Schulentwicklung : Schule nach Corona: Was wird bleiben vom Innovationsschub?

Wie wirken sich fast zwei Jahre Corona-Pandemie auf die Schulentwicklung aus? Viele Veränderungen gerade im Bereich Digitalisierung wurden angestoßen, doch die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers Spezial zeigen, dass eine nachhaltige Wirkung kein Selbstläufer ist. Knapp die Hälfte der Lehrkräfte gibt an, dass an ihrer Schule keine Entwicklungsprioritäten verabredet worden seien. Und 46 Prozent der Lehrkräfte glauben, dass ihre Schulen nach der Pandemie wieder zu alten Routinen zurückkehren werden.

Florentine Anders 14. Dezember 2021 Aktualisiert am 16. Dezember 2021
Lehrer und Schülerin sitzen mit Maske nebeneinander im Klassenraum und schauen sich an
30 Prozent der Lehrkräfte gaben außerdem am Schuljahresbeginn an, ihre Schule habe in der Pandemie ein Konzept entwickelt, um Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten besser zu unterstützen.
©Marijan Murat/dpa

Ein Zurück zu alten Mustern nach der Pandemie ist für viele Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und Eltern nicht vorstellbar. Durch die Notlage und die Schulschließungen hat es an vielen Schulen einen enormen Innovationsschub gegeben, vor allem im Bereich des digital gestützten Lernens. Das zeigt das Deutsche Schulbarometer Spezial, eine repräsentative Umfrage unter Lehrerinnen und Lehrern im Auftrag der Robert Bosch Stiftung. So gaben im September 2021 86 Prozent der Lehrkräfte an, dass an ihrer Schule „einige Dinge im Hinblick auf digitale Lernformate oder die digitale Kommunikation umgesetzt wurden, die ohne die Schulschließungen nicht möglich gewesen wären.“ Viele Lehrkräfte haben Neues ausprobiert, um ihre Schülerinnen und Schüler trotz der Schulschließungen weiter zu unterrichten. Die neuen Lernformate, digitalen Kompetenzen und Feedback-Instrumente könnten auch nach der Pandemie eine längst überfällige Entwicklung beschleunigen.

Doch ob diese Einzelerfahrungen der Lehrkräfte wirklich nachhaltig wirken, hängt davon ab, wie die Schulen diese gemeinsam auswerten und daraus abgestimmte Konzepte entwickeln. Ist das nicht der Fall, könnten Schulen nach der Pandemie auch schnell wieder zu alten Mustern zurückkehren. Immerhin ist fast jede zweite Lehrkraft (46 Prozent) überzeugt, dass es an ihrer Schule genau so kommen wird.

Das Schulportal hat deshalb das Schulbarometer noch einmal nach den Kriterien ausgewertet, die auf eine nachhaltige Schulentwicklung hinweisen könnten. Die Ergebnisse sind widersprüchlich, denn einerseits deuten sie darauf hin, dass viele Schulen einen starken Innovationsschub erleben, aber andererseits wird aus ihnen auch ersichtlich, dass mindestens genauso viele Schulen drohen, bei dieser Entwicklung abgehängt zu werden.

Gemeinsame Entwicklungsprioritäten festlegen

In Bezug auf Veränderungen an der gesamten Schule durch die Pandemie gaben 24 Prozent der Lehrkräfte an, dass sie als Kollegium nun stärker als vorher an einem Strang ziehen. Aber jede vierte Lehrkraft meinte, dass die Pädagoginnen und Pädagogen an ihrer Schule nicht in wichtige Entscheidungen miteinbezogen wurden. Und 45 Prozent der Befragten sagten, dass an ihrer Schule keine gemeinsamen Entwicklungsprioritäten erarbeitet wurden. Am wenigsten setzten den Befragten zufolge Gymnasien auf eine gemeinsame Agenda. Hier stimmten nur 36 Prozent der Lehrkräfte der Aussage zu, dass gemeinsame Prioritäten für die Schulentwicklung formuliert wurden. An anderen weiterführenden Schulen waren es 44 Prozent und an Grundschulen 48 Prozent.

Zu diesem Befund passt, dass es kaum abgestimmte Konzepte für den Fern- und Hybridunterricht gibt. Die Qualität hängt hier stark vom Engagement der einzelnen Lehrkraft ab. Lediglich dafür, wie und wie oft Lehrkräfte während der Schulschließungen Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern aufnehmen sollten, gab es im September 2021 an den meisten Schulen verbindliche Richtlinien (65 Prozent). Gemeinsame Verabredungen, die die Qualität des Distanzunterrichts betreffen, gab es dagegen seltener. Dabei sind es gerade diese Konzepte, die den Unterricht auch über die Pandemie hinaus verbessern könnten.

