allein nicht bewältigen können.

Am Ende geht es uns allen darum, die Bildungs­chancen von Kindern aus sozial weniger privilegierten Eltern­häusern zu erhöhen.
Daniel Dettloff, Ministerium für Bildung und Kultur Saarland

Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen

„Am Ende geht es uns allen darum, die Bildungschancen von Kindern aus sozial weniger privilegierten Eltern­häusern zu erhöhen“, sagt Netz­werk­mitglied Daniel Dettloff, der beim saarländischen Ministerium für Bildung und Kultur zuständig ist für das Projekt „Schulen stark machen!“. Das Vorhaben richtet sich an besonders belastete Schulen im Saarland und soll ihnen helfen, unter anderem die fachlichen und sozialen Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler zu stärken. Im Entwicklungs­netz­werk hat Daniel Dettloff gelernt, „dass wir bei aller Unterschiedlichkeit in den Bundesländern mit ähnlichen Heraus­forderungen konfrontiert sind.“ Beispielsweise sei die Rolle der Schulaufsicht in Projekten mit Schulen in kritischer Lage in allen Bundesländern eine ganz wesentliche. „Manchmal ist es außerdem beruhigend zu sehen, dass auch andere Fehler machen und wir gemeinsam daraus lernen können“, ergänzt Daniel Dettloff.

Übersicht über beteiligte Länder und Projekte

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Gemeinsames Verständnis entwickeln

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt  Marion Malz vom Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport. Sie betreut ein vom Europäischen Sozialfonds finanziertes Netzwerk für Schulen mit Unter­stützungs­bedarf in Südthüringen. Sie schätzt am Entwicklungs­netz­werk, dass „alle an vergleichbaren Frage­stellungen arbeiten“. Welche Maßnahmen sind wirksam? Welche weniger? „Der intensive Austausch über Fragen wie diese hat dazu beigetragen, dass wir in unseren eigenen Projekten unnötige Schleifen und Stolper­steine vermeiden“, berichtet Marion Malz. Besonders hilf­reich sei außerdem gerade zu Beginn gewesen, im Team die Begrifflichkeiten zu klären. „Was ist eigentlich eine Schule in kritischer Lage? Die Diskussion um die Definition war enorm wichtig, um klarer zu werden und blinde Flecken aufzuzeigen“, sagt sie.

„Allerdings liefern die Netzwerktreffen nicht zwangs­läufig fertige Antworten auf gestellte Fragen, sondern werfen vielmehr umgekehrt neue Fragen auf“, ergänzt Daniel Dettloff. Dies sei der Anlass gewesen, um über bestimmte Themen noch einmal vertieft und aus einer anderen Perspektive nachzudenken. „Das Netzwerk hat uns beispiels­weise den Impuls gegeben, uns mit der Bedeutung von Daten in Schulentwicklungsprozessen ebenso wie in Steuerungs­bemühungen der Bildungs­administration auseinander­zusetzen. Auch die Frage danach, was denn ‚guten‘ Unterricht an heraus­fordernden Standorten auszeichnet, hat uns intensiver beschäftigt“, berichtet Daniel Dettloff.

Projekte der Bundesländer profitieren von der Netzwerkarbeit

Für Veronika Manitius vom nordrhein-westfälischen Landesinstitut für Schule ist genau das der zentrale Mehrwert des Entwicklungs­netz­werkes: „Wir tauschen uns nicht nur aus. Im Gegenteil: Wir kommen zusammen, um an konkreten inhaltlichen Frage­stellungen zu arbeiten.“ Sie ist überzeugt davon, dass sich das Netzwerk positiv auf die spezifischen Projekte in den einzelnen Bundesländern auswirkt. „Das geht sogar so weit, dass laufende Projekte noch mal angepasst werden. Man merkt zum Beispiel, dass die Unterstützung für die Schul­leitungen noch nicht ausreicht. Schließlich sind sie ein maßgeblicher Schlüssel­faktor für gute Schul­entwicklungs­arbeit. Dann kann man schauen, wie die anderen Länder damit umgehen und passende Maßnahmen vor dem Hinter­grund der eigenen Strukturen adaptieren“, erklärt Veronika Manitius, die von Beginn an zu den Mitgliedern des Netzwerkes zählt und zunächst vor allem am Projekt „Potenziale entwickeln – Schulen stärken“ in Nordrhein-Westfalen mitwirkte. Inzwischen ist dort mit dem Schulversuch „Talentschulen“ eine neue Initiative an den Start gegangen. „Das Entwicklungsnetzwerk treibt die Professionalisierung der Mitglieder weiter voran. Auch ich habe meine Expertise stärken können und das bei der Konzeption von Nachfolgeprojekten wie zum Beispiel den Talentschulen mit einfließen lassen können“, sagt Veronika Manitius.

