Partizipation beim Schulbau : Phase Null – wie eine Schule ihren Umbau erfolgreich mitgestaltet

Ob bei Umbau, Sanierung oder Neubau – die „Phase Null“ soll dazu beitragen, dass Architekturbüros und Verwaltung nicht an den Bedarfen der Schulen vorbeiplanen. Doch wie gelingt es, dass die Phase Null nicht nur eine Phase bleibt, sondern tatsächlich in die Umsetzung einfließt? Am Gymnasium Hittfeld in Niedersachsen hat der gemeinsame Planungsprozess vor fünf Jahren begonnen. Die Vorstellungen der Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler sind im ersten fertigen Bauabschnitt bereits Wirklichkeit geworden. Das Erfolgsrezept: Bauherr, Architekten und Schule haben von Anfang an gemeinsam den Umbau der neuen Lernlandschaften gestaltet. Einfach war das nicht, denn die Vorstellungen lagen anfänglich weit auseinander.

Florentine Anders 18. Juli 2022
Gruppenbild mit Vertretern der Beiteiligungsgungsgruppen in dem neugestalteten Raum
Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Beteiligungsgruppen verfolgen regelmäßig den Baufortschritt: Dirk Landwehr von Trapez Architektur; Vincent Stather, Bauleiter, Martina Bui, Schülerin; Schulleiter Frank Patyna; Martina Just, Lehrerin; Johannes Winter, Lehrer; Katharina Knoppe, Trapez Architektur; Stefan Niemann, externer Berater; Bianca Kaiser vom Landkreis (v.l.n.r.)
©Michael Kohls

Wer vom Bahnhof über die Felder Richtung Gymnasium Hittfeld läuft, traut seinen Augen kaum. Wie ein riesiges Raumschiff liegt der Schulcampus in der Vorstadt-Landschaft, gelandet vor 50 Jahren. Mehr als 2.000 Schülerinnen und Schüler lernen hier am Gymnasium und an der benachbarten Gesamtschule IGS Seevetal. Es gibt einen Sportplatz, zwei Sporthallen, eine Schwimmhalle und seit einigen Jahren auch ein ganzes Containerdorf für Klassen, die wegen des Umbaus vorübergehend ausgelagert werden müssen.

Das Raumschiff aus den 70er-Jahren hat sich in eine große Baustelle verwandelt, bei laufendem Betrieb. Nun sind die ersten Räume fertig, während an anderer Stelle der Abriss noch nicht einmal begonnen hat. Als die Bauplanung 2017 begann, wusste noch niemand, wie aufwendig der Umbau werden wird. Der Landkreis Harburg hatte damals Gelder für die Renovierung einiger Räume freigegeben. Für diese „Aufhübschung“ sollte erstmals das Partizipationsverfahren „Phase Null“ erprobt werden.

Doch dann kam alles anders, und die „Phase Null“ hatte einen erheblichen Anteil daran. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern und Schulleitung wurden von Anfang an in die Planung einbezogen. Der beauftragte Architekt Dirk Landwehr vom Büro „Trapez Architektur“ hatte dazu Stefan Niemann als externen pädagogischen Berater hinzugezogen, der auf solche Beteiligungsprozesse spezialisiert ist.

 „Phase Null“ als Zeitverschwendung? Bei den Lehrkräften war die Skepsis zunächst groß

Zunächst war die Skepsis groß. Andrea Felleckner-Fieberg, Lehrerin für Mathe und Chemie, die von Anfang an dabei war, erinnert sich noch an die Kommentare im Kollegium. „Da wirst du schön deine Zeit verschwenden“, hieß es. Auch Berater Stefan Niemann weiß, die erste Hürde ist es, die Bedenken zu nehmen, dass die erarbeiteten Vorstellungen nicht mangels Geld gleich wieder von der Behörde einkassiert werden oder von den Architekten aus Machbarkeitsgründen – und häufig ist das ja auch der Fall. Beteiligungsprozesse, die inzwischen bei den meisten Schulneubauten oder Sanierungen durchgeführt werden, sind oft losgelöst von den tatsächlichen Planungen, sodass von der Arbeit in den Workshops mit der Schulgemeinschaft im Endergebnis kaum noch etwas zu erkennen ist.

