Dieser Artikel erschien am 20.07.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Marius Mestermann

Schülerfeedback in Bayern : „Davor darf man als Lehrer keine Angst haben“

Seit zwei Jahren dürfen Schüler in Bayern Referendare bewerten. Noch ist das ein Pilot­projekt, doch schon bald könnten alle Schulen des Landes mitmachen. Wie krass äußern sich die Kinder?

Ein gelangweilter Schüler.
Gelangweilte Schülerin – wie ihr Lehrer-Feedback ausfallen wird, dürfte klar sein.
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Seit zwei Jahren dürfen Schüler in Bayern Referendare bewerten. Noch ist das ein Pilot­projekt, doch schon bald könnten alle Schulen des Landes mit­machen. Wie krass äußern sich die Kinder?

Tatsächlich ist die Bewertung des Unterrichts durch Schüler in Bayern mittler­weile normal, wenn auch erst an 79 Schulen. Vor zwei Jahren startete das Kultus­ministerium das Modell­projekt, gerade erst wurde es um ein weiteres Schul­jahr verlängert.

Das Ministerium freut sich, dass die Schüler in ihren Äußerungen bislang „über­legt und umsichtig“ waren. Und auch die Schul­leiter sind mit dem Versuch zufrieden. Danach sah es vor zwei Jahren nicht unbedingt aus, die Vorbehalte waren bei vielen groß.

Die Schulleitung bekommt das Feedback nicht zu sehen

Einer der ersten, der sich zu dem Bewertungsverfahren bereit­erklärte, war Winfried Steflbauer, Direktor des Albert-Einstein-Gymnasiums in München. Er gibt zu, dass es in der Vergangenheit Kommuni­kations­probleme gab: „Man wusste nicht, ob und wie die Unterrichts­inhalte bei den Schülern ankommen. Dabei sind sie es ja, für die wir arbeiten.“

Das regelmäßige Feedback der Schüler trage nun zur Ausbildung der Referendare bei, freut sich Steflbauer. Die anfängliche Scheu mancher Lehr­kräfte davor, plötzlich von den Schülern bewertet zu werden, habe sich gelegt.

Das dürfte vor allem daran liegen, dass die Referendare nicht, wie von manchen befürchtet, von den Schülern benotet werden, sondern anonymisiertes Feed­back zu Unterrichts­methoden und -inhalten bekommen. Soll heißen: Kein Zeugnis, höchstens Kritik daran, dass es zu viele Haus­aufgaben gab oder jemand im Unter­richt mal nicht mitkam. Und die Schul­leitung bekommt das Feed­back nicht zu sehen.

Wenn die Schüler sagen, dass die Lehrerin strenger sein soll

Zu den lautstärksten Kritikern gehörte vor zwei Jahren noch der Bayerische Philologen­verband, der auch zahl­reiche Referendare vertritt. Und heute? Hält auch dieser das Schüler­feed­back für „ein gutes pädagogisches Element“, wie Sprecherin Angelika Wildgans dem Deutschland­funk sagte.

Simone Grünewald, die als Referendarin mit Schwer­punkt Wirtschaft an zwei Berufs­schulen in Schwaben unter­richtet hat, berichtet von den anfänglichen Sorgen: „Man fragt sich schon: Finden die Schüler mich vielleicht als Lehrerin ungeeignet?“

Sie selbst ist mittlerweile zur Befürworterin des Schüler-Feedbacks geworden. Es habe ihr geholfen, sich weiter­zu­entwickeln, sagt sie: „Man bekommt so auch besser die Bestätigung, dass man etwas richtig macht. Einmal haben die Schüler mir tatsächlich gesagt, ich müsste strenger sein – das hätte ich nicht gedacht.“

Andere Referendare sind noch skeptisch. Für „Zeit­verschwendung“ hält ein Nachwuchs­lehrer, der an Berufs­schulen in Mittel­franken und Schwaben unter anderem künftige Fach­lageristen und Einzel­handels­kaufleute unterrichtet hat, die Idee. Seine Schulen waren nicht Teil des Modell­projekts, und darüber ist er sehr froh. Viele Schüler seien gar nicht in der Lage, ihn zu bewerten, meint er: „Fachlich bringt einen so was nicht weiter, höchstens im Bezug auf die Persönlichkeit.“ Das sei aber „Typsache“.

„Man muss dafür Unterricht einsparen“

Schulleiter Steflbauer kann diese Einschätzung nicht teilen. Er sei überrascht, wie gewissen­haft die Schüler antworten, sagt er. Eine angehende Deutsch- und Englisch­lehrerin an einem anderen Münchner Gymnasium bestätigt den Eindruck: „Natürlich gibt es in einer großen Klasse meistens einen, der Quatsch schreibt. Aber generell nehmen die Schüler das sehr ernst.“ Gleich­zeitig ist sie froh, dass sie von den Teenagern keine Noten bekommt: „Als Referendarin wird man häufig genug bewertet und geknechtet.“

Vor allem Zehnt- und Elftklässler „nehmen beim Feedback kein Blatt vor den Mund“, sagt ein Referendar, der Deutsch, Sozial­kunde und Geschichte an einem Gymnasium in Garching unter­richtet. Er macht sich trotzdem für die Feedback-Kultur stark: „Davor darf man als Lehrer keine Angst haben.“

Aber das Verfahren hat auch Nachteile. „Die Schüler bekommen zwar das Gefühl, mitmachen zu können und schreiben Kritisches, das man sonst eher nicht erfahren würde“, sagt die Münchner Referendarin. „Aber mehr Zeit bekommen wir für die Feedback-Abfrage nicht. Man muss dafür Unterricht einsparen.“ Im Schnitt dauert das Ausfüllen der Frage­bögen etwa 15 Minuten.

Noch sind viele Fragen offen

Ist das Pilotprojekt nun ein Modell für alle bayerischen Schulen – und vielleicht sogar für alle Lehrer, auch die älteren? Mit solchen Prognosen ist man im Kultus­ministerium noch vorsichtig. Die Auswertung des Projekts laufe noch, erst Ende 2018 soll eine Entscheidung fallen, teilt ein Sprecher mit. Auch manche Details wären noch zu klären, etwa wie oft die Schüler ihr Feedback geben sollen und ob das verpflichtend ist.

Ständig und in jedem Fach eine Bewertung abgeben zu müssen, sei für die Schüler zu viel, warnt die angehende Lehrerin aus München, ihre Kollegen stimmen zu. Auch Schul­leiter Steflbauer empfiehlt, nur etwa zweimal pro Jahr und auf freiwilliger Basis nach der Meinung der Schüler zu fragen: „Dann ist es auch für sie verstärkte Partizipation und keine Last.“

Der Referendar aus Garching rechnet jeden­falls fest damit, dass das Schüler­feed­back ausgeweitet wird: „Die Weichen sind ja gestellt – ein Hin und Her wäre politisch wohl schwer zu verkaufen.“

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