Integration : Internationalen Lehrkräften das Ankommen an Schulen erleichtern

Die Erfahrung mit der Integration zugewanderter Lehrkräfte zeigt, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, den beruflichen Neuanfang zu unterstützen. Um diesen Prozess zu fördern, gibt es in Nordrhein-Westfalen seit 2017 das Programm „Lehrkräfte Plus“. Daran beteiligt ist auch Renate Schüssler von der Universität Bielefeld. Dem Schulportal hat sie erklärt, wie Schulen durch Mentoring und Beratung, Bereitstellung von Materialien und eine offene Haltung die Aufnahme ukrainischer Lehrkräfte unterstützen können.

Annette Kuhn 10. Juni 2022 Aktualisiert am 23. Juni 2022

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Lehrerin erklärt einer anderen Lehrerin etwas im Programm Lehrkräfte plus
©Damit die Integration ins Kollegium gelingt, ist es wichtig, dass internationale Lehrkräfte in der Schule begleitet und beraten werden.

Deutsches Schulportal: Wie lässt sich die Integration von ukrainischen Lehrkräften und überhaupt von Menschen mit Fluchthintergrund an Schulen unterstützen?
Renate Schüssler: Wir haben in den vergangenen Jahren im Qualifizierungsprogramm „Lehrkräfte Plus“ Bielefeld viele Erfahrungen gesammelt, wie das schulische Ankommen unterstützt werden kann. Das Programm gibt es mittlerweile an fünf Universitätsstandorten in Nordrhein-Westfalen. Es soll Lehrkräften mit Fluchthintergrund die Möglichkeit eröffnen, ihre professionellen Qualifikationen und Erfahrungen einzubringen und beruflich Fuß zu fassen. Die Schulen haben wiederum mit dem Programm die Chance, ihre Kollegien diverser zusammenzusetzen und mit den kulturellen und sprachlichen Erfahrungen der neuen Kolleg:innen zu bereichern. In „Lehrkräfte Plus“ arbeiten wir seit Beginn eng mit dem Schulministerium, den Bezirksregierungen und den Praktikumsschulen zusammen. Mit den Schulen sind wir zum Beispiel über ein eigenes Mentor:innenprogramm vernetzt.

Worauf kommt es bei so einem Mentor:innenprogramm besonders an?
Lehrkräfte, die als begleitende, beratende, wertschätzende Kolleg:innen zur Seite stehen, sind Gold wert. Es ist klar, dass die Beratung neuer Kolleg:innen und der Einsatz von Mentor:innen in Zeiten von Lehrkräftemangel und den hohen Anforderungen in den Schulen oft eine zusätzliche Belastung darstellt, für die im hektischen und fordernden Alltag oft wenig Zeit bleibt. Trotzdem zahlt es sich für alle Seiten aus, wenn durch eine wertschätzende Haltung den ukrainischen oder anderen internationalen Lehrkräften das Ankommen erleichtert wird.

Das Programm Lehrkräfte Plus setzt auf Mentor:innen

Darüber hinaus verfügen die Schulen über vielfältige Erfahrungen und Materialien zur Anleitung bei der Aufnahme neuen Personals, zum Beispiel von Lehramtsstudierenden. Wir haben solche Instrumente für die Begleitung internationaler Lehrkräfte in der Schule angepasst. Dabei geht es zum Beispiel um Checklisten zum Ankommen in der Schule, um erste Beobachtungsaufträge, Vorlagen für die Unterrichtsplanung oder Leitfragen für die Besprechung und Reflexion von Unterricht. Viele dieser Materialien sind auf dem Onlineportal Lehrkräfte Plus NRW zu finden.

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Was lässt sich aus den Erfahrungen mit bisherigen Qualifizierungsprogrammen für die Integration ukrainischer Lehrkräfte ins Kollegium lernen?
Die schulische Integration neu zugewanderter Lehrkräfte ist kein Selbstläufer, sondern hängt von vielfältigen Faktoren ab. Sehr viel geht es dabei um die Rahmenbedingungen der beruflichen Integration. Und es geht um Fragen der Haltung und Ermöglichung – bei den internationalen Lehrkräften, bei den Mentor:innen, bei den Schulleitungen. Eine Studentin hat es in ihrer Abschlussarbeit sehr treffend auf den Punkt gebracht: „Der Fluchthintergrund im Schulalltag kann beides sein: Chance und Hürde. Ob sich eine Fähigkeit als Chance oder Hürde ausprägt, wird einerseits von den Einstellungen und Fähigkeiten der Lehrkraft mit Fluchthintergrund und andererseits von der allgemeinen Kultur und Atmosphäre innerhalb der jeweiligen Schule bestimmt.“

Es ist sicherlich sinnvoll, wenn neu zugewanderte Lehrkräfte vorbereitende oder flankierende Programme, Seminare oder Workshops besuchen können. Welche Vorbereitung und Begleitung sie brauchen, hängt natürlich sehr individuell davon ab, was die internationalen Lehrkräfte mitbringen und wie ihr Einsatzgebiet an einer Schule oder Ganztagseinrichtung umrissen ist: Welches Sprachniveau haben sie? Welche Fächer haben sie studiert? Welche Berufserfahrung bringen sie mit, also in welchen Schulformen und mit welchen Altersgruppen haben sie gearbeitet? Sollen sie eigenständig unterrichten oder im Teamteaching, oder sind sie unterstützend im Unterricht oder offenen Ganztag eingesetzt? Mit welcher Perspektive sind sie im Einsatz? Welche zeitlichen Ressourcen haben sie? Und nicht zuletzt: Können entsprechende Programme zur Verfügung gestellt werden?