So gaben beispielsweise 22 Prozent der Lehrkräfte an, dass die Schule ein Konzept entwickelt hat, welches die Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt, ihre eigenen Lernziele zu planen. Im Vergleich zur Befragung im Dezember 2020 gab es da keine Steigerung. 30 Prozent der Lehrkräfte gaben außerdem am Schuljahresbeginn an, ihre Schule habe in der Pandemie ein Konzept entwickelt, um Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten besser zu unterstützen. Im Dezember 2020 waren es 23 Prozent.

Weiterentwicklung des Lernens bleibt in der Krise oft auf der Strecke

„In der Krise hat sich gezeigt: Wenn eine Schule bereits ein etabliertes Konzept zum selbstständigen Lernen, zur Lernstandsdiagnostik und zur individuellen Förderung hatte, lässt sich das auch relativ einfach in den digitalen Raum transformieren“, sagt Nina Jude, Bildungsforscherin der Universität Heidelberg. Genau da habe sich aber 2021 im Vergleich zum Vorjahr nicht sehr viel getan.

Unsere Erfahrungen zeigen: Wenn sich Konzepte auf das Lernen fokussieren und auf die Professionalisierung des Kollegiums, dann wirkt das auch nachhaltig
Nina Jude, Bildungsforscherin der Universität Heidelberg

68 Prozent der Lehrkräfte verzeichneten laut Schulbarometer einen deutlichen Anstieg von Motivationsproblemen bei den Schülerinnen und Schülern durch die Pandemie.

Aspekte, die sich positiv auf die Lernmotivation auswirken, sind individuelle Förderung und individuelles Feedback zum Lernfortschritt. An dieser Stelle können digitale Lösungen sinnvoll ansetzen. Hieran sollten die Schulen nun arbeiten und dabei das gesamte Kollegium einbeziehen”, sagt Jude Offenbar seien viele Schulen bisher hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, überhaupt mit der Situation der Schulschließungen umzugehen und für eine digitale Ausstattung zu sorgen. Die Weiterentwicklung der Qualität des Lernens mit dem Fokus auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler sei da oft auf der Strecke geblieben, zumindest auf der gemeinsamen Schulebene.

Das Schulbarometer zeige, dass sich sehr viel bewegt hat an Schulen, vor allem dort, wo die Lehrkräfte niedrigschwellig Zugang hatten, beispielsweise beim Einsatz digitaler Tools. Das sei die gute Botschaft. Die Frage sei nun, wie nachhaltig das auf die Qualität des Unterrichts wirkt.

„Unsere Erfahrungen zeigen: Wenn sich Konzepte auf das Lernen fokussieren und auf die Professionalisierung des Kollegiums, dann wirkt das auch nachhaltig“, sagt Jude. Sie verweist dabei auf die S-CLEVER-Studie, an der die Bildungsforscherin selbst beteiligt ist. Die Studie ist die erste trinationale Studie, die den Umgang der Schulen mit der Pandemie über einen längeren Zeitraum untersucht. Befragt werden Schulleiterinnen und Schulleiter in Deutschland, in Österreich und in fünf Kantonen der Deutschschweiz. Ziel ist es herauszufinden, welche langfristigen Lösungsansätze es dafür gibt.

Nach der ersten Befragung im Herbst 2020 zeigte sich in allen drei Ländern, dass die Schulleiterinnen und Schulleiter eine große Herausforderung darin sahen, die Motivation während der Schulschließungen aufrechtzuerhalten und benachteiligte Schülerinnen und Schüler im Blick zu haben.

Schulen, die vorher schon Konzepte zur individuellen Unterstützung von sozial benachteiligten Kindern entwickelt hatten, konnten einfacher agieren, weil sie auf diese Erfahrungen aufbauen konnten. Als Entwicklungsziel wurde von den Schulleitungen häufig die Unterrichtsreflexion genannt, die in der Krise offenbar zu kurz kam. Ob dies in Konzepte mündete, wird die Auswertung der Folgebefragungen zeigen, die voraussichtlich im Frühjahr veröffentlicht werden sollen

Auf einen Blick

  • Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa für das Deutsche Schulbarometer vom 23. bis 30. September 2021 eine Umfrage unter 1.001 Lehrerinnen und Lehrern an allgemeinbildenden Schulen durchgeführt.
  • Es ist die dritte Umfrage während der Corona-Pandemie. Das erste Schulbarometer Spezial erschien im April 2020.Die zweite Befragung fand im Dezember 2020 unmittelbar vor dem zweiten Lockdown statt.
  • In Bezug auf die Schulentwicklung sagten 43 Prozent der Lehrkräfte „An unserer Schule haben wir gemeinsame Entwicklungsprioritäten erarbeitet“.
  • 24 Prozent der Befragten gaben an, dass das Kollegium jetzt eher an einem Strang zieht