Klimaschutz an Schulen : Pausendienst für das Klima

In Prenzlauer Berg hat eine Schule eine Klimavereinbarung mit dem Berliner Senat ausgearbeitet. Die Kinder trennen Müll und hoffen auf Nach­ah­me­r.

Dieser Artikel erschien am 17.03.2022 in der taz
Ruth Lang Fuentes
Schüler sammelt Plastikflachen
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Große Pause: Für die Sechs­tkläss­le­r:in­nen der Schule am Senefelderplatz im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg bedeutet das diese Woche Müll sammeln auf dem Pausenhof. Nicht als Strafe, sondern weil Ver­tre­te­r:in­nen des Schü­le­r:in­nen­par­la­ments vor zwei Wochen vor den Augen von Berlins sozialdemokratischer Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse recht feierlich eine von allen Schü­le­r:in­nen ausgearbeitete Klimavereinbarung unterschrieben haben. In dieser verpflichten sie sich auch zum regelmäßigen Müllsammeln auf dem Hof. Beim Hausmeister holen sie sich rote Plastikeimer und Holzzangen und machen sich auffallend motiviert an die Arbeit. Nächste Woche ist dann eine andere Klassenstufe dran.

Die Grundschule ist eine der ersten Schulen, die eine solche Klimavereinbarung abgeschlossen hat. „Der Vorschlag kam im September letzten Jahres von der damaligen Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Sie hat uns angeschrieben und gefragt, ob wir nicht eine Klimavereinbarung erarbeiten wollten“, erzählt die stellvertretende Schulleiterin Josephine Pollack, die das Projekt das letzte Schulhalbjahr über betreut hat. Sie habe die Idee den Schü­le­r:in­nen vorgeschlagen und diese hätten großes Interesse gezeigt. Es gab Anregungen und Material, zum Beispiel eine von Kli­ma­wis­sen­schaft­le­r:in­nen erarbeitete Mustervorlage für die Klimavereinbarung.

Die Endfassung „Gutes Klima, Zukunft prima“ hätten die Kinder aber letzten Endes in vielen Stunden des Ideensammelns, Zusammentragens und unterein­ander Abstimmens eigenständig erstellt, erzählt Pollack. Als Höhepunkt des Projekts habe das Schü­le­r:in­nen­par­la­ment an der Klimazukunftskonferenz im vergangenen Dezember teilgenommen, die seit 2019 jährlich im Zeiss-Großplanetarium im Prenzlauer Berg stattfindet. Hier erhielten sie in wissenschaftlichen Vorträgen und Workshops den nötigen Input zur Umsetzung von Klimaschutz an ihrer Schule. Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie organisiert die Konferenz mit dem Ziel, Klimabildung für möglichst viele Schulen zu fördern.

Neben der Schule am Senefelderplatz haben auch noch das Immanuel-Kant-Gymnasium in Lichtenberg und die Schule am Bienenwaldring in Neukölln, ein Förderzentrum mit sonderpädagogischem Schwerpunkt, eine Klimavereinbarung unterschrieben. Dass eine Grundschule so viel Begeisterung und Initiative für das Thema zeigt, bewegte Senatorin Busse schließlich dazu, Patin der Schule zu werden und bei der Unterzeichnung dabei zu sein. Wenn es nach ihr ginge, soll die Schule eine Blaupause für Klimapädagogik in ganz Berlin, oder besser noch, ganz Deutschland werden. Ein realistischer Wunsch?

Projekte für Klimaschutz an deutschen Schulen

Tatsächlich ist Berlin bislang das einzige Bundesland, in dem Schulen eigene Klimavereinbarungen aufstellen. Dennoch: Klimaschutz ist mittlerweile bundesweit ein fester Bestandteil in den Lehrplänen. Klimabildung soll dabei fächerübergreifend angegangen werden. In Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen ist beispielsweise „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ fest im Bildungsplan des jeweiligen Landes verankert.

