Pädagogische Beziehungen : Ein vernachlässigtes Thema rückt in den Fokus

180 Lehrkräfte aus ganz Deutschland diskutieren in Berlin darüber, wie die Beziehungskultur an Schulen besser werden kann. Auf dem Forum „Beziehungen gestalten – erfolgreich lernen“ rückt die Deutsche Schulakademie das lange vernachlässigte Thema in die Öffentlichkeit und kündigt Handlungsempfehlungen an.

Florentine Anders / 12. Februar 2019
Das Interesse am Forum der Deutschen Schulakademie zum Thema Beziehungen war groß. Auch das Schulportal war vor Ort mit dabei.
©Lars Rettberg (Deutsche Schulakademie)

Dass es einen Zusammenhang zwischen der pädagogischen Beziehung und dem Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler gibt, ist den meisten Lehrkräften bewusst. Doch wie gestaltet man diese Beziehung professionell? Und welche Bedingungen sind an Schulen förderlich für eine gute Beziehungskultur?

Mit dem zweitägigen Forum „Beziehungen gestalten – erfolgreich lernen“ am 11. und 12. Februar in Berlin hat die Deutsche Schulakademie das Thema Beziehungen in die Öffentlichkeit gerückt und damit offenbar einen Nerv getroffen. Innerhalb kurzer Zeit war der Kongress ausgebucht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland und aus allen Schulformen.

Die professionelle Gestaltung von Beziehungen spielt in der Ausbildung oft keine Rolle

Lehrerin Wiebke S. hat vor einer Woche ihre Ausbildung abgeschlossen und ist nun Klassenlehrerin einer ersten Klasse. „In den ersten Stunden habe ich sofort gemerkt, wie wichtig der Aufbau einer guten Beziehung zu den Kindern ist. Doch in der Ausbildung habe ich kaum etwas darüber gelernt“, sagte die Teilnehmerin des Forums. In den Workshops erhoffe sie, praktische Tipps aus anderen Schulen mitnehmen zu können.

„So ein großes Interesse gab es noch nie an einem Forum der Schulakademie“, sagte Barbara Riekmann aus der Arbeitsgruppe „Professionelle Beziehungsgestaltung“, die das Forum vorbereitet hat. Das neue Interesse an der Beziehungsgestaltung ist aus ihrer Sicht nicht überraschend: „Das Thema wurde lange Zeit vernachlässigt“, sagte Riekmann. Dass es jetzt verstärkt in den Fokus rückt, liege auch an der Forschung. Inzwischen gebe es empirische Studien, die den Zusammenhang der Beziehungen mit dem Bildungserfolg klar belegen, so Riekmann. Dabei werde auch deutlich, dass die Beziehungsgestaltung nicht nur eine individuelle Angelegenheit des Lehrenden sei. Vielmehr müsse die Beziehungskultur systemisch in der Schule verankert werden.

Modelle, wie das gelingen kann, haben Vertreterinnen und Vertreter erfolgreicher Schulen auf dem Forum in Workshops zu verschiedenen Aspekten dargestellt und mit den Lehrkräften diskutiert.

Kollegiale Fallberatungen an der Wartburg-Grundschule

Im Workshop zum Thema „Eine gelingende Beziehungskultur in der Schule schafft Sicherheit, Vertrauen und nimmt Angst“ etwa stellte Marion Weist-Konen das Konzept der Wartburg-Grundschule in Münster vor. An der Schule, die 2008 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, gibt es beispielsweise jeden Freitagmorgen kollegiale Fallberatungen für Lehrkräfte, die in bestimmten Situationen mit Schülerinnen und Schülern an ihre Grenzen geraten sind. Gemeinsam wird beraten, wie die Situation am besten zu händeln ist. Damit jede Lehrkraft die Möglichkeit hat, bei Bedarf an der Fallberatung teilzunehmen, sind an der Wartburg-Grundschule freitags in der ersten Stunde immer zwei Pädagoginnen oder Pädagogen in einer Klasse.

Selbstreflexion und Supervision sollten in der Ausbildung verbindlich werden

Gute Beziehungen sind auch abhängig von guten Rahmenbedingungen. Deshalb wollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam Handlungsempfehlungen für Schule und Politik diskutieren. Als Diskussionsgrundlage dient ein Entwurf von acht Leitlinien, der in den kommenden Wochen weiter präzisiert werden soll. Ein  Kernsatz darin lautet: „Der Aufbau von professionellen Beziehungen muss gelernt werden“. Elemente etwa wie Beziehungsgestaltung, Selbstreflexion und Supervision sollten verbindlich in die Ausbildung von Lehrkräften einfließen. Eine weitere Empfehlung in dem Entwurf lautet, jede Schule solle durch entsprechende Verfügungsstunden die Möglichkeiten für Formen der kollegialen Zusammenarbeit schaffen. Dazu gehörten auch kollegiale Fallberatungen oder gegenseitige Hospitationen.

Beziehungskultur braucht Strukturen, betont auch die Vorsitzende des Grundschulverbandes Maresi Lassek, die das Forum mit konzipiert hat. „Es ist wichtig die Beziehungskultur als etwas sehr Zentrales an den Schulen ins Bewusstsein zu rücken“, sagte Lassek. Dazu gehöre nicht nur das Verhältnis der Lehrkräfte zu den Schülerinnen und Schülern, sondern auch das Verhältnis zu den Eltern und der Kolleginnen und Kollegen untereinander. Das Umfeld des Lernens müsse neben dem Fachwissen und der Fachdidaktik endlich in den Blick genommen werden, sagte die Vorsitzende des Grundschulverbandes.

Seelische Gewalt wird oft ignoriert

Wie notwendig der Blick auf die pädagogischen Beziehungen ist, machte auch die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel auf dem Forum eindringlich klar: „Wir dürfen vermuten dass 75 Prozent aller Interaktionen anerkennend oder normal verlaufen, 20 Prozent leicht verletzend und 5 bis 6 Prozent sehr verletzend sind“, sagte Prengel, die auch Mitautorin der Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen ist. Eine sehr verletzende Situation sei es zum Beispiel, wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer zu einem Kind sagt: „Du bist dumm und faul und unsere Besucher sehen, wie dumm und faul Du bist.“ Oder: „Dich nehme ich nicht dran. Du weißt die Antwort sowieso nicht“, „Schreibe wenigstens Deinen Namen darauf. Damit überhaupt etwas dort steht.“ Das seien Handlungsweisen, die tatsächlich vorkommen und die in diesem System möglich sind, betonte Prengel. „Nachdem körperliche Gewalt weitestgehend verschwunden ist, sexualisierte Gewalt öffentlich diskutiert wird, ist seelische Gewalt die häufigste und am meisten ignorierte Form“, sagte Prengel auf der abschließenden Podiumsdiskussion.

Mehr zum Thema

  • Die „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen” bestehen aus zehn Leitlinien und geben Orientierung für den Alltag in pädagogischen Feldern.
  • Wolfgang Vogelsaenger vom Programmteam der Deutschen Schulakademie beantwortet im Interview mit dem Schulportal Fragen zur Beziehungsgestaltung an Schulen.
  • Wie das Lerncoaching zu einer positiven Beziehungskultur beitragen kann, ist in dem Konzept-Video der Waldparkschule Heidelberg auf dem Schulportal zu sehen.
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