Inspirationen aus London

Besonders inspirierend sei für sie die Lernreise nach London gewesen. Dort haben die Netz­werk­mitglieder die erfolg­reiche „London Challenge“ kennengelernt. Mit weitreichenden Maßnahmen schaffte es die britische Hauptstadt, einstige „Brennpunktschulen“ zum Erfolg zu führen. „Die internationalen Impulse haben auch meine Arbeit enorm bereichert“, sagt Julia Vaccaro, die das Förderprogramm „23+ Starke Schulen“ der Behörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg betreut. Daneben schätzt sie vor allem die vertrauens­volle Zusammenarbeit innerhalb des Entwicklungs­netz­werks: „Manchmal entsteht daraus ein neuer bilateraler Kontakt – wie zum Beispiel mit den Kolleginnen und Kollegen vom Berliner Bonus-Programm. Was mit einem Austausch zwischen zwei Netz­werk­mitgliedern begonnen hat, wird mit einem Treffen in einem größeren Arbeits­zusammenhang fortgesetzt“, sagt Julia Vaccaro und ergänzt: „Das ist etwas ganz anderes, als wenn man sich durch ein Organigramm klickt, zum Telefon­hörer greift und jemanden anruft, den man noch gar nicht kennt.“

Mehr zum Thema

Drei Fragen an Dagmar Wolf, Bereichsleiterin Bildung bei der Robert Bosch Stiftung:

Schulportal: Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere am Entwicklungsnetzwerk?
Dagmar Wolf:
Die außergewöhnliche Zusammensetzung der Mitglieder macht das Netzwerk in Deutschland einzigartig. Bundesland- und institutionsübergreifend voneinander lernen und gemeinsam Veränderung bewirken – unter diesem Motto arbeitet das Entwicklungsnetzwerk zur Unterstützung für Schule in kritischer Lage und das bereits seit vielen Jahren.

Was kennzeichnet die Arbeitsweise im Netzwerk?
Alle Mitglieder übernehmen Verantwortung für das gemeinsame Lernen. Sie bringen Herausforderungen und Lösungsansätze ein und erproben erarbeitete Interventionen im eigenen System.

Warum hat die Stiftung dieses Netzwerk initiiert?
Um Chancengleichheit zu gewährleisten, braucht es Schulen, die die Ausgangsbedingungen ihrer Schülerschaft ernst nehmen und diese zu bestmöglichen Lernerfolgen führt. Schulen in kritischer Lage stehen dabei vor besonderen Herausforderungen. Schulverwaltungen und Schulaufsichten unterstützen diese Schulen zielgerichtet. Wir stellten allerdings fest, dass kaum systematisiertes Wissen über wirksame Maßnahmen und Handlungsansätze existierte. Dies war unser Ausgangspunkt für die Gründung des Entwicklungsnetzwerkes.

Auf einen Blick

  • Mit der Bund-Länder-Initiative „Schule macht stark“ sollen Schulen in sozial schwierigen Lagen unterstützt werden, um mehr Bildungsgerechtigkeit und bestmögliche Lernchancen für deren Schülerinnen und Schüler zu schaffen.
  • Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Länder stellen für dieses Ziel zu gleichen Teilen insgesamt 125 Millionen Euro zur Verfügung.
  • Zu den geplanten Arbeitsschwerpunkten gehören die Schul- und Unterrichtsentwicklung, die Vernetzung der Schulen untereinander sowie mit ihrem sozialräumlichen Umfeld.
  • Das Bildungsministerium plant, bis Oktober 2020 die Schulen für die Initiative auszuwählen. Voraussichtlicher Start für die Umsetzung der Initiative ist der Schuljahresbeginn 2021/2022.
  • Mehr zur Initiative lesen Sie im Beitrag „Bund und Länder wollen „Brennpunkt­schulen“ stärken“.