In Hamburg haben manche Schulen sogenannte Klimaräte. Der Klimarat eines Gymnasiums im Hamburger Stadtteil Altona hat „Klima-Challenges“ gestartet, um Menschen zu mehr nachhaltigem Handeln im Alltag zu motivieren, und sich Herausforderungen überlegt, wie zum Beispiel: Schaffst du es, eine Woche lang in der Mittagspause ohne Plastikverpackungen auszukommen?

In jedem Schul­fach kann man etwas für das Klima lernen
Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse, SPD

Die Grundschule in Prenzlauer Berg hat wohl die perfekten Startbedingungen, was Klimathemen angeht: Viele der rund 400 Schü­le­r:in­nen seien schon vom Elternhaus aus für das Thema sensibilisiert, sagt Pollack. „Einige waren schon mit ihren Eltern auf Fridays-for-Future-Demos und wissen gut Bescheid. Viele Eltern kaufen im Biomarkt ein und konsumieren bewusst weniger Fleisch.“ Dennoch sei es der Schule wichtig, ärmere Familien nicht zu benachteiligen und auch denjenigen kein schlechtes Gewissen zu machen, die zu Hause nicht so viel Wert auf Klimaschutz legen oder legen können, betont die Lehrerin.

Auf dem Berliner Lehrplan steht das Thema ohnehin sehr stark im Fokus: „In jedem Schulfach kann man was für das Klima lernen“, sagt Senatorin Busse bei ihrer Ansprache an die Kinder. Das zeigt sich auch an der Schule am Senefelderplatz: Josephine Pollack erzählt von ihrem Kunstunterricht, in dem die Kinder Eisbären malen sollten und bei der Suche nach Vorlagen auf Fotos von abgemagerten Eisbären in freier Wildbahn gestoßen sind. Dadurch sei das Thema Klimakrise automatisch in den Unterricht eingeflossen. Oft komme aber der Bezug zur Klimakrise von den Kindern selbst, erzählt sie weiter. Als sie sich für den Sportunterricht überlegen sollten, wie sie sich das perfekte Olympiastadion vorstellten, erwähnten sie erneuerbare Energien und nachhaltige Bauweisen.

Für eine frühe Sensibilisierung für den Klimawandel

Der Schwerpunkt liegt somit sehr stark auf dem pädagogischen Aspekt, um die Schü­le­r:in­nen früh über die Klimakrise aufzuklären. Für andere Unterrichtsthemen, wie etwa die Demokratiebildung, lautet die Devise ebenfalls „je früher, desto besser“, bekräftigt die Forschungseinrichtung Deutsches Jugendinstitut. Eine möglichst frühe Sensibilisierung sei wichtig, da die Entwicklung eines Werte- und Normensystems bereits mit der Geburt beginne. Analog dazu soll ein frühes Bewusstsein für den Klimawandel eine langfristige Auswirkung auf das Handeln der Kinder und somit auf das Klima haben.

Mehr Pflanzen im Klassenzimmer und der Energiedienst, der dafür sorgen soll, dass das Licht in den Räumen nicht unnötig brennt, verändern insgesamt wohl eher wenig. Das sei auch nicht der Anspruch der Schule, sagt Pollack. Viele Menschen hätten sehr hohe Erwartungen, dass eine solche Initiative eine Klimabilanz weitreichend verbessere. Aber: „Für uns hat die Tatsache, dass die Vereinbarung aus der Schü­le­r:in­nen­schaft entwickelt wurde, einen enormen Wert. Wenn andere darauf aufmerksam werden und sich unser Vorhaben in anderen Schulen multipliziert, haben wir im Kleinen etwas Größeres geschafft“, sagt sie.

Auch Schulleiterin Simone Schumann betont bei der Unterzeichnung, dass beim Klima „die kleinen Dinge wichtig“ seien. Damit setzt sie den Fokus ihrer Schule bei Klimaschutz auf Eigenverantwortung. So auch bei der konsequenten Mülltrennung – neben dem Energiedienst sowie dem gemeinsamen Müllsammeln einer der wichtigsten Punkte der Klimavereinbarung.