Berater Stefan Niemann und Architekt Dirk Landwehr sind spezialisiert auf die Phase Null beim Schulumbau.
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Schülerin Martina Kohls findet ihre Vorstellungen in den ersten fertigen Räumen verwirklicht.
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Deshalb haben Landwehr und Niemann am Gymnasium Hittfeld ein Verfahren gewählt, wo die Verwaltung des Landkreises und das Architekturbüro von Anfang an beteiligt waren. Wie nötig das war, zeigte sich schon nach den ersten Treffen. „Zuerst hatten wir noch darüber diskutiert, welcher Bodenbelag den verkeimten Teppich ersetzen soll, doch dann stellte sich heraus, dass hier ganz andere Maßnahmen anstanden“, sagt Landwehr. Die gesamte Infrastruktur des Hauses war veraltet, teilweise schadstoffbelastet und hielt keiner Brandschutzverordnung stand. Kleine Schönheitsreparaturen wären vergeudetes Geld gewesen, denn hier musste eine Komplettsanierung her. Und wenn schon eine Komplettsanierung sein muss, dann müssen auch die Bedarfe einer zeitgemäßen Pädagogik berücksichtigt werden. Gleichzeitig wurde klar, dass durch die Umstellung auf G9 zusätzliche Räume benötigt würden.

Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler wurden in der „Phase Null“ getrennt befragt

Jetzt nahmen die Workshops der „Phase Null“ erst richtig Fahrt auf, denn jetzt, da klar war, dass nicht viel mehr als das Betonskelett stehen bleibt, konnte die gesamte Raumgestaltung neu gedacht werden. Zuerst wurden die Schülerinnen und Schüler befragt. Dabei ging es um Lieblingsorte und Gruselorte in der Schule und darum, was die Jugendlichen brauchen. Getrennt davon lief die Befragung der Lehrkräfte, wie sie künftig arbeiten wollen. Dabei stellte sich heraus, dass die Parteien unterschiedliche Vorstellungen hatten.

Das Kollegium wünschte sich eine Umstellung vom Klassenraumprinzip auf das sogenannte Kabinettsystem. „Wir waren sehr überrascht, einen solchen Fall hatten wir noch nicht und konnten deshalb auch nicht auf Erfahrungen zurückgreifen“, sagt Architekt Dirk Landwehr. Bei dem Kabinettsystem oder Lehrerraumprinzip sind die Räume nicht den Klassen, sondern den Lehrkräften zugeordnet. Die können den Raum je nach Fach passend gestalten, während die Schülerinnen und Schüler durch das Schulhaus und durch die Fachbereiche wandern. In den Niederlanden und in den Vereinigten Staaten ist dieses Prinzip die Regel, hierzulande wird das Kabinettsystem bisher nur selten praktiziert.

Die Lehrkräfte hatten sich das Kabinettsystem im Hamburger Gymnasium Buckhorn angeschaut und waren überzeugt von den Vorteilen. „Die Lehrerinnen und Lehrer müssen in den Pausen nicht von A nach B hetzen, sondern können in Ruhe Fragen der Schülerinnen und Schüler beantworten und die Materialien für die nächste Stunde vorbereiten“, sagt Johannes Winter, Lehrer für Deutsch, Latein und Darstellendes Spiel, der für die Adaption des Konzeptes in Hittfeld den Hut aufhat. Die Tischanordnungen würden so bleiben, wie von der jeweiligen Lehrkraft in ihrem Fach bevorzugt. Unterrichtsmaterialien wie Bücher oder Karten blieben vor Ort und müssten nicht aus irgendwelchen Lagerräumen geholt werden. Und auch die digitale Technik funktioniert besser, weil sich die jeweilige Lehrkraft für ihren Raum bei Defekten verantwortlich fühlt.

 

Schulleiter Frank Patyna vermittelte zwischen den verschiedenen Interessengruppen.
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Lehrer Johannes Winter
Lehrer Johannes Winter hat das Kabinettsystem für die Schule mitentwickelt.
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Die Schulgemeinschaft entscheidet sich für das Kabinettsystem

Und was hielten die Schülerinnen und Schüler davon? „Die waren zuerst dagegen“, erzählt Schülerin Martina Bui, die als eine Vertreterin ihres Jahrgangs bei der „Phase Null“ dabei war. Die Schülerinnen und Schüler hätten befürchtet, keine Heimat mehr für ihre Stammklassen zu haben und selbst immer nur bei den Lehrkräften zu Besuch zu sein. Die Herausforderung für die Architekten war nun, die Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften zusammenzubringen. Schulleiter Frank Patyna vermittelte, indem er eine Erprobungsphase und Evaluation dieser alternativen Raumnutzung versprach; zum Abschluss wurde in der Gesamtkonferenz abgestimmt: Der Sieger hieß Kabinettsystem.

