Remo Largo : „Hausaufgaben machen Kinder nicht klüger”

Mit seinen Büchern „Babyjahre“ und „Kinderjahre“ wurde der Schweizer Kinderarzt Remo Largo weltbekannt. Im Interview mit dem Schulportal erklärt er, wieso Hausaufgaben nichts bringen, Eltern weniger Druck ausüben sollten und warum es sich lohnt, wenn Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler zu Hause besuchen.

Annette Kuhn / 05. September 2019
Porträt von Kinderarzt Remo Largo
Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo fordert: Schule sollte Individualität der Kinder stärker berücksichtigen.
©Flickr / www.sommer-in-hamburg.de / CC BY 2.0 (https://www.flickr.com/photos/85574751@N00/26071545786/)

Schulportal: Viele Eltern unterstützen ihre Kinder mehrere Stunden in der Woche bei den Hausaufgaben. Das ist ein Ergebnis des Deutschen Schulbarometers, einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe. Was steckt dahinter, wenn Eltern sich so stark für die schulische Entwicklung ihrer Kinder engagieren?
Remo Largo: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Dahinter steckt eine existenzielle Verunsicherung. Viele Eltern befürchten, dass der Wohlstand, den wir derzeit noch haben, in Zukunft nicht mehr gewährleistet ist. Das wollen wir nicht akzeptieren. Und das ruft existenzielle Ängste hervor, die durch die ganze Bevölkerung gehen. Diese Ängste übertragen die Eltern auf ihre Kinder und üben enormen Druck auf sie aus.

Sie müssen also unbedingt in der Schule erfolgreich sein, darum machen Eltern mit ihnen stundenlang Hausaufgaben.
Weder Hausaufgaben noch Prüfungen machen die Kinder klüger, aber das wollen wir nicht wahrhaben. Das Problem sind die Noten: Kinder können etwas auswendig lernen und geben das Auswendiggelernte bei der Prüfung so richtig wieder, dass es zu befriedigenden Noten führt. Aber wenn wir sie nach zwei Wochen fragen, stellen wir fest: Das meiste ist weg. Wirklich begriffen haben es die Kinder eigentlich nicht.

Wann hat das Kind denn etwas begriffen?
Begriffen hat das Kind etwas, wenn es selbstbestimmt ausreichend Erfahrungen machen kann. Wenn es also von dort, wo es entwicklungsmäßig gerade steht, einen Schritt vorwärts machen kann. Jedes Kind will lernen, aber auf seine Weise und in seinem Tempo. Wenn wir in einer Klasse 20 Kinder im Alter von sieben Jahren haben, die lesen und schreiben lernen sollen, variiert der Entwicklungsstand zwischen ihnen erheblich. Manche Kinder sind auf dem Stand von fünfeinhalb Jahren, andere auf dem von achteinhalb Jahren.

Wie könnte das selbstbestimmte Lernen konkret aussehen?
Ein Beispiel: Kinder bekommen beim Lesenlernen mehrere Texte zur Auswahl. Sie sind unterschiedlich lang und unterschiedlich schwer. Es wird den Kindern überlassen, welche Texte sie lesen wollen. Das Kind wird nicht zum einfachsten Text greifen, sondern jedes Kind wird den Text wählen, bei dem es das Gefühl hat: Den schaffe ich. So macht das Kind einen Lernfortschritt und hat vor allem Erfolg. Wenn aber alle den gleichen Text bekommen, dann ist ein Teil der Kinder überfordert, ein anderer Teil langweilt sich.

Wenn Kinder nicht selbstbestimmt lernen können, sondern ihnen ständig gesagt wird, was sie zu lernen haben, werden sie irgendwann zu Befehlsempfängern.

So eine individuelle Förderung bietet unser Schulsystem bislang aber kaum.
Die Lehrpläne berücksichtigen nicht die Vielfalt unter den Kindern, sondern orientieren sich an den Anforderungen, die Gesellschaft und Wirtschaft an die Schule stellen. Aber wozu führt das? Noch ein Beispiel zum Lesen: Nach dem Ergebnis der PISA-Studie ist ein Sechstel der Schüler nach neun Schuljahren beim Lesen auf dem Stand der vierten bis fünften Klasse. Das ist doch ein Desaster! Diese Kinder wissen schon, wenn sie am Morgen in die Schule gehen, dass sie nicht schaffen werden, was von ihnen verlangt wird. Und sie verstehen oft nicht einmal, was sie falsch machen. Sie wissen nur: Das, was ich gemacht habe, das mag der Lehrer, das mögen die Eltern nicht. Ich bin und bleibe ein Versager.

