Quereinstieg : Eine ungewöhnliche Karriere

Der ehemalige Journalist Jens Stiller (52) wechselte vor 20 Jahren in den Lehrerberuf. Heute ist er Schulleiter des Dreilinden-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf. Was hat ihn zu diesem Wechsel bewogen, wie hat er die ersten Jahre in seinem neuen Berufsleben erlebt, wie schwierig war der Weg zum Schulleiter und was würde er anderen Quereinsteigenden raten?

Florentine Anders / 01. September 2020
Als Schulleiter des Dreilinden-Gymnasiums in Berlin berät Jens Stiller heute selbst Quereinsteigende.
©Florentine Anders

Dunkelblauer Anzug, Brille und kurzes dunkles Haar. Äußerlich hat sich Jens Stiller in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum verändert, beruflich hat er sich in dieser Zeit dagegen neu erfunden. Vor gut 20 Jahren war Stiller Journalist bei der Berliner Zeitung, heute ist er Schulleiter des Dreilinden-Gymnasiums in Zehlendorf. Eine ungewöhnliche Karriere, die mit einem Quereinstieg begann.

Was bewegte ihn zu diesem Wechsel? Mit 29 Jahren war Stiller einer der jüngsten Ressortleiter einer Tageszeitung in der Berliner Medienlandschaft. Ohne Frage ein Erfolg – doch was kommt danach? „Mit 30 dachte ich darüber nach, wo ich hinwill, und stellte fest, dass dieser Job mich auf Dauer nicht glücklich machen wird“, erzählt er. Der Journalismus schien ihm schnelllebig, wie getrieben von der Aktualität und wenig nachhaltig. Stiller sehnte sich nach mehr „Wirksamkeit“ in seinem beruflichen Leben. Und die fand er im Lehrerberuf. „Ich hatte schon mit 25 Jahren die Vaterrolle in einer Patchwork-Beziehung übernommen und dort mein Interesse für die Themen Bildung und Erziehung entdeckt“, sagt Stiller. Er bewarb sich als Quereinsteiger für die Unterrichtsfächer Wirtschaft und Geschichte, die er sich aus seinem abgeschlossenen Hochschulstudium der Volkswirtschaft anerkennen lassen konnte.

Der Lehrerberuf kann keine Notlösung sein

Was damals die Ausnahme war, gehört heute bei den Neueinstellungen an Schulen zur Normalität. Berlin hat für das Schuljahr 2020/21 40 Prozent der offenen Stellen mit Quereinsteigenden besetzt. Gerade während der Corona-Pandemie, in der viele Menschen eine unsichere Jobperspektive haben, ist das Interesse am Quereinstieg in die Schule groß. Allein beim letzten „Berlin-Tag“ – eine Messe, auf der Schulen um Lehrkräfte werben – hatte Stiller sich als Schulleiter mit etwa 40 Interessierten unterhalten, die in den Lehrerberuf wechseln wollten.

Das große Interesse ist ein Glücksfall, denn derzeit fehlen fast in allen Bundesländern ausgebildete Lehrkräfte. Die Kompetenzen der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger können Schulen bereichern, allerdings klappt das nicht immer.

Wenn Stiller heute als Schulleiter auf Bewerberinnen und Bewerber für den Quereinstieg trifft, dann macht er ihnen vor allem eines klar: Der Lehrerberuf kann keine „Notlösung“ sein, um ein sicheres Einkommen zu haben, nach dem Motto: „Das bisschen Mathe kann ich auch.“ Wer an der Schule Erfolg haben will, der müsse „Demut“ mitbringen, die Bereitschaft, Feedback anzunehmen, und vor allem die Begeisterung, jungen Menschen etwas zu vermitteln.

Stiller selbst hat seinen Wechsel nie bereut. Vom ersten Tag seines Referendariats an habe er sich wohlgefühlt, erzählt er. „Dabei war es ein Sprung ins kalte Wasser, und zwar mit einer Eisdecke!“ Nie zuvor hatte er vor einer Schulklasse gestanden. Natürlich kam er aus einem herausfordernden Job, war bei der Tageszeitung Stress und Zeitdruck gewohnt. „Aber ich hatte es nicht mit unberechenbaren pubertierenden Jugendlichen zu tun. Diese Herausforderung ist nicht zu unterschätzen“, sagt er. Stiller wollte mehr erfahren über die Frage, wie Beziehungen zwischen Menschen gestaltet werden, und diesen Fragen konnte er während des Referendariats auf den Grund gehen. „Ich war sehr dankbar für die Tiefe und die Zeit, mit der wir uns damals in den Seminaren mit diesen Fragen beschäftigten konnten“, erzählt er. Nach genau dieser Tiefe hatte er sich während seiner Arbeit als Journalist oft gesehnt.

Quereinsteigende brauchen eine Person des Vertrauens im Kollegium

Damals dauerte das Referendariat in Berlin noch zwei Jahre, inzwischen wurde es auf 18 Monate verkürzt. Den Quereinsteigenden an seiner Schule rät Stiller heute deshalb, die Unterrichtsverpflichtung auf 19 Stunden zu reduzieren, um genügend Zeit für die Ausbildung zu haben. Außerdem rät er ihnen, sich im Kollegium möglichst schnell eine Person des Vertrauens zu suchen, mit der man auch über eigene Schwächen reden kann. Eine offene Feedbackkultur an der Schule sei wichtig, ein Mentorenprogramm sinnvoll, aber es müsse auch die Chemie stimmen.