Die Befürchtungen der Jugendlichen wurden ernst genommen, so ernst, dass sie auf jeder Etage Lerninseln bekommen, die sie sich so gestalten können, wie sie am liebsten lernen. Das gesamte Schulhaus wird so zu ihrem Zuhause. Jeder Fachbereich erhält ein sogenanntes Cluster, bestehend aus einem großen Innenraum, um den herum sich die Räume der Lehrkräfte anordnen. Dieser Marktplatz wird mit rollbarem Mobiliar ausgestattet – Sitzecken, Lerntheken, Regale, die sich die Schülerinnen und Schüler nach Belieben gruppieren können.

Natürlich sind die berechneten Kosten für diesen Umbau im Vergleich zu der ursprünglich geplanten Renovierung um ein Vielfaches gestiegen. Die politischen Entscheidungsträger mussten überzeugt werden, und das war nicht einfach. „Wir sind doch nicht bei Wünsch dir was“ oder auch „Wir haben doch früher hier auch gut gelernt“, waren typische Bemerkungen. „Die Entscheidungsträger sehen nur den Aufwand, von der Leidenschaft für die neuen pädagogischen Ideen wissen sie nichts“, sagt Landwehr.

Die Schulgemeinschaft hat die Vertreter der verschiedenen Parteien aus dem Schulausschuss zum Rundgang durch das Gebäude geladen, um für ihre Ideen zu werben, unterstützt von Bianca Kaiser, verantwortlich für die Gebäude der weiterführenden Schulen im Landkreis Harburg, die am gesamten Prozess der „Phase Null“ beteiligt war. Durch den Beteiligungsprozess haben Eltern, Lehrkräfte und Schülerschaft mit so viel Verve für ihre Vorstellungen gekämpft, dass sie sich schließlich durchsetzen konnten.

Der Landkreis war sogar bereit, die Möbel für die sogenannten Marktplätze in den Clustern von einem Tischler nach den Vorstellungen der Kinder und Jugendlichen entwerfen und bauen zu lassen.

Lerninsel oder Marktplatz heißen die Innenräume in den Clustern. Die Möbel sind auf Rollen und können nach Belieben verschoben werden.
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Im Zentrum des Schulgebäudes gibt es ein großes Forum, das Treffpunkt und Aula zugleich ist.
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Der Musikraum wurde nach den Ideen des Fachbereichs gestaltet. Der Raum kann auch als Backstage-Bereich für die Bühne im Forum genutzt werden.
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Schulgebäude von außen
Das Gymnasium Hittfeld ist ein typischer Schulbau aus Beton aus den 70er Jahren.
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Der erste Cluster nach den Vorstellungen der Schule ist bereits fertiggestellt

Im Juli 2022 kann der erste fertiggestellte Cluster für Fremdsprachen bei einer Begehung besichtigt werden. Dort, wo früher dunkle Flure waren, fallen durch die neu eingebauten Deckenlichter Sonnenflecken auf die Sitzmöbel aus Holz. Der Kautschuk-Fußbodenbelag der Lerninsel leuchtet in einem warmen Gelb, der Ekelteppich in den breiten Fluren ist Geschichte. Glaswände trennen die Unterrichtsräume ab, sodass Marktplatz und Fachräume zu offenen Lernlandschaften werden, die die Schülerinnen und Schüler je nach Bedarf nutzen können. „Es sieht genauso aus, wie wir es uns vorgestellt haben“, sagt Schülerin Martina Bui zufrieden. Und auch die Lehrkräfte freuen sich. „Durch die Raumgestaltung kooperieren wir Lehrkräfte des Fachbereichs viel stärker und lassen auch die Kinder klassenübergreifend arbeiten, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Theaterstück zu proben oder Präsentationen zu machen“, sagt Martina Just, Lehrerin für Englisch und Spanisch. Noch aber ist die Schule nicht fertig, Etage für Etage ziehen die Klassen in Container um. 2024 ist die Komplettübergabe geplant, Schülerin Martina Bui wird dann die Schule schon verlassen haben, aber sie ist stolz, den Bau für die nachfolgenden Generationen mitgestaltet zu haben.

Was bedeutet die Phase Null im Schulbau?

Als „Phase Null“ wird der Beteiligungsprozess bezeichnet, der den klassischen Planungs- und Bauphasen beim Schulbau vorausgeht. Hierbei kommen Vertreterinnen und Vertreter der Schule, der Verwaltung und der Architekturbüros zusammen. Ziel ist es, dass die Bedarfe der Nutzerinnen und Nutzer in die Entwürfe und die Bauphase einfließen und Lernräume entstehen, die einer zeitgemäßen Pädagogik entsprechen.