Resilienz : „Achtsamkeit ist wie ein Muskel, den man trainieren kann“

Corona stellt den Schulalltag auf den Kopf. Was bisher gut funktioniert hat, ist plötzlich so nicht mehr umsetzbar. Immer neue Regeln müssen beachtet werden, Lehrkräfte fallen aus und müssen vertreten werden. „Resilienz“ ist das neue Zauberwort – doch wie schafft man es, widerstandsfähig zu bleiben und trotzdem flexibel auf Neues zu reagieren? Das Schulportal sprach mit Martina Schmidt. Die Grundschullehrerin bietet dazu Workshops für Schulen und individuelles Coaching für Lehrkräfte an. In ihrem Podcast „Die kleine Pause“ gibt sie Anregungen, um gesund durch den Schulalltag zu kommen.

Florentine Anders / 13. Oktober 2020
Martina Schmidt sitzt auf einer Bank mit einer Tasse in der Hand
Lehrerin und Coachin Martina Schmidt rät, kleine Pausen einzulegen und körperliche Bedürfnisse wie Essen, Trinken und Bewegung, wahrzunehmen.
©Privat

Schulportal: Sie helfen Lehrkräften als Coachin und in Fortbildungen, mit Stress und Überforderung umzugehen. Was empfinden Lehrerinnen und Lehrer gerade während der Corona-Pandemie als besonders belastend?
Martina Schmidt: Lehrkräfte waren schon vor Corona am Limit, besonders an Grundschulen. Die Überforderung haben die meisten Lehrkräfte vor der Pandemie als ihr persönliches Problem betrachtet. Sie hatten das Gefühl, dem Stress nicht gewachsen zu sein. Durch Corona hat sich der Blick verändert. Wir befinden uns alle gemeinsam in einer Krise, deshalb fällt es Lehrkräften leichter, über Ängste, Überforderungen oder Ohnmachtsgefühle zu sprechen.

Die Überforderung haben die meisten Lehrkräfte vor der Pandemie als ihr persönliches Problem betrachtet. Sie hatten das Gefühl, dem Stress nicht gewachsen zu sein. Durch Corona hat sich der Blick verändert.

In den Workshops und in Coachings kommt häufig der Ärger über fehlende Technik zum Ausdruck, über kurzfristige Ankündigungen, die schon am nächsten Tag umgesetzt werden sollen, oder auch über die generelle Unsicherheit, wie es weitergeht. Auch die Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit war während des Lockdowns ein großes Thema. Ich sehe da auch eine große Chance für uns alle, Gewohnheiten und Strukturen zu hinterfragen und gemeinsam zu schauen: Wie wollen wir weitermachen?

Die meisten Lehrkräfte sind engagiert dabei, Konzepte zu entwickeln, die den neuen Anforderungen entsprechen. Aber wie schafft man es, flexibel auf solche neuen Anforderungen zu reagieren, ohne sich selbst zu überfordern?
Ich finde es wichtig, sich selbst zunächst einen klaren Überblick zu verschaffen, wie der eigene Handlungsspielraum aussieht und wo die Grenzen sind. Manches ist zum Beispiel technisch an der Schule nicht möglich, weil die Ausstattung fehlt. Dann braucht man einen Plan B, um das Beste aus der Situation herauszuholen. Dann sind für mich die beiden Merkmale von Resilienz zentral: Stabilität und Flexibilität.

Stabilität finde ich in mir durch eine gewisse professionelle Gelassenheit. An meiner Schule hatte die Schulleiterin zum Beispiel zu Beginn des Lockdowns einen Brief an alle Eltern geschrieben, in dem es hieß, dass es in dieser Situation nicht darauf ankomme, das Einmaleins zu lernen. Vielmehr sei es wichtig, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu stärken, sich auf Werte wie Rücksicht oder gegenseitige Hilfe zu konzentrieren. Wir haben eine andere Gangart eingelegt, das hat nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrkräfte entlastet. Das brachte Stabilität.

Auf der anderen Seite haben wir uns aus unserer Komfortzone hinausgetraut und Neues ausprobiert, wie Online-Konferenzen, Videos oder Audionachrichten. Diese Flexibilität ist wichtig, um aus der Ohnmacht in die Selbstwirksamkeit zu kommen.

Das ist ein großer Kraftakt. Haben Sie Tipps für Lehrkräfte, wie sie Energie tanken, um die täglichen Herausforderungen meistern zu können?
Jeder von uns kennt es, sich wie in einem Hamsterrad zu fühlen. Und wenn die Anforderungen steigen, laufen wir noch schneller. Das Einzige aber, das hilft, ist, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Unser Schulsystem funktioniert im Moment nur deshalb, weil sich viele Lehrkräfte über alle Maßen engagieren. Wenn an Gesundheit gedacht wird, geht es eigentlich immer um die Schülerinnen und Schüler. Das System kümmert sich nicht darum, dass ich gesund bleibe im Job, ich muss das also als meine eigene Aufgabe anerkennen. Ich muss für mich selbst Verantwortung übernehmen. Um für andere da zu sein, muss ich an erster Stelle für mich selbst sorgen. Und ich muss wissen, wie das geht!

