Buch-Tipp

Psychische Störungen : Leitfaden für Schulen und Eltern

Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen nehmen gerade jetzt in der Corona-Pandemie zu. Viele Lehrkräfte sind aber unsicher, wenn es darum geht, auffällige Symptome richtig zu deuten. Ein multiprofessioneller Leitfaden unter dem Titel „Notsignale aus dem Klassenzimmer – Hilfen und Lösungswege gemeinsam finden“ bietet nun für Lehrkräfte, Eltern und alle im Jugendbereich tätigen Menschen eine erste Orientierungshilfe. Fachleute aus Medizin, Psychologie und Pädagogik erklären die häufigsten psychosozialen Krankheitsbilder und zeigen Lösungswege für den Schulalltag auf. Besprochen werden unter anderem Autismus, AD(H)S, Traumatisierung, sexuelle Gewalt, Anorexie, Depression.

Florentine Anders 24. August 2021 Aktualisiert am 25. August 2021

Eine Schülerin hat ungewöhnlich stark abgenommen, ein Schüler verbirgt seine Selbstverletzungen unter den langgezogenen Ärmeln und ein anderer kommt nur noch sporadisch in die Schule – die psychischen Belastungen der Kinder und Jugendlichen haben während der Corona-Pandemie stark zugenommen. Das haben verschiedene aktuelle Studien gezeigt.

Die Symptome zeigen sich nun im Klassenzimmer auf unterschiedliche Art und Weise und oft sind Lehrkräfte überfordert, wenn es darum geht, diese richtig zu deuten und zu reagieren. In der Lehrerausbildung kommen psychische Erkrankungen und Auffälligkeiten zu kurz und multiprofessionelle Teams gibt es an den meisten Schulen noch nicht. Was ist normal, gerade in der Pubertät, und wann deuten Symptome auf psychische Störungen hin?

Ein Leitfaden für Lehrkräfte und Eltern unter dem Titel „Notsignale aus dem Klassenzimmer – Hilfen und Lösungswege gemeinsam finden“ bietet nun eine erste Orientierungshilfe und Handlungsempfehlungen für die Schule.

Das Buch ähnelt im Aufbau einem „Crashkurs“: Im ersten Teil beschreiben Expertinnen und Experten aus Medizin, Pädagogik, Psychologie und Soziologie Merkmale der häufigsten psychosozialen Krankheits- und Störungsbilder – von AD(H)S über Depressionen bis zu Essstörungen oder Selbstverletzungen. Es geht um Symptome und um Auswirkungen in Schulalltag und Freizeitverhalten. Am Ende eines jeden Kapitels stehen Hilfsangebote und praktische Hinweise. In einem Kasten werden die wichtigsten Informationen kurz zusammengefasst. Für alle, die tiefer in das Thema einsteigen wollen, gibt es Literaturtipps zum Weiterlesen.

Bernd Mumbach beschreibt beispielsweise aus der Sicht des Pädagogen, warum der Blick der Lehrkraft auf ein Kind mit AD(H)S sich von dem des Arztes unterscheiden sollte und wie eine pädagogische Beziehung gelingen kann.

Autor Matthias Huber etwa ist Experte für Autismus und hat selbst das Asperger-Syndrom. In autobiographischen Szenen veranschaulicht er, wie er als Schüler gefühlt und gedacht hat, beispielsweise vor dem ersten Schultag nach den Ferien oder beim Betreten des Schulhauses. Anschließend gibt er praktische Anregungen für das Handeln der Lehrerinnen und Lehrer in den jeweiligen Situationen.

Therapieansätze und erfolgreiche Schulkonzepte im Umgang mit psychischen Störungen

Im zweiten Teil des Handbuchs  werden unterschiedliche Therapieformen und Handlungsempfehlungen vorgestellt. Dabei geht es immer auch darum, welche Möglichkeiten es gibt, im Schulalltag bestimmte Konzepte umzusetzen oder die Kinder präventiv zu stärken. Es geht etwa um Wege, Achtsamkeit und Resilienz in der Schule zu erhöhen, oder auch darum, wie die Familien einbezogen und unterstützt werden können. Ein ganzes Kapitel ist der Bewegung und ihren Auswirkungen auf die seelische und geistige Entwicklung gewidmet. Bewegung kann Freude sichtbar machen, die Körperwahrnehmung verändern und Stress abbauen. In Schulen wird diese Ressource bisher viel zu wenig genutzt, schreibt Stefan Preis, Arzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin. Gleichzeitig gibt er Anregungen, wie sich das ändern lässt.

Fast 30 Autorinnen und Autoren haben ihre Expertise in das Buch eingebracht. Sie kommen aus unterschiedlichen Professionen und bieten in ihren Beiträgen eine Betrachtung aus ihrem jeweiligen Blickwinkel. Vor allem diese verschiedenen Perspektiven waren Herausgeberin Sigrid Springmann-Preis wichtig. Die Sonderpädagogin ist in der Schulleitung der Klinikschule Lörrach tätig , wo Fachkräfte aus Medizin und Pädagogik eng zusammenarbeiten. Gerade dieser interdisziplinäre Ansatz unterscheidet dieses Handbuch von anderen Publikationen zum Thema und macht es so wertvoll für die schulische Praxis.

Der Leitfaden ist aber nicht nur für Schulen eine gute Orientierungshilfe, auch verunsicherte Eltern können hier fachkundige und prägnante Informationen finden.

Auf einen Blick

Sigrid Springmann-Preis (Hg.): „Notsignale aus dem Klassenzimmer – Hilfen und Lösungswege gemeinsam finden“, erschienen im Oktober 2020 im Verlag UTB, 353 Seiten.