GEW-Position : Schulaufsicht soll Lehrkräften den Rücken stärken

In vielen Bundesländern wird die Rolle der Schulaufsicht daher neu definiert. Baden-Württemberg will beispielsweise die Aufsichtsrolle stärken. Andere Akteure, wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), plädieren eher für die Stärkung der Beratungsrolle. Im Schulportal-Interview erklärt Ilka Hoffmann, Mitglied des Geschäftsführenden GEW-Vorstands sowie Erziehungswissenschaftlerin und Lehrerin, wie sich das Verhältnis zwischen Schulaufsicht und Lehrkräften derzeit darstellt, welche Wünsche von Lehrerinnen und Lehrern an Schulaufsicht bestehen und was Schulaufsicht heutzutage leisten sollte.

Fabian Schindler / 20. Mai 2019
Schulaufsicht Kooperation
Kollegialer Partner oder „klassische Aufsicht“? Die Schulaufsicht muss sich mit vielen Herausforderungen im Schulwesen auseinandersetzen.
©Getty Images

Deutsches Schulportal: Frau Hoffmann, was ist das erste Bild, das in ihrem Kopf entsteht, wenn Sie den Begriff „Schulaufsicht“ hören?
Ilka Hoffmann: Das erste Bild ist ein Büro mit vielen Aktenordnern und Menschen unter Zeitdruck.

Es heißt, die Schulaufsicht diene der Verwirklichung bildungspolitischer, pädagogischer, rechtsstaatlicher, personalwirtschaftlicher, disziplinarischer sowie gesundheitlicher Normen in der Schulpraxis. Wird die Schulaufsicht diesen vielfältigen Aufgaben gerecht?
Wie Schulaufsicht diesen vielfältigen, zum Teil auch widersprüchlichen Aufgaben gerecht wird, hängt wesentlich von zwei Faktoren ab. Erstens von den Personen, die die Schulaufsicht ausüben, ihren Kompetenzen, ihren Vorstellungen, ihrem Verantwortungsgefühl und ihrer Kommunikationsfähigkeit. Zweitens von den Rahmenbedingungen, unter denen die Schulaufsicht arbeitet. Was ist die politische Agenda? Wie ist die Schulaufsicht personell ausgestattet? Welches Mandat hat sie und wie ist die Kooperation beispielsweise mit der Lehrkräftefortbildung oder dem Qualitätsmanagement strukturell verankert?

Ilka Hoffmann, GEW
Ilka Hoffmann ist Erziehungswissenschaftlerin und Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes der Gewerkschaft GEW.
©GEW

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schulaufsicht umschreiben?
Das Verhältnis hängt sehr stark von Personen und ihren Beziehungen zueinander sowie von den Rahmenbedingungen ab. Schulaufsicht arbeitet oft innerhalb personeller und zeitlicher Engpässe, wie die Schulen auch.  Meist sind die Erwartungen an Unterstützung der eigenen Arbeit vor Ort in den Schulen höher als das, was tatsächlich geleistet wird, beziehungsweise geleistet werden kann. Viele Lehrkräfte haben den Eindruck, dass sie sich im Konfliktfall nicht hundertprozentig auf die Schulaufsicht verlassen können. Das zeigt sich dann in der Arbeit unserer Personalräte und unseres Rechtsschutzes. Sie fühlen sich häufig eher gegängelt als unterstützt. Eine Ursache vielleicht: Es existiert eine recht hierarchische Struktur im Schulwesen und das macht es für beide Seiten schwierig, Vertrauen und Formen professioneller Kooperation aufzubauen.

Es gibt ja immer Licht und Schatten. Welche Kompetenzen von Schulaufsichten werden von Lehrkräften und Schulleitungen geschätzt?
Personen, die in der Schulaufsicht sind, müssen zuhören und vernetzen können und einen Blick auf das Machbare haben. Besonders geschätzt werden eine hohe Kompetenz in rechtlichen und fachlichen Fragen, Kommunikationsfähigkeit sowie die Bereitschaft, Probleme von Lehrkräften und Schulen ernst zu nehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Und in welchen Bereichen wird mehr von der Schulaufsicht erwartet?
Lehrkräfte wünschen sich allgemein mehr Unterstützung und Rückendeckung für ihre Arbeit. Die gesellschaftlichen Anforderungen an die Schulen steigen stetig und dies unter den Bedingungen einer unzureichenden Bildungsfinanzierung und dem Fehlen von Fachkräften.  Wenn die Lehrkräfte die gestiegenen Erwartungen der Eltern und der Politik nicht einlösen können, dann fühlen sie sich alleingelassen und in den Medien gebasht. In diesem Zusammenhang wird auch die Einlösung der Fürsorgepflicht gegenüber der in Schule beschäftigten Menschen erwartet.

