Schulbegleitung : Wirksame Hilfe für inklusives Lernen – mit Grenzen

An den Schulen in Deutschland arbeiten zunehmend Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter. Sie helfen Kindern mit besonderem Förderbedarf dabei, erfolgreich am Unterricht teilzunehmen. Eine gute Schulbegleitung eröffnet Chancen für eine effektive Inklusionsarbeit an Schulen. Die Qualifikationen von Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern sind derzeit aber kaum definiert. Und Schulen sind gefordert, die Schulbegleitungen mit ihren vielfältigen fachlichen Hintergründen in multiprofessionelle Teams zu integrieren.

Fabian Schindler / 05. April 2019
Schulbegleitung
Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter sind vielfach fester Bestandteil inklusiven Unterrichts. Die individuelle Betreuung von Kindern mit Sonderförderbedarfen kann helfen, Lehrerinnen und Lehrer wirksam bei ihrer schulischen Arbeit zu unterstützen. Eine Schulbetreuung kann aber nur in einem begrenzten Rahmen unterstützend wirken.
©Fabian Schindler

Lukas* sitzt am Tisch in der Lernwerkstatt. Rund ein Dutzend Mitschülerinnen und Mitschüler sind mit im Raum. Lukas ist gut gelaunt, lebhaft im Geografieunterricht dabei – ein engagierter, wissbegieriger Schüler. Auf den ersten Blick, auf Fremde wirkt Lukas gut integriert und überaus sympathisch. Doch die gute Stimmung, die Lukas ausstrahlt, kann unvermittelt kippen und in einer vollständigen Verweigerungshaltung enden. Er sei dann, wie es ein Lehrer beschreibt, von den Lehrkräften nicht wieder einzufangen, ziehe „knallhart sein eigenes Ding“ durch.

Bei dem 13-Jährigen, der die Martinschule in Greifswald besucht, ist vor etwa vier Jahren eine emotional-soziale Entwicklungsstörung sowie eine körperlich-motorische Einschränkung diagnostiziert worden. Seit zwei Jahren wird er daher von Nina Ullrich intensiv begleitet. Die 22-Jährige steht als Schulbegleiterin, die vom Jugendamt der Stadt Greifswald über die Johanna-Odebrecht-Stiftung zugeteilt ist, dem Jungen zur Seite. Sie steht in engem Kontakt zu seinen Eltern und sorgt unter anderem dafür, dass Lukas mit seinen emotionalen Schwankungen im Schulalltag zurechtkommt und somit erfolgreich am Unterricht teilnehmen kann.

Die Verweigerungshaltungen kommen unvermittelt

Die emotionalen Umbrüche kämen oft ohne vorherige Signale, berichtet Ullrich. Es könne eine von Außenstehenden als „Kleinigkeit“ angesehene Sache sein, die aus dem wissbegierigen Jungen einen motivationslosen oder sich verweigernden Schüler macht. „Ich versuche ihn dann emotional aufzufangen, schaue, wie ich die Situation für ihn angenehm gestalten kann, sodass er sich wieder in den Schulalltag integriert“, sagt die Schulbegleiterin.

Fast täglich habe sie mit solchen Momenten zu tun, berichtet sie. Manchmal, wenn die Motivation des Schülers nachlässt, gelingt es Lukas, sich mithilfe der Lernbegleiterin auf die Lerninhalte zu konzentrieren. Andere Male, wenn er sich extrem verweigert, muss sie raus mit ihm aus dem Klassenraum. Draußen müsse er sich dann „auspowern“. Manchmal renne der Junge unvermittelt raus, gehe scheinbar ziellos in der Schule herum. Die 22-Jährige muss ihn dann mental wieder einfangen, durch besondere Zuwendung zunächst beruhigen, um dann im Einzelgespräch herauszufinden, was die Ursache für die Verhaltensauffälligkeit gewesen ist – ob es eine Äußerung oder ein anderer Reiz war. Dabei hilft ihr, dass sie über Monate hinweg geschafft hat, eine intensive Beziehung zu ihm aufzubauen. Lukas vertraut ihr, ist daher bereit, sich ihr zu öffnen.

Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter wie Nina Ullrich sind aus dem Schulalltag an vielen Schulen in Deutschland nicht mehr wegzudenken. Sie gelten als wichtige Unterstützung, wenn es darum geht, multiprofessionelle Teams an inklusiven Schulen aufzubauen. Viel wird von ihnen erwartet – von den förderbedürftigen Kindern, von deren Eltern, vom Jugendamt und von der Schule. Ullrich, die nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert hat und als Schulbegleiterin einmal im Jahr auf einer Klausurtagung fortgebildet wird, ist sich dessen bewusst – dennoch stellt sie sich der herausfordernden Aufgabe täglich aufs Neue.

Das Kollegium schätzt die Hilfe für den Schulalltag

Die Martinschule in Greifswald schätzt Ullrichs Engagement. Christine Mangel vom Gesamtschulleitungsteam sagt, sie freue sich über die Unterstützung, die die Schulbegleitung den Kindern und dem Kollegium biete. Ohne diese Unterstützung würden die Lernerfolge nicht in dem gleichen Maße möglich sein, weil Lehrkräfte sonst abseits des pädagogischen Auftrags zusätzliche Energie für eine Einzelbetreuung von Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf aufwenden müssten.

Was sich Schulführungskräfte wie Christine Mangel wünschen, ist eine ausreichende Ausstattung der Schulen mit hoch qualifizierten Sonderpädagogen – zusätzlich zur Schulbegleitung. Da es jedoch an Fachkräften für Sonderpädagogik mangelt, wird die Schulbegleitung oft mit hohen Erwartungen konfrontiert, die über das hinausgehen, was sie eigentlich leisten soll und kann. Die Folge: Entgegen den bestehenden eigentlichen Vorgaben sind viele Schulbegleitungen laut dem Sonderpädagogen Wolfgang Dworschak von der Universität München gezwungenermaßen oder freiwillig pädagogisch-unterrichtlich tätig.

Schulbegleitung kann und soll Sonderpädagogik nicht ersetzen

Der Gesetzgeber erlaubt diese Art pädagogische Tätigkeit eigentlich nicht – eine Schulbegleitung dürfe nur assistierend erfolgen. So weit die Theorie. Doch im Schulalltag sind die Lehrkräfte auf die Unterstützung von Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern angewiesen, damit ein effektiver und individualisierter Unterricht gestaltet werden kann. In der Schulpraxis werden die Grenzen des gesetzlich Erlaubten dadurch fließend. Dies auch, weil die Vorgaben der Bundesregierung unklar gehalten sind. So heißt es etwa im „Wegweiser für Eltern zum Gemeinsamen Unterricht“ des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen: „Grundsätzlich trägt der Lehrer oder die Lehrerin die Verantwortung für die Wissensvermittlung. Aber auch die Integrationshelferin oder der Integrationshelfer können pädagogische Aufgaben unter Anleitung und Vorbereitung des Lehrers wahrnehmen. Pädagogische und pflegerische Aufgaben sind häufig nicht klar voneinander zu trennen.“

Problematisch ist, dass nicht ausreichend geklärt ist, welche Rolle der Schulbegleiter im Hinblick auf die Umsetzung einer inklusiven Schule erfüllen soll.
Wolfgang Dworschak

Die Schulbegleitung befindet sich also in einer schwierigen Lage: Einerseits soll sie Schulen dabei helfen, inklusive Aufgaben durch individuelle Betreuungen in Zeiten eines Mangels an sonderpädagogischem Personal zu erfüllen – andererseits soll sie die Sonderpädagogik aber nicht ersetzen. Letzteres sollte sie auch nicht, angesichts fehlender Fachkompetenzen. Dennoch wird ihr das in einigen Bundesländern, wie etwa Schleswig-Holstein, aufgebürdet. Das kann in der Praxis dazu führen, dass angesichts des massiven Mangels an Fachkräften für Sonderpädagogik Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter in die Aufgabenbereiche der Sonderpädagogik gedrängt werden. Und weil der „vergleichsweise jungen Maßnahme“ laut Dworschak vielfach kein definiertes Konzept zugrunde liegt, sei auch nicht ausreichend geklärt, „welche Rolle der Schulbegleiter im Hinblick auf die Umsetzung einer inklusiven Schule erfüllen soll“. Offen sei zudem, welche Qualifikationen für die Profession der Schulbegleitung überhaupt erforderlich sind.

