Dieser Artikel erschien am 12.11.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Anna Günther

Schillingsfürst : Schule sucht Leitung – per Video

Die Direktorin der Edith-Stein-Realschule hört auf. Weil sich niemand für die Nachfolge beworben hat, versuchen es Lehrer, Eltern und Schüler mit einer ungewöhnlichen Kontakt­anzeige. Und der Plan geht auf.

Schüler der Edith-Stein-Realschule in Schillingsfürst suchen per Youtube Video einen neuen Schulleiter.
Schüler der Edith-Stein-Realschule in Schillingsfürst suchen per Youtube Video einen neuen Schulleiter.
©Youtube

Eine Minute und 55 Sekunden dauert das Video, eine Art Kontakt­anzeige samt fröhlicher Haus­besichtigung. Unter­malt von perlender Musik präsentieren die Mädchen und Buben der Edith-Stein-Real­schule im mittel­fränkischen Schillings­fürst sich und ihre Schule. Die Sonne scheint, die Kinder lächeln und demonstrieren das harmonische Miteinander, das an dieser Schule herrschen soll. „Unsere Schule ist idyllisch“, lesen Zuschauer auf Zetteln, im Hinter­grund üppiges Grün. „Aber niemand kocht sein eigenes Süppchen“, natürlich in der Schulküche inszeniert. Fast 6500 Mal ist das Youtube-Video der Real­schule aufgerufen worden, inner­halb von vier Wochen.

Damit dürfte sich der größte Wunsch der Schüler und Lehrer in Schillings­fürst quasi im Vorbei­gehen erfüllt haben: Die Schule sollte bekannter werden in der Region, heißt es dazu. Bekanntheit ist eine Währung im Schul­system, an den Anmelde­zahlen der Kinder hängt die Finanzierung und damit die Zukunft einer Schule. Doch das primäre Ziel des Videos, der zweit­größte Wunsch ist ein anderer: Die Schüler suchen einen neuen Schul­leiter oder eine Schul­leiterin. Die amtierende Chefin hört auf. Der Schul­träger, die Erzdiözese Bamberg, schrieb die Direktoren­stelle zunächst intern aus. Niemand bewarb sich.

Smartboard
Sehr professionell und mit vielen pfiffigen Ideen wirbt das knapp zwei Minuten lange Video der Edith-Stein-Realschule dafür, dass der leere Tisch der Schulleitung bald wieder besetzt ist.
©Youtube

Als die Stellenausschreibung ins Leere lief, herrschte Krisen­stimmung. Denn mit 184 Schülern und 20 Lehrern ist es an der Real­schule kuschlig, aber als die Anmelde­zahlen für die fünfte Klasse im Frühjahr sehr niedrig aus­fielen, entstand Unruhe. Eltern und Lehrer machten sich Sorgen um die Zukunft der Schule, sagt Harry Luck, Sprecher des Erzbistums. Die Situation im 3000-Einwohner-Städtchen zwischen Rothenburg ob der Tauber und Ansbach nennt er „besonders“ – und meint schwierig: Die Real­schule hat einen katholischen Träger im evangelischen Mittel­franken. Zudem gebe es in der Region einige Real­schulen, die um Kinder buhlen. Und die nächste Groß­stadt, Nürnberg, in der sich vielleicht mehr Schul­leiter-Anwärter fänden, ist eine Stunde Auto­fahrt entfernt.

Aber statt sich der Larmoyanz hinzugeben, entwarfen Eltern, Lehrer und Vertreter des Ordinariats einen Plan. Ein lustiges Video sollte Aufmerk­samkeit bringen. Ein Frosch­könig, der zum Schul­leiter geküsst wird, war aber doch zu eigen­artig, erzählt Andrea Gabler, 60. Also lieber die Kontakt­anzeige der Schüler. Seit 23 Jahren unterrichtet Gabler Deutsch, Geschichte und Biologie an der Edith-Stein-Real­schule, wer mit ihr über die Schule spricht, hört Pathos in jedem Satz: „Ich liebe diese Schule und ich tue alles, um ihr zu helfen.“ Sie animierte ihre Schüler, bei den Dreh­arbeiten mitzuwirken. Bernd Tittmann, der stell­vertretende Schul­leiter, kümmerte sich um den Daten­schutz und organisierte den Stunden­plan so, dass Mädchen und Buben aller Jahr­gänge mitmachen konnten. Kamera und Schnitt über­nahm die Social-Media-Redaktion des erzbischöflichen Ordinariats. Der Rest ist Youtube-Alltag.

Der besondere Geist der Schule sollte im Video rüberkommen, sagt Gabler und schwärmt von Zusammen­halt, Freiheit und Raum für Spontanität im Unterricht sowie einem pädagogischen Konzept, das ermögliche, auf jedes Kind einzugehen. „Uns entgeht nicht, wenn ein Schüler traurig ist“, sagt sie. Die Real­schule setzt Elemente des Marchtaler Plans um, der vor 35 Jahren in Stuttgart erfunden und 1988 an der ersten bayerischen Volks­schule eingeführt wurde. An Grund- und Mittel­schulen lernen Kinder ohne Fächer­grenzen. Die Real­schule hält zwar am Fach­unterricht fest, hat aber Elemente wie den montäglichen Morgen­kreis und freie Still­arbeit zu Tages­beginn über­nommen.

Den Fokus aufs einzelne Kind schätzen viele Eltern an kirchlichen Schulen, aber nicht überall ist der Andrang so groß wie in Ballungs­räumen, in denen es oft Warte­listen gibt. In der Provinz kämpfen alle mit dem demo­grafischen Wandel. Der Youtube-Plan geht auf: Die Frist läuft noch bis Freitag, aber einige Bewerbungen für den Direktoren-Job sind schon eingegangen.