In seinen Anfangsjahren als Lehramtsanwärter pendelte Stiller zwischen einem Oberstufenzentrum, an dem er Wirtschaft unterrichtete, und einem Gymnasium, wo er für das Fach Geschichte zuständig war. „Am Oberstufenzentrum gab es kein großes Lehrerzimmer, sondern kleinere Räume für die jeweiligen Fachbereiche. Das war ungünstig für mich, denn es ist besser, ganz verschiedene Lehrercharaktere kennenzulernen, um sich an Vorbildern zu orientieren“, erklärt Stiller. Schließlich müsse man für sich selbst erst einmal herausfinden, welche Lehrerpersönlichkeit einem am ehesten entspricht.

20. August 2010: Pressesprecher Jens Stiller (links) mit dem ehemaligen Bildungssenator Jürgen Zöllner und der damaligen Staatssekretärin Claudia Zinke auf einer Pressekonferenz zum Start des neuen Schuljahres.
©Dirk Lässig (BZ)

Als er seine Lehramtsausbildung beendet und einige Zeit unterrichtet hatte, holte ihn seine Vergangenheit wieder ein. Die Senatsverwaltung für Bildung wollte den Lehrer und ehemaligen Journalisten als Pressesprecher gewinnen. Von 2004 bis 2010 wechselte Stiller in die Pressestelle der Bildungsverwaltung, während er weiter einige Stunden pro Woche unterrichtete. „Mich reizte die Verquickung der beiden Welten. Es ist ja ungewöhnlich, dass ein Pressesprecher selbst Praxiserfahrung als Lehrer hat.“

Beamtenrecht erschwert Quereinsteigenden den Weg in die Schulleitung

Nach einigen Jahren stand für ihn jedoch wieder die Frage nach der Wirksamkeit im Berufsleben im Zentrum. Er wollte zurück an die Schule, selbst Einfluss auf die Gestaltung der Bildungswelt nehmen, am liebsten in einer Leitungsfunktion. Doch das war nicht so einfach. Das Beamtenrecht macht es Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern schwer, eine solche Funktionsstelle zu besetzen. In der Regel bekommen die Kandidatinnen und Kandidaten mit den meisten Dienstjahren und den höheren Beförderungsstufen den Vorrang. Stiller nahm auch deshalb den Umweg über eine freie Schule. „Es war eine gute Erfahrung, man kann an einer freien Schule oft flexibler und schneller agieren“, sagt er.

Schließlich zog es ihn nach fünf Jahren Geschäftsführer-, Vorstands- und Schulleitertätigkeit in der freien Stiftung an die staatliche Schule zurück. Er wollte nicht auf einer „liebenswerten, geschützten Insel“ arbeiten, sondern dort, wo sich die Gesamtheit der Gesellschaft in der Schule spiegelt. Im Jahr 2015 wurde er Schulleiter des Dreilinden-Gymnasiums in Zehlendorf. Die Schule hatte damals nicht den besten Ruf und viele freie Plätze, die mit Geflüchteten belegt wurden. Ein Konzept musste her, Energie und Gestaltungswille waren gefragt. Die Aufnahme der Geflüchteten wurde schließlich zur Erfolgsgeschichte der Schule. Durch besondere Sprachangebote und Förderungen in speziellen Kleinklassen konnten geflüchtete Schülerinnen und Schüler erfolgreich zum Abitur geführt werden, und auch die anderen profitierten von der neuen Potenzialorientierung.

Stiller zeigt auf einen Zeitungsartikel über Iyad Abo Faroch, der gerahmt im Flur der Schule,hängt. Vor fünf Jahren kam Iyad aus dem syrischen Aleppo an die Schule, in diesem Jahr hat er sein Abitur gemacht. Stiller ist sicher, dass dies vor allem durch ein Klima der Offenheit geschafft wurde, zu dem auch Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger wesentlich beitragen. Schließlich bringen sie ihre Erfahrungen in die Schule mit. Als im Frühjahr dieses Jahres das Schulgebäude von schulfremden Rechtsextremen mit Hakenkreuzen und rassistischen Sprüchen besprüht wurde, hat sich die gesamte Schulgemeinschaft zur Wehr gesetzt.

Auch das macht Stiller stolz. Das mittlerweile übernachgefragte Gymnasium will den begonnenen Weg fortsetzen. Die leistungsstarke Schule soll Staatliche Europaschule mit bilingualem Unterricht in Englisch und Deutsch werden, bestärkt durch die positiven Erfahrungen mit der Mehrsprachigkeit der Geflüchteten. Genau das ist die Form von Wirksamkeit, die den Schulleiter in diesem Beruf so beflügelt.

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  • Wer über den Quereinstieg in den Lehrerberuf wechseln möchte, benötigt in der Regel ein abgeschlossenes Studium in zwei schulrelevanten Fächern.
  • Der Quereinstieg ist nur möglich, wenn es für das Unterrichtsfach, das dem Studienabschluss entspricht, nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte gibt.
  • Quereinsteigende absolvieren berufsbegleitend das Referendariat und erhalten nach erfolgreichem Abschluss die volle Lehrbefähigung.
  • In Berlin werden die Quereinsteigenden mehrere Tage vor Unterrichtsaufnahme (also in den Sommer- oder Winterferien) auf die neue Tätigkeit vorbereitet (KICK OFF). In den ersten Wochen der Unterrichtstätigkeit werden ihnen Patinnen und Paten an die Seite gestellt (FIRST STEPS). Zudem werden wöchentlich Workshops und zweimal im Jahr Kompaktwochen zu konkreten Unterrichts- und Erziehungsthemen anhand von Fallbeispielen angeboten (SET UP).