Diese Einschätzung teilen weitere Bildungsforscher wie Jürgen Budde, Anika Lübeck oder Ann-Kathrin Arndt. Die von der Forschung genannten Zahlen zu den Qualifikationen schwanken zumindest deutlich. Während einige Studien davon ausgehen, dass mehr als 50 Prozent der Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter eine pädagogische Ausbildung haben, liegt dieser Wert bei anderen Studien bei nur etwa 43 Prozent. Michael Wrase, Experte für Sozial- und Bildungsrecht an der Universität Hildesheim, konstatiert gar, dass Schulbegleitungen in der Regel „über nur eine geringe oder gar keine (sozial-)pädagogische Qualifikation“ verfügten. Neben fehlenden Qualifikationsstandards und einem professionstheoretisch ungeklärten Status sehen Lübeck und Arndt auch vielfach ungeklärte Zuständigkeiten der verschiedenen beteiligten Träger. Dies könne zu Unsicherheiten und zu deutlich unterschiedlicher Betreuungsqualität führen.

Die Einarbeitung kann individuell stark variieren

Christine Mangel kennt die komplexe Sachlage nur zu gut. Insbesondere die fehlenden Qualifikationsstandards könnten ein Problem für die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern darstellen, sagt sie. Schulbegleiterinnen und -begleiter brächten in der Tat sehr unterschiedliche Qualifikationen mit, diverse berufliche Hintergründe. Eine Schule müsse daher zunächst herausfinden, welche Fähigkeiten die Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter individuell besitzen. „Das kann bedeuten, dass die eine oder andere Person zunächst stärker an die Hand genommen werden muss“, sagt sie. Das koste Zeit. Der Einstieg einer sonderpädagogischen Kraft, eines Fachlehrers oder einer Fachlehrerin in eine Schule sei im Vergleich dazu einfacher, deren Fähigkeiten seien bekannt.

Nina Ullrich, die später Sonderpädagogin werden möchte, sieht in dem enormen Praxisbezug der Schulbegleitung trotz aller Kritik eine Stärke, die im schulischen Alltag eine sehr persönliche und intensive Art von Unterstützung für Kinder ermöglicht. Schulbegleiterinnen und -begleiter lernten, Kinder anders zu verstehen, denn der Kontakt ende nicht an der Schulpforte. Das besondere Wissen über den familiären Hintergrund, der Austausch mit den Eltern, die starke Bindung zwischen Lukas und ihr, das alles helfe, seine Wünsche, Neigungen, Widerstände und Ängste zu erkennen und einzuschätzen. Sie glaubt, dieses Wissen werde ihr später als Sonderpädagogin weiterhelfen.

Christine Mangel schätzt ebenfalls all diese Qualitäten. Das Zwischenmenschliche, das „Lesen“ des Gegenübers sei etwas, das sich nur im Alltag explorieren und vertiefen lasse. Es könne daher durchaus sinnvoll sein, wenn etwa Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen während des Studiums künftig noch viel stärker in die Praxis mit einbezogen würden. Das sei sicher ein Gewinn und könne die Zusammenarbeit im Team stärken. Vorausgesetzt, dem Mangel an sonderpädagogischen Fachkräften wird entgegengewirkt.

* Name von der Redaktion geändert

Auf einen Blick

Schulbegleitung als schulische Unterstützungsmaßnahme

  • Die Schulbegleitung soll als Einzelfallhilfe dazu beitragen, dass Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarfen den Schulalltag besser und möglichst selbstständig bewältigen können.
  • Die Ursprünge der Schulbegleitung reichen in die 1980er-Jahre zurück. Abhängig vom Förderbedarf ist in der Regel entweder das Jugendamt oder das Sozialamt zuständig. In Schleswig-Holstein stellt das Bildungsministerium Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter für die Inklusionsklassen an Grundschulen ein.
  • Organisiert und verwaltet wird die Schulbegleitung in Deutschland zumeist von Vereinen für Menschen mit Behinderung und von Sozialverbänden.

Mehr zum Thema

Weiterführende Literatur zum Thema Schulbegleitung:

  • Marian Laubner/Bettina Lindmeier/Anika Lübeck (Hg.): „Schulbegleitung in der inklusiven Schule. Grundlagen und Praxishilfen“, erschienen im Beltz-Verlag 2017.
  • Anika Lübeck: „Schulbegleitung im Rollenprekariat. Zur Unmöglichkeit der ‚Rolle Schulbegleitung‘ in der inklusiven Schule“, erschienen im Springer-Verlag 2018.
  • Anika Lübeck, Heinrich Martin: „Schulbegleitung im Professionalisierungsdilemma. Rekonstruktionen zur inklusiven Beschulung“, erschienen in der MV-Verlagsgesellschaft 2016.