Finden Schulen denn mit ihren Wünschen und Sorgen ausreichend Gehör bei den Schulaufsichten?
Auch dies hängt wieder von konkreten Personen und Strukturen, die sehr unterschiedlich sind, ab. Dass Lehrkräfte den Eindruck haben, mit ihren Wünschen und Nöten alleingelassen zu werden, hängt häufig mit Personal- und Zeitmangel, aber auch mit den zum Teil widersprüchlichen und wechselnden Erwartungen der Bildungspolitik zusammen. Ein Beispiel: Offiziell heißt es immer noch, dass die Inklusion in den Schulen umgesetzt werden soll. De facto rudert die Politik aber vielerorts zurück, zementiert bei Regierungswechseln wieder separierende Strukturen, verzichtet auf die Schaffung guter Rahmenbedingungen zur Umsetzung inklusiven Unterrichts. Es gibt keinerlei ausreichende Zeitkontingente und Unterstützung für die Konzeptentwicklung in den Schulen.  Die Inklusion in der Fläche steht auch zehn Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in den meisten Bundesländern allenfalls am Anfang. Und schon kommt die nächste Herausforderung auf die Schulen zu: Die Umsetzung des Digitalpakts. Und auch dieser wird weder durch Rahmenbedingungen noch durch Konzepte unterstützt. Auch die Schulaufsicht ist mit der Abfederung dieser Art von praxisferner Bildungspolitik oftmals überfordert.

Die Schulaufsicht als „klassische Aufsichtsbehörde“ ist schon lange überholt.
Ilka Hoffmann, GEW

Bildungsexperten meinen, dass sich Schulaufsicht in Zeiten wachsender Eigenverantwortung von Schulen wandeln müsse. Wie sehen das denn die Lehrkräfte? Ist die Rolle der Schulaufsicht als „klassische Aufsichtsbehörde“ überholt oder hat sie nach wie vor ihre Berechtigung?
Die Schulaufsicht als „klassische Aufsichtsbehörde“ ist schon lange überholt. Die vielfältigen sozialen und pädagogischen Anforderungen, denen die Schulen gegenüberstehen, lassen sich nur in einem vertrauensvollen, lösungsorientierten Dialog lösen. „Aufsicht“ ist immer dann gefragt, wenn etwas schiefläuft. Auch in Schulen können Dinge passieren, die mit den Kinderrechten und den Rechten der Beschäftigten nicht vereinbar sind. Zum Beispiel Rassismus, Mobbing und Diskriminierung. Dies sind Punkte, bei denen Aufsicht und auch Disziplinarmaßnahmen gefragt sind. Und hier wird oft zu lasch reagiert.  Bei allem, was der Teilhabe und dem Empowerment von Kindern und Jugendlichen dient, sollten die Freiheiten der Schulen so weit wie möglich ausgedehnt werden. Hier erfahren gerade reformorientierte Lehrkräfte und Schulen häufig Beschränkungen, die nicht nötig und nicht sinnvoll sind.

Kurz und knapp zum Abschluss: Wie sähe für Sie eine ideale Schulaufsicht aus?
In einer idealen Schulaufsicht arbeiten Menschen, die eine Vorstellung von guter Schule haben und ihre Arbeit als gesellschaftlichen Beitrag zur Schaffung von mehr Bildungsgerechtigkeit, Demokratie und Inklusion sehen. Sie sind in allen rechtlichen und fachlichen Fragen kompetent, können zuhören und beraten. Sie sehen sich in erster Linie als Partner der Schulen und unterstützen diese in ihrer Weiterentwicklung. Und sie haben auch genug Zeit, um sich auf die Schulen einzulassen.