Dieser Artikel erschien am 22.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Larissa Holzki

Schule : Handy­pflicht ist keine kluge Digitalisierungs­strategie

Niedersachsen will nicht mit digitalem Unterricht warten, bis der Bund die Schüler mit Lap­tops aus­stattet. Sie sollen ihre Smart­phones nutzen. Das ist günstig, pragmatisch und ziemlich problematisch.

Schüler arbeiten und spielen mit dem Smartphone
97 Prozent der zwölf bis 19-Jährigen besitzen ein Smartphone, hat die Jugend-Internet-Medien-Studie gezeigt. Niedersachsen will sich das zunutze machen.
©dpa

Der Vorstoß klingt bahn­brechend: Weil das im Koalitions­vertrag versprochene Geld für digitale Bildung auf sich warten lässt, will das Land Nieder­sachsen die privaten Smart­phones und Tablets der Schüler an weiter­führenden Schulen im Unter­richt nutzen; schließlich sind 97 Prozent der Jugendlichen bereits mit den Geräten versorgt. Das aber ist nicht clever, es verschlimmert sowieso schon vorhandene Probleme.

Die soziale Ungleichheit wird verstärkt, wenn die nord­deutschen Schüler nun bis 2021 zum Handy­gebrauch im Unter­richt verpflichtet werden. Einer packt in Mathe dann das iPhone aus, eine andere das Discounter­modell. Lehrer, die nicht alle Betriebs­systeme kennen, werden bei technischen Fragen nicht gleicher­maßen unter­stützen, geschweige denn ihre Leistungen gerecht bewerten können. Wer seine Aufgaben schneller löst, wird davon abhängen, wie zügig das Gerät etwa Daten visualisiert.

Zwar will das Land Kinder aus finanz­schwachen Familien unter­stützen, das aber wirft neue Fragen auf, die nicht so einfach und unbürokratisch zu lösen sind, wie es das nieder­sächsichsche Wirtschafts­ministerium in seinem „Master­plan Digitalisierung“ darstellt. Es muss geklärt werden, wer wann wie unter­stützt wird, welche Geräte die Mindest­standards erfüllen und ob etwa ein Smart­phone-TÜV alle Geräte auf ihre Tauglich­keit für die Nutzung im Unter­richt prüfen muss. Bei der­artigen Kontrollen besteht die Gefahr, dass Kinder stigmatisiert werden, wenn ihre Geräte nicht genügen.

Auch gibt der „Masterplan“ Anlass, sich Sorgen um den Daten­schutz zu machen. Während der Lehrer nach Programmier­fehlern sucht, könnte er auch private Nachrichten lesen. Zudem teilen sich viele Familien auch ein Tablet. Das wird zur heiklen Angelegen­heit, wenn die darauf abgespeicherte Steuer­erklärung im Klassen­zimmer vergessen wird.

Nicht jeder, der es sich leisten kann, will auch, dass sein 13-jähriges Kind ein eigenes Tablet oder Smart­phone besitzt. Eltern müssen selbst entscheiden dürfen, wann ihr Sohn oder ihre Tochter reif genug ist, sich ohne Aufsicht im Internet zu bewegen, zumal sie es sind, die möglicher­weise juristisch zur Verantwortung gezogen werden, wenn das Kind im Unter­richt ein Filmchen macht und das ins Netz stellt. Und während sie heute einfach sagen können: Wenn du auf dein Smart­phone nicht aufpassen kannst, musst du das nächste Display selbst zahlen, müssen sie solche Erziehungs­methoden künftig wohl erst mal mit dem Klassen­lehrer aushandeln. Die Handy­besitz­pflicht bedeutet deshalb auch einen massiven Eingriff in Erziehungs­fragen, der abzu­lehnen ist.

Vor allem aber wird der Plan der nieder­sächsischen Landes­regierung den Kindern keine Ruhe lassen. Schon Erwachsene scheitern daran, Arbeit und Freizeit zu trennen – daran sind auch beruflich und privat genutzte Handys schuld. Die Schüler in Nieder­sachsen werden im Unter­richt private Nachrichten lesen und abends am Handy Vokabeln lernen. Und Eltern werden kaum noch maßregeln können, wie lang ihr Kind am Tag das Handy oder den Computer benutzt, wenn es nur damit den Schul­stoff wiederholen kann. Das nieder­sächsische Vorhaben fördert die Smart­phone-Abhängig­keit, nicht die digitale Selbständig­keit.