Hürden oder Mehrwert – es ist eine Frage der Perspektive

Welche Rolle spielen Schulleitung und Kollegium für das Ankommen zugewanderter Lehrkräfte?
Die schulische Aufnahmekultur ist entscheidend dafür, wie gut das Ankommen gelingt. Dabei sollten sich Schulleitung und Kollegium mit folgenden Fragen auseinandersetzen: Gibt es Personen, die das Ankommen in der Schule begleiten können? Aus welcher Motivation heraus nehmen sich die schulischen Mentor:innen der neuen Lehrkräfte an? Wie geht die Schule überhaupt mit Diversität um? Hat die Schule ein interkulturelles Schulprofil? Ist es ein Ziel, dass sich die kulturell heterogene Zusammensetzung der Schüler:innen auch im Kollegium widerspiegelt?

Mit welchem Blick begegnen Schulleitung und das Kollegium internationalen Lehrkräften: Schauen sie eher auf die Hürden, wie sprachliche oder didaktische Herausforderungen? Oder auf das Plus, das die zugewanderten Lehrkräfte mitbringen? Idealerweise ist beides im Blick: Förderung und Unterstützung hinsichtlich der bestehenden Hürden und Lernbedarfe und gleichzeitig Wertschätzung des fachlichen und didaktischen Potenzials, aber auch des berufsbiografischen und kulturellen Hintergrunds.

Die sprachlichen Hürden sind aber tatsächlich oft eine große Herausforderung. Wie können Schulen damit umgehen?
Natürlich muss die Verständigung im Kollegium möglich sein. Und die Lehrkräfte brauchen ein entsprechendes sprachliches Niveau, damit sie ihren Aufgaben in Schule und Unterricht gerecht werden können. Vorbereitende und flankierende Sprachlernangebote, die, anders als allgemeinsprachliche Deutschkurse, gezielt die berufssprachliche Handlungsfähigkeit internationaler Lehrkräfte in den Blick nehmen, sind dafür sehr wichtig, allerdings noch rar gesät.

Zugleich kann die Mehrsprachigkeit aber auch gewinnbringend für die Schule sein, wenn es etwa um sprachsensiblen Fachunterricht geht. So können internationale Lehrkräfte zum Beispiel in besonderer Weise Empathie entwickeln, welche Verständnisschwierigkeiten Schüler:innen mit anderen Erstsprachen haben. Einige unserer Absolvent:innen sind bei diesem Thema ausgesprochen erfolgreich an ihren Schulen. Und es muss auch keine Deprofessionalisierung bedeuten, wenn zugewanderte Lehrkräfte von Schüler:innen auch einmal korrigiert werden.

Die Bedarfe der zugewanderten Lehrkräfte sind individuell sehr unterschiedlich

Wie können ukrainische und andere internationale Lehrkräfte in Schulen sinnvoll eingesetzt werden?
Die Einsatzgebiete sind sehr vielfältig: von Willkommensklassen über den Regelunterricht, von eigenständigem Unterrichten über Teamteaching bis hin zur Begleitung von einzelnen Schüler:innen oder Kleingruppen. Auch eine Unterstützung von außerunterrichtlichen Aktivitäten wie Projekten, Exkursionen, Elterngesprächen bis hin zur Ganztagsbetreuung ist denkbar.

Außerdem ist der Einsatz im herkunftssprachlichen Unterricht für internationale Lehrkräfte ein grundsätzlich interessantes Einsatzgebiet. Einige unserer Absolvent:innen haben sich erfolgreich auf entsprechende Stellen beworben.

Grundsätzlich gilt wohl: So vielfältig wie die individuellen Voraussetzungen, aber auch die schulischen Einsatzorte und Aufgabengebiete sind, so vielfältig sind auch die Bedarfe der zugewanderten Lehrkräfte.

Erleben internationale Lehrkräfte ihre Arbeit an deutschen Schulen eigentlich als Deprofessionalisierung?
Wir haben hierzu in unserem Projekt „International Teachers for Tomorrow’s School“ (ITTS) eine internationale Vergleichsstudie in sieben europäischen Ländern erstellt und festgestellt, dass es auf diese Frage keine klare Antwort gibt. Die Studie zeigt: Gelingt der berufliche Neuanfang an einer Schule, dann haben wir ausgesprochen hohe Zufriedenheitswerte festgestellt. Noch ist die Auswertung nicht abgeschlossen, aber es scheint so zu sein, dass diese Zufriedenheitswerte unabhängig davon sind, ob sich die internationale Lehrkraft selbst mehr als Fachlehrkraft oder als internationale Lehrkraft wahrnimmt.

Ein gelungener Einsatz in der Schule hilft dabei, die berufsbezogenen Kompetenzen zu erweitern und sich im Land willkommen zu fühlen. Er kann somit als wichtiger Beitrag nicht nur zum Ankommen in der Schule und zum beruflichen Wiedereinstieg, sondern auch zur gesellschaftlichen und sozialen Integration gesehen werden.

Zur Person

Renate Schüssler
Renate Schüssler
  • Renate Schüssler ist als Erziehungswissenschaftlerin an der Bielefeld School of Education der Universität Bielefeld tätig. Sie ist zuständig für Internationalisierung der Lehrer:innenbildung und Fort- und Weiterbildung.
  • Sie ist seit Beginn beim Qualifizierungsprogramm Lehrkräfte Plus dabei und leitet die Projekte Lehrkräfte Plus Bielefeld und
  • „International Teachers for Tomorrow’s School” (ITTS).
  • Im ITTS-Projekt beleuchtet sie zusammen mit internationalen Kolleg:innen die Erfahrungen des beruflichen Wiedereinstiegs in sieben europäischen Ländern.