Ich fange in meinen Coachings meist damit an, körperliche Bedürfnisse wieder bewusst wahrzunehmen. Damit meine ich so einfache Dinge wie Essen, Trinken, Toilettengang, Bewegung. Diese Grundbedürfnisse werden nämlich im Schulalltag von vielen Lehrerinnen und Lehrern unterdrückt.

Ich fange in meinen Coachings meist damit an, körperliche Bedürfnisse wieder bewusst wahrzunehmen. Damit meine ich so einfache Dinge wie Essen, Trinken, Toilettengang, Bewegung. Diese Grundbedürfnisse werden nämlich im Schulalltag von vielen Lehrerinnen und Lehrern unterdrückt. Das kostet viel Energie und bedeutet enormen Stress für das ganze Nervensystem. Es geht vor allem um die Haltung zu mir selbst. Erst in einem zweiten Schritt geht es um Dinge wie Zeitmanagement, darum, Arbeitszeit und Freizeit stärker zu trennen, oder auch darum, Grenzen zu setzen.

Gibt es Rituale, die helfen, diese Selbstfürsorge nicht aus dem Blick zu verlieren?
Wir wissen eigentlich alle, was uns guttut – im Alltag vergessen wir es dann doch meistens. Am Ende des Tages hat man dann doch wieder keine Pause gemacht. In so einem turbulenten Schultag kann man das auch tatsächlich vergessen. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass der Puls bei Lehrkräften in den Pausen noch ansteigt, weil sie dann ganz viele Dinge erledigen: Gespräche führen, kopieren, Pausenaufsicht.

Ich rate dazu, ganz bewusst in den Tag zu starten und bei einer Tasse Tee zu überlegen: Was steht heute an, und wo kann ich Pausen einbauen? Ich bin ein großer Fan von kleinen, aber dafür regelmäßigen Dingen. Immer mal wieder eine Minute Pause ist besser, als auf die große Auszeit am Wochenende zu warten.

Ich habe mir im Schulalltag verschiedene Anker geschaffen, um kleine Selbstfürsorge-Rituale zu integrieren. Bei jedem Händewaschen zum Beispiel nutze ich die Zeit, um vor dem Spiegel die Schultern zu bewegen und ganz bewusst lange auszuatmen.

Ich habe mir im Schulalltag verschiedene Anker geschaffen, um kleine Selbstfürsorge-Rituale zu integrieren. Bei jedem Händewaschen zum Beispiel nutze ich die Zeit, um vor dem Spiegel die Schultern zu bewegen und ganz bewusst lange auszuatmen. Während ich über den Gang in die nächste Klasse gehe, achte ich auf mein Embodiment: „Schultern runter, lächeln, atmen.“

Je häufiger ich auf mich achte, umso deutlicher nehme ich auch meine Körpersignale wahr. Achtsamkeit ist wie ein Muskel, den man trainieren kann. Es hilft auch, das Team mit einzubeziehen. Pausen haben bei uns leider ein schlechtes Image. Wer Pausen macht, gilt schnell als faul – Stress dagegen gilt eher als Statussymbol. Deshalb hilft es, wenn sich alle gemeinsam darauf verständigen, was guttut, und zum Beispiel auch im Lehrerzimmer auf Pausen achten.

Welche Rolle spielt die Stimmung im Kollegium, wenn es um die Arbeitszufriedenheit geht? Und worauf sollten Lehrkräfte gerade jetzt im Umgang miteinander achten?
Ich finde es sehr wichtig, dass wir zum Beispiel in Dienstbesprechungen ankommen und darüber reden können, wie es uns gerade geht. Dann fühle ich mich auch als Mensch wahrgenommen – ich kann dann zum Beispiel darüber sprechen, dass ich Angst habe, mich anzustecken. Wir haben an meiner Schule beschlossen, dass wir die Maskenpflicht bis zu den Herbstferien beibehalten, obwohl die Landesregelung das so nicht vorsieht. Es geht darum, offen zu sein, miteinander zu reden und sich auszutauschen zum Umgang mit bestimmten Problemen. Wir lernen an unserer Schule im Moment sehr viel voneinander, stellen uns gegenseitig zum Beispiel digitale Tools vor, die wir im Unterricht einsetzen.

Wie kann man sich in Zeiten von Verunsicherung oder Überforderung den Humor erhalten?
Was immer hilft, ist Fehlerfreundlichkeit. Ich sage mir: Wir probieren jetzt einfach mal was aus – und wenn es nicht klappt, dann lachen wir gemeinsam darüber! Und probieren etwas anderes.

Zur Person

  • Martina Schmidt ist Grundschullehrerin in Nordrhein-Westfalen. Außerdem ist sie als Fachleiterin und Moderatorin der Lehrerfortbildung tätig.
  • Sie bietet Workshops für Schulen und individuelles Coaching für Lehrkräfte zum Thema Lehrergesundheit.
  •  Nachlesen kann man die Tipps auch in ihrem Blog. https://www.diekleinepause.de/mein-blog/
  • In ihrem Podcast „Die kleine Pause“ spricht sie regelmäßig über Selbstfürsorge und Resilienz.