Wie wirkt sich das auf das Lernverhalten der Kinder aus?
Wenn Kinder nicht selbstbestimmt lernen können, sondern ihnen ständig gesagt wird, was sie zu lernen haben, werden sie irgendwann zu Befehlsempfängern. Das ist verheerend für das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit. Und es macht die Kinder passiv. Wir können dann nicht erwarten, dass diese Kinder, einmal erwachsen, Eigenverantwortung übernehmen, genuin neugierig sind und Initiative ergreifen. Das beklagen ja auch die Universitäten: Viele Studierende sind völlig passiv, sie wollen nur wissen, was sie auswendig lernen sollen, um die Prüfung zu bestehen.

Ist das eine neue Entwicklung?
Auch früher war die Gesellschaft leistungsorientiert, aber sie hat akzeptiert, dass es Kinder gab, die langsamer waren. Wir haben eine riesige Förderindustrie aufgebaut, um Schwächen auszumerzen – was aber nicht möglich ist. Die Kinder geraten so sehr unter Druck, dass neuerdings sogar Kinder unter einem Burn-out-Syndrom leiden. Da müssen wir nur nach Japan schauen. Dort gibt es immer mehr Menschen, die nichts mehr tun, die zu Hause sitzen, sich total verweigern.

Die sogenannten Hikikomori sind ja meist junge Erwachsene.
Bei vielen fängt es mit Schulverweigerung an. 120.000 Kinder gehen laut der japanischen Regierung nicht mehr zur Schule. So weit sind wir hier noch nicht, aber die Entwicklung geht in diese Richtung. Es gehen ja auch bei uns Kinder nicht mehr zur Schule, weil sie das alles nicht mehr aushalten. Aber das will man nicht hören.

Wir sollten uns vermehrt um vertrauensvolle Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und Lehrkräften bemühen. Davon hängt der Lernerfolg sehr wesentlich ab.

Was raten Sie Eltern in dieser schwierigen Lage?
Ich will keine praktischen Ratschläge geben, weil sie die Kinder nicht wirklich entlasten und nur das System weiter bedienen würden. Ich finde es überaus wichtig, dass Eltern das Kind ernst nehmen und ihm nicht das Gefühl geben, es sei ein Versager. Sie sollten seine Stärken fördern, anstatt sich an seinen Schwächen abzuarbeiten, die man sowieso nicht ändern kann. Schwächen sollte das Kind lernen zu akzeptieren und damit möglichst gut umzugehen. Die Eltern sollten immer auf der Seite des Kindes stehen und sich nicht zu Komplizen der Schule machen.

Klingt einfach. Aber ist es das auch?
Nein, es ist für Kinder und Eltern wirklich schwierig, erscheint aussichtslos. Wir sollten uns vermehrt um vertrauensvolle Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und Lehrkräften bemühen. Davon hängt der Lernerfolg sehr wesentlich ab, wie der neuseeländische Pädagoge John Hattie in seiner Studie „Visible Learning“ eindrücklich gezeigt hat. Ich kenne Lehrerinnen und Lehrer, die am Anfang des Schuljahres bei allen Familien zu Hause vorbeigehen.

Fehlt dafür nicht die Zeit?
Solche Besuche stehen leider nicht auf dem Lehrplan, und man hört dann oft: Wenn ich so etwas mache, komme ich mit dem Stoff nicht durch. Aber der Aufwand lohnt sich. Lehrkräfte, die genug Zeit für die Beziehung aufwenden, holen den Mehraufwand locker wieder rein. Aber eine gute Beziehung aufzubauen, braucht schon Zeit.  Da reicht es nicht, nur einen Elternabend im Halbjahr anzubieten, an dem die Schule die Pflichten auflistet, die Eltern und Kinder zu Hause für die Schule zu erfüllen haben.

Zur Person

  • Der Schweizer Remo Largo ist Kinderarzt und war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Kinderheilkunde. Er leitete fast drei Jahrzehnte die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ des Kinderspitals Zürich.
  • Der 75-Jährige hat zahlreiche Werke zur kindlichen Entwicklung geschrieben. Bestseller sind seit den 90er-Jahren die Bücher „Babyjahre“ und „Kinderjahre“. In „Schülerjahre“ und „Lernen geht anders“ beschäftigt er sich vor allem mit der Frage, wie die Schule dem individuellen Lernverhalten der Kinder gerecht werden kann.
  • Gerade ist von Remo Largo eine komplett überarbeitete Neuausgabe von „Kinderjahre“ erschienen (Piper Verlag, 25 Euro).