Die Schule hat zwei Tonnen anschaffen lassen: eine blaue für Papier und eine gelbe für Plastikmüll. In jeder Klasse sorgt der zuständige Klassendienst nicht nur dafür, dass der jeweilige Müll in den richtigen Eimern landet, sondern bringt diese am Ende des Tages zu den Tonnen, um die Mülltrennung zu gewährleisten. Eigentlich seien die Reinigungskräfte dafür zuständig, diese werden aber von großen Reinigungsunternehmen geschickt, würden dann meist alles in eine Tonne werfen und niemand könne das kontrollieren. Nun übernehmen die Schü­le­r:in­nen diese Verantwortung.

Auch die Klimabilanz könnte sich verbessern

Diese Maßnahme könnte am Ende die größte Wirkung für die Klimabilanz entfalten. Denn laut dem von Greenpeace und dem Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg entwickelten CO2-Schulrechner spart schon jede Tonne verwertbares Plastik oder Papier, das nicht im Restmüll landet, 350 Kilogramm CO2 ein – das entspricht etwa einer 2.000 Kilometer langen Autofahrt.

Und so scheint bei den Schü­le­r:in­nen bislang auch noch kein Ohnmachtsempfinden angesichts der drohenden Klimakatastrophe eingetreten zu sein. Im Gegenteil: Bei der Unterzeichnung reißen sich die Kinder geradezu um den Ökodienst. Für die Klassenfahrt im Sommer ist unter anderem auch eine Müllsammelaktion am Ostseestrand geplant.

Patin Astrid-Sabine Busse betonte gegenüber den Schüler:innen, wie besonders das Projekt sei, da jede Schule die Möglichkeit bekomme, ihre individuellen Entscheidungen zu treffen. Die Klimavereinbarungen an den Berliner Schulen sind zudem unabhängig von Auszeichnungen, die es deutschlandweit für Schulen gibt, die besonders umweltverträgliche Konzepte ausgearbeitet haben. Projekte wie „Thüringer Nachhaltigkeitsschule – Umweltschule in Europa“, „Klimaschule“ oder „Schulen der Zukunft“ bieten Preisgelder und Unterstützung vom Land für die Umsetzung von Klimaschutz an Schulen.

Um eine solche Auszeichnung möchte sich Schulleiterin Simone Schumann aber erst einmal nicht bewerben. In ihrem Projekt geht es vor allem darum, dass die Kinder selbst in demokratischen Prozessen innerhalb von Klassen- und Schulrat die für sie wichtigen Kriterien ausgearbeitet haben und diese jetzt umsetzen. Um von den Leh­re­r:in­nen aufgesetzte Regeln zum Klimaschutz soll es hingegen nicht gehen.

Auf Nach­ah­me­r:in­nen hoffen, Eigenverantwortung üben

Einen Kiosk, um als Schule ein Zeichen gegen Verpackungsmüll oder klimaschädliche Lebensmittel zu setzen, hat die Schule am Senefelderplatz nicht. Dafür gibt es ein Beet auf dem Schulhof und zumindest einige motivierte Schüler:innen, die dafür sorgen wollen, dass das Pausenbrot in wiederverwendbare Bienenwachstücher eingepackt wird statt in Alufolie.

Wie das genau durchgesetzt werden kann, ist nicht ganz klar – vor allem an Schulen mit weniger klimasensibilisierten Schüler:innen. Ziel ist, dass möglichst alle Berliner Schulen eine Klimavereinbarung abschließen, sagt Martin Klesmann, Sprecher für Bildung des Berliner Senats.

Währenddessen setzen die engagierten Grund­schü­le­r:in­nen am Senefelderplatz ihr kleines Zeichen für das Klima. Im Schatten der Klimakrise sammeln, trennen und vermeiden sie Müll und hoffen auf Nachahmer:innen.